Einen Stern vom Himmel geholt

26. Februar 2012

Zwei Geschichten von Pu Songling sind im rechten Buch drin, die in der linken Auswahl nicht enthalten waren. Eine ist “Der Donnergott” (雷曹).

Die Freunde Yue und Xia wachsen gemeinsam auf. Xia ist ein Wunderkind. Yue lernt von ihm, Xia hilft ihm, und er schafft es schließlich auch zu gleichem Renommee. Trotzdem scheitern beide bei der Prüfung. Xia stirbt früh und Yue versorgt seine Hinterbliebenen mit, bis seine Einkünfte nicht ausreichen. Da verlegt er sich von der Kultur auf den Handel.

So führt Pu seine Hauptfigur ein. Einen Zusammenhang mit dem Folgenden, dem Überirdischen, das sich entspinnt – so heißt Pu Songlings Werk 《聊斋志异》, weil das Notierte 异 yì ungewöhnlich, außerordentlich, erstaunlich ist -, konnte ich lange nicht erkennen. Bis der letzte Satz ihn herstellt.

In einem Gasthaus trifft Yue auf einen großen Mann, dem er Essen spendiert. Der vergilt es ihm, indem er Yue und all seine Habe rettet, als die Fähre kentert. Seltsam ist, dass er keinen Spaß versteht. Als Yue scherzt: “Prima, mir ist nichts verloren gegangen. Nur eine kleine Haarnadel fehlt.”, springt der Mann gleich noch einmal in den Fluss und holt eine herauf.

Als sich der Himmel bezieht und Regen droht, sagt Yue leichthin: “Ach, ich wüsste gern, wie es über den Wolken ist und was Donner eigentlich ist.” Der Mann fragt ihn lachend: “君欲作云中游耶? Willst Du mal in den Wolken wandeln?” Yue wird müde und legt sich auf eine Pritsche (榻 tà langes, schmales, niedriges Bett).

既醒,觉身摇摇然,不似榻上;开目,则在云气中,周身如絮。惊而起,晕如舟上。踏之,[上而下大]无地。

Als er erwachte, spürte er seinen Körper schaukeln und schwanken, gar nicht, als läge er auf der Pritsche. Als er die Augen öffnete, befand er sich in Wolkendunst, rings um ihn war es wie Watte. Erschrocken erhob er sich, da wurde ihm schwindlig wie auf einem Boot. Als er mit dem Fuß auftrat, trat er ins Weiche und nicht auf Boden.

Das Zeichen lag dem Tipper wohl nicht vor, denn er hat es zergliedernd notiert. Die eckigen Klammern um [上而下大] bedeuten, dass (genau) ein Zeichen beschrieben wird, und drinnen steht: “oben 而, unten 大”.

Später klärt der Erzähler auf, dass der hilfsbereite Fremde ein Donnergott ist, für eine befristete Zeit auf die Erde verbannt, weil er es nicht hat regnen lassen, als es ihm befohlen war. Er ermöglicht Yue nun also eine Reise über die Wolken, die dieser erlebt wie einen Traum, aus dem er nicht aufwachen kann.

仰视星斗,在眉目间。遂疑是梦。细视星箝天上,如老莲实之在蓬也,大者如瓮,次如瓿,小如盎盂。以手撼之,大者坚不可动;小星动摇,似可摘可下者。遂摘其一,藏袖中。拨云下视,则银海苍茫,见城郭如豆。

Als er zu den Sternen aufsehen wollte, befanden die sich zwischen seinen Augenbrauen und Augen. Da wusste er, dass es ein Traum war. Genau hinschauend sah er, dass die Sterne am Himmel befestigt waren wie in einer Lotosfrucht. Die größten wie in großen Tonkübeln (瓮), die nächsten wie in kleineren Kübeln (瓿), die kleinen wie in kleinen Gefäßen (盎) und Näpfen (盂). Er rüttelte mit der Hand daran. Die großen waren fest und ließen sich nicht bewegen. Die kleinen ließen sich schütteln und ihm schien, als könne man sie abpflücken. Also pflückte er einen ab und barg ihn in seinem Ärmel. Als er die Wolken beiseite schob und hinabblickte, war der silberne Ozean grenzenlos und er sah große Städte klein wie Bohnen.

Die vier Gefäße, die zur Größenunterscheidung der Sterne aufgeboten werden, sind 瓮 wèng Steingutkübel, irdene Tonne und 瓿 bù kleiner Krug, Krüglein, beide mit dem Radikal 瓦 wǎ Töpferware, sowie 盎 àng altes bauchiges Gefäß mit kleiner Öffnung und 盂 yú Napf, Topf, beide mit dem Radikal 皿 mǐn Schüssel.

Wie Donner ensteht, erfährt er, als er zwei Drachen einen (unbemalten, vermerkt Pu) Karren ziehen sieht. Ihre Schwänze knallen wie Peitschen und das ist der Donner. Der Wagen transportiert ein großes Wasserfass, aus dem Helfer Wasser hinabsprenkeln. Einer von ihnen ist der Fremde, der Yue geholfen hatte. Er stellt ihn seinen Genossen vor und lässt ihn auch mal sprenkeln. Yue sprenkelt großzügig Wasser dorthin, wo er sein Dorf vermutet, weil Dürre herrscht. Zuletzt lässt der Fremde Yue an einem der Seile, zehntausend Fuß lang, mit denen die Drachen den Wagen ziehen, hinunter.

Zuhause schaut Yue in seinem Ärmel nach dem Stern. Er war noch da.

出置案上,黯黝如石;入夜,则光明焕发,映照四壁。

Er nahm ihn heraus und legte ihn auf den Tisch. Tiefschwarz war er wie ein Stein. Als es Nacht geworden war, leuchtete er aber hell und beschien die vier Wände.

Yue verwahrt ihn als Kostbarkeit und holt ihn höchstens mal raus, wenn ein kultivierter Gast kommt, damit er ihnen als Licht beim Trinken diene. Als seine Frau sich nachts kämmt, blinkt der Stein auf, schießt wie ein Glühwürmchen in ihren Mund, sie will ihn ausspucken, doch er ist schon runtergerutscht. Sie wird schwanger und sie nennen den Sohn, der ein heller Kopf wird, 星儿 xīng’ér Sternenkind. Mit sechzehn schon besteht er die höchste Beamtenprüfung.


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