Archiv für 11. Januar 2012

Sind Sozialarbeiter Männer oder Frauen?

11. Januar 2012

Cornelia Travnicek – aktueller Roman “Chucks” – lenkt unsere Aufmerksamkeit auf einen Artikel über gendergerechte Sprache:

Probanden würden nach dem Satz “Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof” den Folgesatz “Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere Männer/Frauen keine Jacke” eher in der männlichen als der weiblichen Form erwarten. Das zeige, dass “Sozialarbeiter” nicht als generisches Maskulinum verstanden werde.

Ich sehe das anders. Es gibt drei Fälle: 1. alle Sozialarbeiter sind Männer, 2. es sind Männer und Frauen, 3. es sind nur Frauen.

Als Leser schließe ich den 3. Fall aus, da es sonst “Sozialarbeiterinnen” geheißen hätte. Jedenfalls würde ich solches im 3. Fall erwarten, da es spezifischer ist, also mehr Information trägt, ohne viel umständlicher zu sein.

Doch weiß ich noch nicht, ob “Sozialarbeiter” als generisches Maskulinum gemeint ist. Beide Fälle 1 und 2 bleiben möglich. Das Gemeinsame ist, dass in beiden Fällen Männer in der Gruppe, der Unterschied, dass nur im 2. Fall Frauen darunter sind. Folgen im Folgesatz “Männer”, ergibt sich keinesfalls ein Widerspruch. Folgen “Frauen”, widerspricht es der Situation von Fall 1.

Da die Leserin nicht weiß, was der Autor meint, ist sie auf der sicheren, widerspruchsfreien Seite, wenn sie den Satz mit “Männern” folgen lässt. Ihr Ziel ist vielleicht nicht so sehr die Ergründung des Gemeinten der Autorin, was im Testsetting auch aussichtslos ist, sondern eine größtmögliche Kohärenz der Geschichte.

Die im Artikel gezogene Folgerung kann man eigentlich nur ziehen, so man fordert, dass “Sozialarbeiter” allein als generisches Maskulinum zu verstehen sei. Dann hätte man nachgewiesen, dass dem eben nicht so sei. Weil die Leserinnen aber wissen, dass dem nicht so ist, liefern sie ein Testergebnis, welches eher den komplexen Realitäten als einem imaginären Wunschdenken entspricht.

Hier der Beitrag von Stefanowitsch.


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