13.01.
Übermorgen darf ich die Vorpremiere des diesjährigen Divertissementchens erleben. Jedes Jahr führt die Spielgemeinschaft des Männergesangsvereins – benannt nach dem Gebäude, in dem ich einmal erneut eine Ausbildungsabschlussprüfung schreiben durfte, nachdem bei der eigentlichen die Aufgabenstellung den Abend zuvor durchgesickert war – eine Art Revue auf mit Gesangs- und Balletteinlagen, die sich dadurch auszeichnet, dass alles auf Kölsch gesprochen wird und sämtliche Rollen von Männern verkörpert werden. Meine Mutter hat sich vor dem Fernseher kaputtgelacht, wenn ein kleiner Dicker im Tutu eine graziöse Frau mimte.
Letztes Jahr habe ich es nicht im Fernsehen verfolgt, vorletztes vielleicht auch nicht. Übermorgen werde ich also die Vorpremiere erleben, bevor selbigen Tags abends die Premiere startet. Se singe sich wärm, sach ich ma. Heuer schon verfielen Kollegen ins Krätzchesinge. Die alte Nieß sang das eine und andere schön, wenn auch leise zögerlich vor. Wir lobten sie und wollten sie gewinnen, zur Karnevalsfeier solche Lieder zu singen. Der gesangsvereinserprobte Kollege fiel zuweilen ein, erklärte uns unterdessen auch die Historie Willi Ostermanns Zo Foß noh Kölle jonn, in dessen einer von fünf Strophen der Texter vier der fünf von den Nazis verlangten Schlüsselwörter kumuliert hätte, so dass diese wie die erste Strophe der Nationalhymne heute nicht gesungen werde, usw. (Leider finde ich nichts darüber und kann es nicht belegen.) Die Blümchen für die Fensterbank der ahl Frau Schmitz kamen vor. Und wie es früher ach so schön doch in Colonia war. Und Apollonia.
Eigentlich verlangte ich von ihr Aufklärung, was die im Programmzettel erwähnte “sächsische Kraat” bedeute. Sie druckste eine Weile herum, bis sie sich überwand, dass Kraate so was wie von der Straße, Asoziale bedeute. So sei eine Ehrenfelderin mit einem aus Kalk gegangen. Der sei in ihrem Umfeld nicht gut angekommen, ohne dass dieses ihn individuell kannte, sondern als “Kalker Kraat” diffamiert worden, einfach weil Kalk ein schlechtes Image hatte. Sie sagt, dass es noch heute eine Karnevalsgesellschaft namens “Kalker Kraate” gebe.
14.01.
Die Handlung des diesjährigen Divertissementchens ist, wie der gebildete Kollege richtig bemerkte, My Fair Lady nachgebildet. Die Oper kündigt sie folgendermaßen an:
Im Jahr 1922 wird überraschend eine Frau Kölner Oberbürgermeisterin. Sogleich sucht sie eine Quote einzuführen. Was böte sich da mehr an, als die Jungfrau des Kölner Dreigestirns, die traditionell von einem Mann verkörpert wird, nun endlich durch eine Frau zu besetzen? Man macht sich also auf die Suche nach einer solchen. Zwar lassen sich durchaus einige Exemplare auftreiben, doch sind die durch die Bank hässlich. Im Bereich der Stadt Köln ist also nichts zu finden, doch in Sachsen existiert eine ansehnliche. Problem: sie spricht kein Kölsch. Da bietet sich ein Professor der Akademie för uns kölsche Sproch an, der Kandidatin den Dialekt bis rechtzeitig zur Session beizubringen.
Ich frage mich, ob die Sächsin, verkörpert natürlich durch einen singenden Mann, nun wohl ein Kölner ist, der den sächsischen Dialekt spielt, oder etwa ein aus Sachsen zugezogenes Gesangsvereinsmitglied, welches sich den Kölner Dialekt antrainiert hat. Da mir die Gegenüberstellung Kölsch – Sächsisch jedoch so krass vorkommt, neige ich dazu, dass es eine freie Idee des Drehbuchschreibers war und nicht die Aufnahme einer wahren Begebenheit aus den Tiefen des Chors.
Dass die Handlung nostalgisierend im Jahr 1922 spielt, kommt mir insofern entgegen, als ich gerade Proust lese, der 1922 gestorben ist und seine Zeit teils unveröffentlicht hinterlassen hat. Dass die Sächsin eines Kölner Malers Modell ist – hätte sich der Blick der Honorigen je über den Tellerrand der Stadtgrenze und des näheren Umlands hinaus erhoben? Obwohl der Oberbürgermeister kürzlich, wie in der Kölnischen Rundschau gelesen
dort aber leider nicht online, eine Rheinschifffahrt mit dem aus Frankfurt angereisten Volksvertreter Chinas Wen Zhenshun zu Ehren eines Partnerschaftsjahres unternommen hat – passt auch zur Motivik von Prousts Roman, in dem es nicht zuletzt um die Werke bildender Kunst geht, die schön im Band von Eric Karpeles versammelt sein sollen, in den ich noch nicht zu schauen Gelegenheit hatte. Da fällt mir ein, dass sich eine Pointe gegen den Fälscher Wolfgang Beltracchi anbietet. Ich glaube, darauf werde ich lauern.
Die Vorstellung begann um 15 Uhr, nach zwei Stunden kam eine Viertelstunde Pause, dann noch einmal eine Stunde. Manche Zuschauer trugen karnevaleske Accessoires, so patriotisch-rote Schals, oder einem älterem Mann blinkten rote LEDs im Kreis am Revers. Bei einem Blick aus dem Fenster des rundlichen Gebäudes ins Fenster eines nahen eckigen erschrak ich, als ich zwei komplett Verkleidete, was mir Frauen schienen, sah. Später traten sie auf die Bühne, es waren Schauspieler in ihren Zwanziger-Jahre-Kostümen gewesen.
Die Vorstellung war ausverkauft. Vorher wurden wir darauf hingewiesen, dass wir zwar Schlussapplaus spenden, aber nicht darauf warten, dass die Schauspieler vor den Vorhang kommen, sich ihren Applaus abzuholen. Vor der Premiere – es war ja die Vorpremiere – bringe das Unglück. Nach der Pause sagte ein Mann mit roten Hosenträgern dasselbe noch einmal an, aber mit anderer Begründung, nämlich technischen Problemen. Wir denken, es blieb wenig Zeit zwischen Vor- und Premiere, denn die war für 19 Uhr angesetzt und die Garderobenabfertigung kostet Zeit.
Wir saßen im zweiten Rang und mir gefiel, dass ich in den Orchestergraben hineinschauen konnte. Links stand der Kontrabass, rechts ein Tubist. Die Ouvertüre begann mit Mahler-Klängen, gefolgt von Gershwin. Als bei einem Zwischenspiel weißbehandschuhte Hände zu den Klängen von Leroy Anderson schreibmaschinetippten, konnte ich dem Percussionisten bei seiner schwierigen Arbeit zusehen.
1. Aufzug: Gasthaus. Ursula “Ulla” von den Sinnen ist zur deutschlandweit ersten Oberbürgermeisterin gewählt worden. Das hat sie mit ihrer Assistentin Daphne Bielefeld geschafft, indem sie den Vortag zum Tag der Männer ausgerufen hat mit freiem Saufen. So lag die Wahlbeteiligung bei nur 13 % und sie wurde mit 75 % der Stimmen gewählt. Ihre Kampagne lief unter dem Motto “Yes we can” und hatte als Emblem eine Faust mit rotlackiertem Daumennagel. Sie wagt einen Ausblick, dass Deutschland vielleicht eines Tages eine Kanzlerin haben möge. Fürs erste setzt sie ein Zeichen und verlangt die Quotenfrau für den Kölner Karneval. Gab es früher 11.000 Jungfrauen in Köln, müsste heute doch eine geeignete Kandidatin zu finden sein. Es melden sich 111, aber das ist schon der nächste Aufzug.
So ganz zu Beginn kam in der Rede der Ulla ein Versprecher, der für Gelächter sorgte. Nämlich sie vertat sich: “Das Matriarchat ist am Ende.” P, Ulla!
2. Aufzug: Gasthaus. Man sitzt und wartet und klagt über das Klavierspiel eines Leberecht Moll, der seine Tonleitern spielt. Denn der Doktor ist die Kandidatinnen am Untersuchen. 108 von den 111 entfallen, es bleiben drei. Die sollen nun etwas vorführen. Die erste heißt Bärbel, kommt aus Lindenthal und ist auf eine Waldorfschule gegangen. Sie will einen Witz tanzen. Sie tut das, vertut sich, nochmal von vorne, dann richtig, und einer der Juroren erkennt, sie habe “Kölle Alaaf” ausdrucksgetanzt. Den Witz hab ich nicht verstanden. Die zweite heißt Züff (Sophie) aus dem Vringsveedel, heult (von der durchgefallenen Bärbel angesteckt) und singt ein Heulbojenlied, nach der Melodie “An der Nordseeküste”. Die dritte ist die Favoritin, da Nichte, der OB. Sie heißt Tring und singt “Weil ich eine Jungfrau bin” nach der Melodie “Weil ich ein Mädchen bin” mit der Pointe, mal sehn, ob ich Aschermittwoch immer noch Jungfrau bin.
Man will auch sie, die sich lasziv auf die Schöße der verschiedenen Männer schmeißt, nicht haben. Einem fällt ein, es gibt da das Modell des Malers Cajus, die mache was her.
3. Aufzug: Atelierfest. Der Maler hat Geburtstag. Er trägt einen blauen Umhang im chinesischen Stil, ich glaube, das spielt auf was in Schwabing an. Die Party steht aber unter einem amerikanischen Motto, so hält eine Gliederpuppe die US-Flagge. Es gibt lustig o-beinige Cowboyballetteinlagen. Bei schmissiger Musik wiederholte sich rhythmisch ein Ausruf des versammelten Chors, doch beim letzten fiel ein Schuss, der uns erschreckte. Einer der Cowboys hatte eine Platzpatrone abgefeuert. Vom Himmel fielen Taubenfedern.
Als Höhepunkt der Party wurde eine vor Wunderkerzen sprühende riesige Torte hereingeschoben – das Publikum quittierte mit “Ooohhh” – der das blonde Modell entstieg und “Happy Birthday, lieber Cajus” sang. Man ist begeistert. Sie wird der OB vorgestellt, bleibt aber stumm. Die OB: “Was ist mit ihr? Ist sie stumm?” Ups, spricht sächsisch, als die ihn aufmacht.
Der Professor für die kölsche Sproch bietet sich an, ihr in der verbleibenden Zeit den lokalen Dialekt beizubringen. Erst mal muss sie aber einen normaleren Namen bekommen als Eleonore Soundso. Sie wird zu Lili Schmitz.
Fast hätte ich den pnatonischen Verehrer der Lili, einen Schuhvertreter wohl, da er ihr immer neue Schuhe verehrte, mit Sprachfehler vergessen, der in einem Zwischenspiel, während umgebaut wurde, schön an einer Laterne sang, und später einen großen Erfolg als Gärtner hatte, als eine Rose, die er “Sah ein Knab” besang, sich aus der Schubkarre, mit ollem Laub gefüllt, plötzlich erhob, und der sie immerfort emphatisch seiner Niebe versicherte.
4. Aufzug: Gasthaus. Lili und der Professor beim Kölsch-Konjugieren: er/sie/es kütt, usw. Lili will verzweifeln, hat aber vor allem auch Hunger. Higgins enthält ihr Nahrung vor, bedient sich selbst aber frei der Blootwoosch, oder Flönz, die Kellnerin Röschen bringt.
Dann hab ich einen kleinen Filmriss gehabt. Denn plötzlich war eine Massenszene in Tracht mit bayrischer Musik zugange, deren Anschluss ich verpasst hab. Die Szenenfolge war schön gemacht, es wurde reinstimmig gejodelt, und zur Gaudi des Publikums schwebte im Trockeneisnebel König Ludwig an der Seite einer großen, gelben Quietscheente auf die Bühne. In heroischer Haltung, zu Wagnermusik, bewahrte er Haltung, hatte keine Sprechrolle. Der rotkarierte Chor in Lederhosen sang dazu, Obertitel zeigten die Übersetzung von Servus usw. ins Kölsch. Zwei Primaballerinen in Schwanenseeweiß konkurrierten, balgten sich fast um den Kini. Später kamen Schuhplattler und es wurde “Eins, zwei, gsuffa” gsungen. Die Szene endete mit “I bin a bayrisches Cowgirl”.
5. Aufzug: Flora. Modenschau zum Motto “Der Dschungel zu Gast in Köln”. Der Conferencier meinte, manchmal könne man meinen, er sei hier nicht zu Gast, sondern zu Haus. Fantastische Kostüme, ein Gorilla mit BH, ein Josephine-Baker-Bananenröckchen, viele Raubkatzen, Lotosblüte, Orchidee… Schrittsicher stöckelten die Models die vier Stufen vom Laufsteg hinunter, bevor sie seitlich abgingen. Hier soll, drei Tage bevor es Ernst wird, Lilis Generalprobe stattfinden. Und tatsächlich bewähltigt sie die erste Strophe eines Lieds von Hühnern auf der Hühnerfarm. Alle sind begeistert, nur Ulla verlangt: “Noch ne Strophe!” Lili bekommt einen Zettel gereicht, verhaspelt sich aber beim Ablesen/-singen. Beschämt verlässt sie die Veranstaltung und bleibt tagelang verschollen.
Auf einem Palmblatt der bejubelten Bühne hockte ein Ara.
6. Aufzug: Flora. Der Wohltätigkeitsball für “Frauen in Not” findet statt, auf dem die Kölner Jungfrau vorgestellt werden soll. Lili ist abgetaucht. Ulla bietet ihre Alternative an, die sie vorausschauend in der Hand behalten habe: ihre Nichte Tring. Die kommt auf die Bühne, knabbert was und hat einen kugelrund schwangeren Bauch. Über “Se hett de Trumm voll!” lachte das Publikum doll. Man will aufgeben, da kommt Lili auf die Bühne und singt die zweite Strophe des Hühnerlieds. Alle sind begeistert. Doch stellt sie klar: Du, Professor, wolltest mich benutzen, um deine akademische Karriere zu befördern, du, OB, wolltest mich als Quotenfrau benutzen, ich geh nach Paris.
Am Bahnhof eröffnet sie dem Professor, dass sie doch lieber mit ihm in Köln bleiben wolle. Beide verlassen den Bahnhof, auf dem der Berliner, welcher im 2. Aufzug den Großkotz – Trikotagenvertreter – im Gasthaus markiert hatte, zurückbleibt. Der Gazevorhang öffnet sich, hinter dem noch das Bühnenbild der Flora steht, und der Chor singt seine letzten Lieder: Einmal Prinz zu sein und Der Molli.
Die Moral von der Geschicht: Kölsch lernt man nicht “nebenbei”, von einem Professor, sondern auf der Straße, am besten schon als Kind. Nebenmoral: Wir brauchen keine Quotenfrauen, schaut Finchen und die anderen aus der Generation der Mutter des Professors an, die hätten auch so “ihren Mann gestanden”.
An Lokalpatriotismus wurde sonst noch angeführt, dass die Kellerin Röschen der Lili erklärt, dass der Kölner bei der Verteilung der Sprachen als letzter angestanden hätte. Alle Sprachen waren aus, da sprach Gott: “Weißt du was, sprich du einfach wie ich.” Worauf Lili erwidert, das würden die Sachsen von sich auch behaupten. Und Röschen, dass Kölsch die einzige Sprache sei, die man auch trinken könne.
Keine Beltracchi-Anspielung hab ich mitbekommen.






