Iversheim – Mechernich

4. Oktober 2014

Spät los. Um halb elf erst den Zug bestiegen. Der war voll mit einer großen Reisegruppe, aneinander gewöhnt schon und einander gehen lassend, auf dem Weg nach Trier. Frauen mampften Reiswaffeln und Bahlsen-Kekse, mit den Verpackungen knisternd. Eine klagte über Müdigkeit. Hinten stießen kleine Sektgläser an. Ein Mann mit kalten Augen, Vateraugen, vielleicht gutaussehend, das Haupthaar wie ein Helm geglättet, sprach distanziert animiert auf ein Gegenüber ein, das wie ich ausgerichtet war.

In Euskirchen Umsteigen. Großeltern mit drei Enkelsöhnen setzen sich, der Älteste einen Roller in der Hand. Wo sie aussteigen wollen, darüber gibt es Diskussionen. Die Oma nennt erst die Zuckerfabrik, dann die Endstation Bad Münstereifel. Der Opa wehrt ohne Engagement ab. Der Oma ist das falsch genannte weite Ziel peinlich. Sie steigen Kreuzweingarten aus.

Brichot hieß der etymologische Dozent, nicht Bergotte! Der war der Schriftsteller, dessen Diskrepanz zwischen Mensch und Werk Marcel so verwunderte. Stotzheim und Arloff heißen die weiteren Stationen. Iversheim stieg ich aus, um halb zwölf. Zwei Routen hatten sich angeboten, von denen ich eine wählte aufgrund der Situation vor Ort.

Ging das Schlangental hinauf. Ein Trockental, kein Gewässer, und Äcker füllen die gesamte Mulde aus. Kein Mensch, herrlich! „Guten Tag!“, bis ein Paar auf einer Bank sitzt, die Frau einen kleinen, bunten Blumenstrauß haltend. So höflich werde ich es halten den Tag hindurch.

Der steile Hang südlich mutet fast alpin an. Als ich eine Pferdeherde grasen sehe auf dem Talgrund und ein einzelnes sich Leckerbissen aus einem Baum zupft, da kommt mir ein zweites Paar Mensch entgegen. Links oben liegt Eschweiler mit weißer Kirche. Der Weg talaufwärts endet in einem T-Stück. Als ich da raste auf einer Bank und Käsebrote und einen Apfel verzehre, da kommt ein weiterer Mann vorbei und wir grüßen uns, ich stumm, weil ich den Mund voll hab.

Die Sonne scheint mich frontal an, kein Autogeräusch ist zu hören, kein Mensch mehr zu sehen. Vor den Augen leuchten Grüntöne, unterbrochen von Beige, Braun und Grau und Ocker, und darüber der blaue Himmel. Kinderstimmen schallen aus einem Waldstück. Toll, was sie sagen, kann ich nicht verstehen, es hallt etwas, vermute, dass der Wald an einem Haus gelegen.

Eschweiler lasse ich links liegen, wie ich den ganzen Tag keine einzige Kirche betreten werde. Nach rechts hinauf in Serpentinen, die Vegetation wird etwas spröder im herbstlichen Leuchten. Oben nach links, da pflügt ein Bauer sein Feld. Ihn ohne Gruß gelassen, als er neben mir einbog und mich gleichen Tritts ein Stück begleitete. Vorn trug sein Traktor eine Walze mit schrägen Profilen, hinten vergessen. Nicht mal aus den Augenwinkeln hingeschaut, als er abbog und seine Gerätschaft senkte, sodass ich nicht sicher bin, ob er pflügte oder sonst was verrichtete.

Weites Talland zieht sich zum Horizont hin. Links das Radioteleskop auf dem Stockert. Fern gleißt die Sonne in den Scheiben eines Allraders. Der setzt sich langsam in Bewegung. Ich biege rechts ab. Der Allrader beschreibt einen Bogen und fährt das Tal langsam hinab. Jetzt wird es schwierig ohne Navi. Will einen Stichweg zur Bruder-Klaus-Kapelle nehmen. Doch finde den Abzweig nicht und gehe fast 180 Grad zurück ein ganzes Stück. Bis ich das helle Rechteck der Feldkapelle erspähe, aber ein breiter, sehr langer Acker zwischen uns, sodass ich weiter abwärts wandre, um dann im Zack später ein Bachtal wieder aufwärts zu laufen. Zwei Alte mit Walkingstöcken überholt, auch die gegrüßt.

Ach so, vergessen. Auf dem Weg abwärts, der in Wachendorf geendet hätte, stellt mich der SUV. „Sind Sie der neue Förster?“ Zwei Alte darin, der eine hatte gemächlich das Fenster heruntergekurbelt. „Nein, ein Wanderer.“ Ich nannte Woher und Wohin und sie gaben mir einen Tipp für den kürzesten Weg, den ich dankend entgegennahm, aber nicht beherzigte. Langsam rollten sie wieder davon, quer durch die Botanik. Ein bisschen fühlte ich mich observiert.

Das Gras im Bachtal sehr nass vom Tau. Die Baumreihe hatte den ganzen Tag schon Schatten auf den Fleck geworfen. Versuchte, die Füße hebend zu stapfen, um die Schuhe nicht zu sehr zu durchnässen. Der Weg war kein begangener und ich geriet immer mehr in die Bredouille. Konnte das markante Gebäude nicht erspähen hinter der Anhöhe rechts, um zu wissen, wo ich abbiegen musste. Einen Stichweg ließ ich verstreichen, ein Fehler. Dann stapfte ich am Rand von nassen Wiesen entlang, gejagt vom Lärm eines Treckers, bis ich endlich etwas oberhalb der Kapelle herauskam.

Ein Magnet für Menschen sie, das kann ich bestätigen. Radfahrer rasteten auf der Betonstufe, die sie umzieht. Menschen kamen von Wachendorf heraufgestiegen, um zu glauben den kirchlichen Himmelslügen. Ein klotziger Bau, wie sich irdischer Ästhetik verweigernd, vom Schweizer Peter Zumthor, der die abweisende Front des Kölner Museums Kolumba geformt. Eine dreieckige Tür führt hinein, mich ans dreieckige Schloss von Robbie, Tobbie und das Fliwatüt einnernd. Die schwere Tür wird verriegelt, indem sich ein dicker Ring über einen niedrigen, dicken Stift senkt. Von außen kann man nicht erkennen, ob man den Türknauf heben oder drücken muss in seiner Schiene.

Ein Junge zu seiner Mutter: „Da ist es dunkel drin. Schau mal durch den Spalt!“ Die Mutter drückt den Knauf, aber die Tür geht nicht auf. Der Junge probiert es auch, auch erfolglos. Gerade als ich überlegte hinüberzugehen und ihnen meinen Walk-through zu zeigen (weil ich schon drin gewesen war), ging der Knauf ganz nach oben – der Junge beobachtete das Geschehen fasziniert – und die schwere Tür öffnete sich langsam.

Kurz war ich drin gewesen, aber wenig Platz da und schon vier Leute außer mir. Im Dunkel des unteren Bereichs wenig zu erkennen, nur Schemen. Nach oben hin wachsen Betonrippen empor, die von mir aus gesehen in einem runden Loch enden, dahinter blauer Himmel. Höher als von außen betrachtet wirkt das Gebäude hier drinnen, vermutlich ziehen die Rippen sich zeltartig zusammen. Keine Scheibe nach oben hin, was ein flacher See auf dem Boden bestätigt. Von außen führen durch die Wände regelmäßig Röhren ins Innere hinein, aber wie die sich drinnen auswirken, nicht drauf geachtet. Ob sie Licht spenden, weiß nicht. Der Beton grob, unverputzt, soll vielleicht eine Reinheit der Materie versinnbildlichen, eine Art Lehm, aus der wir geformt sind. Der Grundriss ein unregelmäßiges Fünfeck.

Ging weiter hoch von der Kapelle aus, sah rechts Rißdorf liegen, das ich als Zwischenziel den Försterjägern genannt hatte, aber ließ es da liegen und ging weiter empor, dem Röttgerhof entgegen. Das Gestrüpp der Bäume trocken im leuchtenden Herbstlicht, aber frische Wintersaat grünte auf fetten Schollen in der Talmulde. Rote Früchte sprenkelten manchmal verworrenes Grau. Am Himmel kaum eine weiße Wolke, die schwächer werdende Sonne brannte ganz schön.

Vom Hof noch weiter rauf und die Kuppen wurden kahler. Mäuse hatten Rennbahnen quer über die Wegspuren gehuscht. Leute in leichten Gefährten unterwegs. Zwei Reiter kamen mir entgegen, Vater und Tochter. Ein Radfahrer überholte mich. Zwei Wanderer männlich nämlich. Oben die Straße zwischen Eschweiler und Weiler am Berge. Rechts nach Weiler hinabgegangen. Ein ferner Blick in die Ebene bot sich. In mehrere Richtungen sogar. Erkannte aber keines der ragenden Zeichen. Das ganz Ferne verschwand im Dunst. Hätte mich übers Siebengebirge gefreut.

Von Weiler kam eine Oldtimerkarawane herauf. Vielleicht zehn Wagen, Modelle der sechziger und siebziger Jahre, aus Aachen. In Weiler roch es stark nach Gülle. Am Westrand wehte der Wind das Rauschen der Pneus von der Autobahn her. Der Weg ging ein Feld entlang, auf das frischer Mist geflockt war, noch feucht, nicht lang her, der Geruch dementsprechend. Jenseits der Autobahnbrücke Kühe mit schwarzem Schaf. Nach dem noch recht offenen Gelände ging es in einen Mischwald hinab wie kaum je gesehen. Tannen, Birken, Buchen, Eichen, Ilex, Kiefern mit Nadeln erst ganz weit oben nach langem lotrechten Schaft, manches schien Orchidee. Der Weg führte immer weiter hinab, der Wald wurde gewöhnlicher, der Weg wurde nass sogar über scharfkantigen Steinen. Kein Wunder, ging es doch gegen die Feyermühle. Von da zog es sich noch eklig bis zum Bahnhof hin. Mechernich überraschend urban. Am Bahnhof Hallen der Deutschen Mechatronics und ein alter Turm beschriftet mit RWZ Raiffeisen. Vor den Hallen Bauarbeiten. Der Bahnsteig so schmal, dass Übertreten des Gleises nur nach Aufforderung gestattet. Orientierte mich an den anderen und es gelang. Vielleicht zehn oder zwanzig stiegen ein hier, die meisten in Euskirchen schon wieder aus.

Eine Frau im edlen Dirndl setzte sich zu mir in den Vierer. Fast ohne Unterlass tippte sie in ihr Smartphone. Kaum hatte sie es in ihre Handtasche zurückgesteckt, holte sie es schon wieder heraus. Sie rückte das Tuch ihres Kleids auf dem Sitz zurecht, spannte dicke, braune Fesseln eine ganze Weile lang gen Himmel – ich dachte, will sie tanzen? – ihre Arme zeigten dunkle Leberflecken en masse und ihr Hals war etwas zu dick gegenüber ihrem Gesicht. Geschmückt hatte sie ihn mit einer Kette von dicken, grünen Klunkern. Ihre Beine, die sie mal von links nach rechts, mal von rechts nach links schlug, irritierten mich und ich versuchte, mich in die Ecke zu verkrümeln, obwohl meine auch viel zu lang sind. Sie stieg Köln-Süd aus, vielleicht gibt’s da einen Oktoberfestableger?

Als ich mich umblickte irgendwo nach Euskirchen, erblickte ich die beiden Großeltern mit ihren drei Enkelsöhnen wieder. Kurzes Erschrecken. Sonst im Zug eine Horde von jungen Männern, allesamt in schwarzen Shirts. Sie stiegen Köln-West aus wie ich, und auch eine Gruppe weißgekleideter junger Frauen mit Aufschrift „Braut-Team“. Gehören sie etwa zusammen und wird einer der Schwarzen einer der Weißen morgen den Ring reichen?