Ein Geräusch des Gelesenwerdens

Als Freitag das Buch kam, lief gerade Persepolis auf Arte. Der Paketbote rauchte gelassen eine Zigarette, als ich die Treppen heruntergestürmt kam und auf seiner berührungsempfindlichen Oberfläche unterschrieb.


„Sie boxte mich. Ich gab ihr eine Ohrfeige. Sie kniff mich in den Arm. Ich schrie. Sie hielt mir den Mund zu. Ich biss ihr in die Hand. Sie trat nach mir. Ich verlor das Gleichgewicht und knallte mit meinem Kopf beinahe auf ihren.“

In der Suche nach der verlorenen Zeit hatte ich nur noch zehn Seiten zu lesen, da war der Zeitpunkt ideal. Aléa Torik hat ihren Roman als Schiff entlassen. Bei Proust gibt es einen Wettlauf zwischen Schiff und Schmetterling:

pareille à un bosquet de roses de Pennsylvanie, ornement d’un jardin sur la falaise, entre lesquelles tient tout le trajet de l’océan parcouru par quelque steamer, si lent à glisser sur le trait horizontal et bleu qui va d’une tige à l’autre, qu’un papillon paresseux, attardé au fond de la corolle que la coque du navire a depuis longtemps dépassée, peut pour s’envoler en étant sûr d’arriver avant le vaisseau, attendre que rien qu’une seule parcelle azurée sépare encore la proue de celui-ci du premier pétale de la fleur vers laquelle il navigue.

die einer Hecke aus Pennsylvaniarosen, dem Schmuck eines Gartens auf der Klippe glich, zwischen deren einzelnen Stauden man den weiten Fahrweg des Meeres übersieht, den ein Dampfer durchquert: das Schiff braucht so lange Zeit, um auf der blauen Horizontlinie zwischen zwei Stielen dahinzugleiten, dass ein träger Schmetterling, der eben noch zögernd im Kelch der Blüte hängt, über die der Rumpf des Fahrzeugs sich schon längst hinausgeschoben hat, mit seinem Abflug ruhig warten kann – selbst wenn er mit Sicherheit vor dem Schiff ankommen will – bis nur noch ein winziger Streifen Azur dessen Bug vor dem nächsten Blütenblatt trennt, dem es entgegenfährt. (Ü: Rechel-Mertens)

Der Roman hat 28 Kapitel. Auf der ersten Seite stellt Marijan 28 Fotografien aus. Aléa ist 28 Jahre alt. Im zweiten Kapitel erzählt Marijan von seiner Erblindung mit 14 Jahren. Kann das Zufall sein? Aléa Torik heißt nicht zufällig Aleatorik.

Der Titel erklärt sich am Ende des zweiten Kapitels. Marijan wünscht sich, dass Veränderungen mit Geräuschen einhergingen, damit er sie bemerke:

Ist das der Druckfehler, von dem die Autorin im Kommentar um 22:17 spricht? Das Buch hat 360 Seiten und damit 360/2 = 180 Stellen, wo man es aufschlagen kann. Dass sie zufällig ausgerechnet die Stelle aufgeschlagen hat, wo der Titel erklärt ist, ist höchst unwahrscheinlich, nämlich nur zu 1/180 = 0,6 %. Ebenso unwahrscheinlich ist es, den Druckfehler aufzuschlagen, aber nur sofern es der einzige ist. Später fand ich wenige mehr, nämlich ein fehlendes Komma (Seite 200, Zeile 3), einen fehlenden Bindestrich (201.-3), einen g-s-Verdreher (203.5) und einen fehlenden Artikel (221.-5). Flox (197.-16) kenne ich eher als Phlox. Oder waren es die 15 Jahre (119.3), die andernorts (115.7, 119.-7, 156.14) ausgeschrieben sind, die Aléa als Druckfehler empfand?


„Du kommst nicht klar?“ fragte er. Er war tatsächlich überrascht. „Gar nicht.“ Ich musste weinen. Ich hab den Kopf von ihm weggedreht. Papa wusste wieder nicht, was er sagen sollte. Dann legte er seine Hand auf meinen Kopf und strich mir über die Haare. Fand ich total süß.

Das erste Wort, das ich nicht kannte, waren Veneers (84.10). Später Salumerie (193.-13). Peinlicherweise hing in diesem Kapitel über die Dinge in Berlin mein Verständnis bei den Setzereien (201.-6) einen ganzen Moment lang fest. Denn da zuvor von Grünflächenämtern (201.-10) und vorher mal Baumschulen (198.-12) die Rede war, dachte ich an Setzlinge. Die vielen Bibliotheken (191.11ff.) waren da schon wieder ganz weit weg.

Die Auflistung der Dinge in diesem Kapitel scheint manchmal geordnet, manchmal aleatorisch. So sind die Bars mit einer Zahl im Namen nach dieser Zahl aufsteigend geordnet, anderes scheint, ist aber nicht ganz alphabetisch geordnet. Bedeutungsbrücken führen von einer Kette zur nächsten. Die Kriterien für die Anordnung aufzudröseln, lohnte sicherlich, ist mir jetzt & hier aber zu schwer, es war anstrengend genug die Listen zu lesen. Leser, das ist jedoch nur ein Charakteristikum dieses einen Kapitels, die anderen haben keine Hürde!

Ein weiterer Fauxpas war, dass ich bei einer „zoologischen Hochzeit“ (319.-8) mit kurzem offenen O Hɔchzeit gelesen habe. Obwohl Single, passiert mir das öfter. Kürzlich auch, aber ich habe vergessen, in welchem Zusammenhang. In diesem fünfundzwanzigsten Kapitel werden schön Berliner Wasserlandschaften abgeklappert.

Es kommen Worte vor, die unmodern sind, was mich freut. Auf Seite 30, Zeile 5 sind es Güter. Am Montag habe ich bei den Neujahrscouplets von CCTV 物阜 mit „Güter im Überfluss“ übersetzt, vorher Dinge und Waren erwägend. (Kaum geschrieben, erscheinen gleich Güter in einem Auftakt.) Auf Seite 51 wird Paris mit dem Paradies verwechselt, wie in der Geschichte vom armen Studenten. Auf Seite 110, Zeile -15 geht Varian, einer der Zwillinge des Tischlers, der andere heißt ebenfalls Varian, sie werden die Varianten genannt😉, nicht auf die Walz. Hab ich das einst in Krabat gelesen oder aus einer anderen Kinderlektüre?

Auf Seite 163 sieht die Hellseherin Lydija „sich in Richtung Norden gehen, sie geht in Richtung Süden, sie geht nach Westen und nach Osten“. Die Neujahrscouplets waren in der Reihenfolge Osten (东), Westen (西), Süden (南), Norden (北) vorgetragen worden. Die Wahrscheinlichkeit für diese genau umgekehrte Reihenfolge beträgt nur 1/4! = 1/24 = 4 %. Gesteht man zu, dass Gegenrichtungen beisammen stehen, immerhin noch 1/8 = 12,5 %. Das ist schon ein ziemlicher Zufall.


„Von dort schaute ich auf die andere Seite des Dorfes, oben am Waldrand lag offenbar der Friedhof. Die weißen Kreuze sahen aus, als stünden die Toten und schauten ins Dorf herunter.“

Zwei Leseproben finden sich in Aléas Blog: der Beginn des fünften Kapitels und der Beginn des elften.

Im dreizehnten Unglückskapitel ist vom ersten oberen Molar die Rede. Hm, ich hab Donnerstag ein Fleischgericht gegessen und dachte, oh! Knochen. Als ich die Stücke aus dem Mund fischte, waren sie vom herausgebrochenenen ersten oberen Prämolar:

Im vierzehnten Kapitel erinnert sich Marijan an seine Mutter Elena: „Als Kind hatte sie, wie sie mir einmal erzählte, als ihr die ersten Zähne ausgefallen und neue nachgewachsen waren, angenommen, dass einem ein Leben lang die Zähne nachwachsen.“ Ähnlich habe ich, als von den dritten Zähnen meines Opas gesprochen wurde, diese nicht mit seinem Gebiss identifiziert, das er wie Elenas Großmutter „nachts immer aus dem Mund genommen. Sie schwammen in einem Glas.“ (90.-5). Sondern ich dachte, prima, dann kommen nach den Milchzähnen auch für diese, die schon unter Karies litten, noch mal neue nach. Pustekuchen!

Geräusche spielen eine große Rolle. Manchmal prasseln schöne, lautmalende Verben auf den Leser ein:

Ich höre, wie es rauscht und rinnt und rieselt. […] Ich höre, wie es quillt und quellt. […] Ich höre, wie es schwimmt und schwappt und spritzt und sprudelt. […] Ich höre, wie es prasselt, plätschert und platscht. […] Ich höre, wie es tropft und trieft und tröpfelt. (Seite 25)

Ich mags quietschen und knirschen hören, ich mag klatschende Geräusche, klappernde und knisternde und dröhnende. Ich höre es gern scheppern und klirren. (145.3)

Aber auch ersetzen die Sinneswahrnehmungen einander:

Gestern hatte ich Farbe gerochen, heute hörte ich Ruhe. Ich musste lachen. (151.16)

Mir gefallen die alliterierenden Gegensätze Gelb-Grün (16.-7), Beleidigung-Belobigung (16.-6), erröteten-erblassten (30.-7), behäbig-behände (156.-5). Und natürlich die Tarnung der Küsten als „1. Person Plural, Präteritum Indikativ Aktiv von küssen“ (123.3)!

Seltsam waren mir die Fensterspringer in der Welt des morbiden Maddox. Aber ich war noch nie in Berlin. Eine Kollegin, die aus Berlin kam, hatte für unsere Einmillionenstadt nur ein müdes Lächeln übrig.


„Clara, das ist meine Frau Liv.“ „Was hast du gesagt?“, fragte Liv. „Ich habe Clara erklärt, wer du bist. Das ist Clara, die Lehrerin von Mărginime“, sagte er in Richtung seiner Frau. „Hallo Clara, freut mich“, sagte Liv und gab mir die Hand. „Was hat sie gesagt?“, fragte ich Valentin und streckte ihr ebenfalls die Hand hin. „Sie freut sich, dich kennenzulernen“, antwortete er. „Was hast du gesagt?“, fragte Liv. „Dass du dich freust, Clara kennenzulernen“, antwortete Valentin. „Was hast du gesagt?“, fragte ich. „Dass Liv sich freut, dich kennenzulernen.“ „Hallo Liv, freut mich ebenfalls.“ „Was hat sie gesagt?“, fragte Liv. „Was hat sie gesagt?“, fragte ich.

Marijans Ansprache bei der Ausstellungseröffnung ist auf mehrere Kapitel verteilt, die allesamt den Titel Das Geräusch des Werdens tragen. Die anderen Titel sind wörtlich dem Fließtext des jeweiligen Kapitels entnommen, im Einzelnen:

1. Berlin am Meer (6.15)
2. Das Geräusch des Werdens (26.11)
3. Dass einem das Blut in den Adern gefriert (30.4)
4. Je größer die Stadt, desto jünger die Leute (42.-5)
5. Wie ein Mensch (58.8)
6. Mach was Einfaches, mach Kopfstand oder Ballett, aber hör bloß mit Liegen auf (76.-8)
7. Dass die Seele mit den Zähnen zu Fuß geht (90.-10)
8. Das Geräusch des Werdens
9. Schöne Beine, wunderschöne lange Beine, schöne Augen und meterlange Wimpern (116.2)
10. Andalusien, Eine, Küste (129.14)
11. Zu heiraten, vor dem Spiegel zu stehen und glücklich zu sein (142.12)
12. Als wenn ihr die Lider fehlten (160.3)
13. Die mesio-bukkale des vorderen Höckers des ersten oberen Molars (169.17)
14. Das Geräusch des Werdens
15. Der Salon Sucre (195.-2)
16. Es war dasselbe, es fühlte sich nur vollkommen anders an (206.-15)
17. Es war wie seit Jahren genau sieben Uhr (215.-12)
18. Die dritte Hälfte (241.7)
19. All die Qual der letzten Jahre wird dann vorüber sein (252.-1)
20. Das Geräusch des Werdens
21. Liebe ist so ’ne Sache (270.8)
22. Saubere Fingernägel und ein wohlproportionierter Bizeps brachialis (279.-2)
23. Jeder versucht doch das Leben auf seine Weise, nicht wahr? (299.-10)
24. Als sei man nicht älter geworden, sondern immer schon gewesen (304.-10)
25. Ein mediterranes Fluidum und in der Ferne das Meer (313.8)
26. Schöne große runde Kreise (338.17)
27. Das Geräusch des Werdens
28. Das Paradies im Zentrum von Mărginime (360.4)

Das erste und das letzte Kapitel spielen in der Galerie und umrahmen zeitlich die Rede des blinden Fotografen. Die anderen Kapitel sind aus wechselnden Perspektiven erzählt, haben verschiedene Protagonisten und spielen zu verschiedenen Zeiten. Sie fügen sich wie Puzzlesteine ineinander. Fast ist es im Rhythmus eines Metronoms (das 104.12 auftaucht), wie die Werdegeräuschkapitel einen 6/8-Takt angeben, läge nicht im letzten Takt ein Kapitel zuviel.

Im zwanzigsten Kapitel wird es interessant, als Marijan erzählt, wie er die Kamera geschenkt bekam. Wie er sich gedanklich mit ihr auseinandersetzt. Wie er versehentlich ein erstes Foto macht, von seiner Hand wohl, dann denkt, es war doch dunkel in der Küche, aber vielleicht hat die Kamera einen Blitz gehabt. Nie wird er das Ergebnis sehen können, aber er kann Nachbarn fragen, was auf dem Foto ist. Im vorletzten Kapitel, zum Abschluss seiner Ansprache, wird endlich die Frage beantwortet, was auf den ausgestellten Fotos überhaupt dargestellt ist.


„Fein. Jetzt, da alle weg sind, kann ich ja machen, was ich will.“ Nur wusste ich gerade nicht, was ich wollte. Dann tat ich, was ich noch nie im Leben getan hatte. Ich nahm eine Vase und warf sie gegen die Wand. Das Geräusch tat mir gut. Also nahm ich noch eine zweite und warf sie an die gegenüberliegende Wand. „Ist ja schließlich meine Wohnung.“

„Bist du eigentlich mein Spiegelbild oder bin ich deins?“, fragt Maddox in den Spiegel (286.-9). Aléa ergänzt: „Oder sein Gegenüber fragt ihn.“ Ganz wie im Zhuangzi der Schmetterlingstraum:

昔者庄周梦为蝴蝶,栩栩然蝴蝶也,自喻适志与,不知周也。俄然觉,则蘧蘧然周也。不知周之梦为蝴蝶与,蝴蝶之梦为周与?周与蝴蝶则必有分矣。

Einst träumte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wusste von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. (Ü: Richard Wilhelm)

Also lässt Aléa einen von beiden vorschlagen: „Vielleicht sollten wir getrennte Wege gehen?“


UPDATE 17.02.2012

Die Autorin verlinkt im Kommentar um 16:09 ein Youtube-Video, in dem bei 2:25 der blinde Fotograf Evgen Bavcar auf die Gretchenfrage antwortet: „Herr Bavcar, wie finden Sie heraus, was gelungen ist und was weniger?“

Eine Antwort to “Ein Geräusch des Gelesenwerdens”

  1. Otto Stomps Says:

    Im Rumänischen bedeutet aleatoric zufällig und der Zufall scheint auch Gestaltungsprinzip dieses seltsamen Manuskripts zu sein. Manchmal schicken Witzbolde wild zusammenkopierte Zufallstexte an Druckkosten-Verlage und belustigen sich dann an der Reaktion.

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