Glanz und Elend des Mittelalters

Tatsächlich ergänzte ich den Ausstellungstitel, als mein Blick sekundenbruchteilkurz darüber hinwegwischte, meine Aufmerksamkeit zugleich angstvoll und sprungbereit auf die Elemente der Gruppe gerichtet blieb, in der ich unterwegs war, und mir eigentlich nur Glanz und Mittelalter hängen blieben, balzacgeprägt mit Elend.

Gerne hätte ich die Besprechung in der FAZ vom 26. Januar verglichen, da der Perlentaucher zusammenfasst, dass Andreas Rossmann „verärgert nach Hause ging“. Leider kann ich den Artikel online nicht finden.

Ich wollte nach links gehen – rechts ist der Eingang zum Rautenstrauch-Joest-Museum (Völkerkunde), links der zum Museum Schnütgen (Mittelalter) -, aber Cordula Reiter MA, die uns führte, verwies uns nach rechts, zu einem eigenen Eingang zum Sonderschaubereich. Die Führung dauerte eine Stunde und wir hangelten uns durch ungefähr zehn Kunstwerke.

Eine Besonderheit der Ausstellung sind ausgebaute Glasfenster, die von hinten erleuchtet sind. Eine Chance, die Bilder, die sonst in der Höhe hängen, einmal von Nahem zu sehen. Ein Beispiel dafür ist die Katalognummer 145 Moses am brennenden Dornbusch von um 1280, aus 8 Meter Höhe aus dem Kölner Dom ausgebaut, extra für diese Ausstellung.

Durch das Herunterholen ganz vergrößert wirkt eine Flucht nach Ägypten (Katalognummer 56) aus einer der Kirchen der Kreuzbrüder von 1460/80. Maria auf dem Esel säugt Jesus. Marias Gewand ist blau, Josefs rot, Pflanzen und Bäume sind gelb, ein Grashügel grün. Das schmale Zaumzeug des Esels auch gelb. Im Hintergrund eine graue Stadt.

Die Lichtproblematik, die zeitgenössische Ausstellungen heimsucht und über die ich am Ende auch einen anderen schimpfen hörte, spricht unsere Führerin vor der Katalognummer 31 an. Es ist das Kreuz von Herimann und Ida, wo der Kopf des Gekreuzigten dunkel ist, während Körper und Kreuz golden sind. Er bestehe aus Lapislazuli, „das ist leuchtend blau“. Dass es hier eher schwarz aussehe, liege am Ausstellungslicht. Dieser ins Kreuz eingepasste Kopf, oder besser umgekehrt, sei ungewöhnlicherweise ein Frauenkopf, und zwar ein Artefakt, 1000 Jahre älter als das Kreuz, nämlich eine heidnische Livia.

Ein goldenes Kapitelkreuz (Katalognummer 32) ist mit zahlreichen Edelsteinen geschmückt. Oben enthält es ein kleines Kruzifix, das ein Reliquiar darstellt, es enthalte nämlich einen Splitter von Jesu Kreuz. Oder vom Sarg? Notiert habe ich mir „Grab“… Die profanen Arbeiter, denen nichts sakrosankt ist, erkannten in manchen eingefassten Rubinen Kronkorken, so von Küppers Kölsch.

Als sie ein Reliquiar aus Bergkristall vorstellte, trödelte ich vor den ausgelassenen Ausstellungsstücken herum. Bekam aber mit, dass beim U-Bahn-Bau überraschend ein Nest von Bergkristallsplittern gefunden worden ist, das die bisherige nur Vermutung, es habe in Köln eine Bergkristallwerkstatt gegeben, nun materiell untermauert.

Lange standen wir vor der Martyrium der Hl. Ursula vor der Stadt Köln (Katalognummer 200) vom Meister der kleinen Passion um 1411. Ursula im roten Mantel mit ihren elf Gefährtinnen. Mal spricht sie ausführlicher von „Reisegefährtinnen“. Interessant für mich noch einmal, wie sie die Ausweitung von elf auf elftausend erklärt. Im Text habe undecim gestanden. Das letzte M sei irrtümlich verdoppelt und das zweite M als Abkürzung für mille gelesen worden. Bislang kannte ich die Erklärung, wie sie Wikipedia liefert, nämlich dass M.V. statt als martyres virgines als milia virgines verstanden worden ist. Köln sei bei der Ausweitung seines Stadtgebietes auf antike Gräberfelder gestoßen, wodurch man viele Knochen mit einer Legende verbinden musste. (Oder wollte, um Geld zu machen.)

Stadtstolz sprach die Führerin über das Kölsche Lächeln, das in anderen Städten nachgeahmt worden.

Bei drei Schnitzereien hält der Jesusknabe einen Vogel in der Hand. Das sind eine Thronende Muttergottes (Katalognummer 90) vor 1330, die Friesentormadonna (Katalognummer 108) um 1360/70 und die Dietkirchen-Madonna (Katalognummer 99) um 1350.

Drei Gemälde vom Meister der Heiligen Veronika fand ich bemerkenswert. Zuallererst die notnamengebende Hl. Veronika mit dem Schweißtuch (Katalognummer 205) um 1420. An die Dornenkrone allerdings erinnere ich mich nicht. Die Muttergottes mit Kind und Erbsenblüte (Katalognummer 200) um 1400/10. Rund entlang des Heiligenscheins steht geschrieben „Sancta Maria Mater Dei“. Und eine Thronende Muttergottes mit Kind und Heiligen (Katalognummer 203) um 1400/10, die uns die Führerin vorstellte. Ein winzig kleiner Drache liegt zu einem Ring gewunden auf dem Rücken, so dass man seine vier Tatzen sieht, auf dem gefliesten Boden vor dem Heiligen Georg.

Als sie Stefan Lochners Darbringung im Tempel und Stigmatisierung des Hl. Franziskus (Katalognummer 209) von 1447 vorstellt und zunächst, wie man ihn namentlich identifizieren konnte, war ich wieder bei anderen Ausstellungsstücken unterwegs, nämlich ein paar Reliquienbüsten. Reliquien durften nicht verkauft werden, ordnete der Papst an. Also fertigten die Kölner aus Holz Reliqienbüsten, deren Schädeldecke man aufklappen kann, um den Reliquienschädel hineinzutun, den man dann durch ein frontales Loch, mit gotischen Rundbögen verziert, anschauen konnte. Für diese Reliquienbüsten nun konnte man einen guten Preis verlangen. Hier kostet das Tara, das Netto ist umsonst, gibts aber nur als Brutto. Sie legte aus, warum der Jesusknabe Franziskus‘ Vollbart krault.

Beim Das Treffen der Heiligen Drei Könige mit David und Jesaja (Katalognummer 214) vom Meister des Bartolomäusaltars vor 1480 erklärt sie uns, dass das Kamel nicht realistisch sei, weil der Meister nie eines gesehen, sondern nur aus Beschreibungen von Pilgern gekannt.

Mir fiel ein sehr knochiger Gekreuzigter (Katalognummer 112) mit tief eingesunkener Bauchdecke um 1380/90 ins Auge, aus dem Cleveland Museum of Art, Andrew R. and Martha Holden Jennings Fund.

Im Bildnis Johann von Melem (Katalognummer 222) vom Meister des Aachener Altars um 1492 spiegelt sich von Melems Kopf in einem Konvexspiegel rechts, was an Parmigianino oder Jan van Eyck erinnert. Falsch hatte ich das immer für manieristisch gehalten, bis die Führerin vor dem Liebeszauber erläuterte, dass Konvexspiegel zwar Luxus, ebene Spiegel es dagegen noch gar nicht gegeben habe.

Der Liebeszauber (Katalognummer 212) von 1470. Das Kabinettbild hat ungefähr A4-Größe. Liebeszauber trieb man in der Andreasnacht am 30. November. Die dargestellte Frau hat aus Wachs ein rotes Herz geformt. Sie schlägt aus Feuerstein Funken darüber und lässt gleichzeitig aus einem Schwamm Wasser darauf tropfen. Dazu wurden Sprüche aufgesagt. Leider sind die fünf Spruchbänder auf dem Bild leer, so dass wir diese Zaubersprüche nicht kennen. Ihr Ritual hat Erfolg gehabt, denn durch die halb geöffnete Tür kommt ein junger Mann herein. Rechts hängt zwischen zwei Fenstern ein Konvexspiegel. Ebenso ein Luxusartikel wie der Fächer aus Pfauenfedern, der darunter hängt. Ein weißer Hund im Zimmer symbolisiert vielleicht Treue. Die reiche, junge Frau hält sich als Haustier einen Papagei. Das Bild ist aus dem Museum der bildenden Künste in Leipzig. Die Führerin hat dort mal darüber gearbeitet, ohne zu ahnen, dass es ihr nach Köln folgen werde.

Beeindruckt haben mich die ausgestellten Textilstücke. Zwar sind sie oft etwas verfinstert in den Farben, aber die Pracht schimmert trotzdem durch. Wunderschöne breite Borten mit eingewebten Heiligenköpfen. Eine Kissenplatte mit Jungfrau und Einhorn (Katalognummer 192) um 1450/75 aus dem Besitz des Museums Schnütgen ist ein Sitzkissenbezug, also für einen gepolsterten Stuhl. Ein Geldbeutel mit der Darstellung eines Hundes (Katalognummer 196) hat kaum noch Farbe, aber sie ersteht wieder vor einem, sieht man, wie der kleine Hund verspielt auf das Säckchen appliziert ist.

Bei den Druckwerken ist die Vita Annonis minor (Katalognummer 54) aus Siegburg um 1183 aufgeschlagen. Ob auf der verlinkten Seite, weiß ich nicht mehr. Beim Stynchyn van der Krone (Katalognummer 76), gedruckt von Johann Koelhoff d.Ä. um 1489/90 aus der Staatsbibliothek Berlin war eine illustrierte Seite aufgeschlagen, wo ein Mann, wie Till Eulenspiegel gekleidet, sehr exakt halb hinter einer Tür oder einem Stadttor hervorkommt. Der Holzschhnitt erinnerte mich an diejenigen, hinter denen Johnny Depp in den neun Pforten her ist. Das Antiphonar der Anna Hachenberch (Katalognummer 75) von 1520 weist nie gesehene Notenzeichen auf. Prächtig farbig und vergoldet eine Legenda Aurea (Katalognummer 61) von 1324, zu der Johann Christian Senckenberg und Universitätsbibliothek Frankfurt notiert ist. Schwarzweiß daneben eine Legenda litteralis Alberti Magnis (Katalognummer 77), gedruckt durch Johannes Koelhoff, Köln, 11. September 1490. Der Holzschnitt zeigt Albert den Großen, über seinem Haupt drei parallele Textzeilen, leicht gewellt wie eine Fahne im Wind.

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