Blicktabu und Schaulust im Genji monogatari

Der See vor der Brücke in Reparatur war abgelassen und gefroren. Hoch Cooper hatte Deutschland Frost gebracht. Im Innenhof des Museums für Ostasiatische Kunst Köln war das umgebende Wasser ebenfalls gefroren, die künstliche Quelle auf dem Felsen inmitten sprudelte jedoch.

Da ich von der Arbeit kam, hatte ich noch eine Stunde zu warten. Die einzigen Sitzmöglichkeiten außerhalb des kostenpflichtigen Cafés waren fünf Treppenstufen, die vom Eingang ins Foyer herunterführen. Dort setzte ich mich an den Rand und las ein Buch aus. Die Akustik hallt sehr, so dass die Gespräche vom nicht abgetrennten Cafébereich durchs ganze Foyer schallten. Kinder spielten und kamen auf mich zu gelaufen. Sie versuchten, die Tür zu einem Aufzug für Rollstühle zu öffen und schauten mich mit großen Augen an. Die Tür ging nicht auf. Sie krabbelten die Treppe hinauf und wieder herunter. Ich rückte etwas nach links, um einen Pfad am Geländer freizumachen. Kaum reichte die Hand des kleinen Knirpses über den Handlauf. Die Mutter holte die beiden und versprach dem Größeren, der auf allen Vieren auf dem Steinfußboden unterwegs war, dass er nachher woanders weiter Eisbär spielen könne.

Ich bekam mit, wie in der leeren Mitte des weiten Foyers die Direktorin Adele Schlombs die Referentin Doris Croissant begrüßte. Sie ist Professorin in Heidelberg und hat den Katalog zur aktuellen Sonderausstellung „Goldene Impressionen“ herausgegeben. Ihr heutiger Vortrag „Riskante Perspektiven – Blicktabu und Schaulust in den Bildmedien Japans vom Mittelalter bis zur Neuzeit“ bezieht sich aber nicht auf diese Ausstellung. Frau Croissant dankte für unser zahlreiches Erscheinen „trotz der Kälte – oder wegen der Kälte?“. Nun, soviel waren wir gar nicht, ich denke mal, maximal fünfzig Zuhörer und Zuhörerinnen.

Ein Alleinstellungsmerkmal der japanischen Darstellungskunst gegenüber China oder Korea sei die Perspektive des weggeblasenen Dachs (吹抜屋台 fukinuki yatai „blown-off roof“). Zum Vergleich zeigte sie ein Bild aus den Höhlen von Dunhuang, das in schräger Aufsicht einen Tempelbezirk in Parallelperspektive zeigt, ohne durch Weglassen des oberen Abschlusses einen Einblick in die Geschehnisse in den Innenräumen zu ermöglichen.

Im Zentrum des Vortrags steht das Genji monogatari beziehungsweise seine Illustrierung. Daneben das Ise monogatari. Das Genji monogatari sei ein Roman von Frauen für Frauen. Das Zielpublikum der Illustrationen seien aber Männer gewesen.

Ein Motiv ist das „durch einen Zaun spähen“ (垣間見 kaimami). Das eine Geschlecht wird vom anderen durch einen „Spalt im Zaun“ (垣間) beobachtet. Ist der Voyeurismus weiblich, war es höchstens Kammerjungfern und Zofen erlaubt. Im Genji monogatari, Kapitel 44 schauen solche unter einem Vorhang hindurch den Verehrer ihrer Herrin an, der draußen auf den Treppenstufen wartet. Frau Croissant nennt diesen Vorhang Staatsvorhang (curtain-of-state). Dazu steht hier was. Ein anderes Motiv ist „sich über einen Vorhang oder Gegenstand hinweg begegnen“ (物越し monogoshi) mit einem Beispiel im Ise monogatari, Kapitel 95.

Das Hauptthema ist nun erreicht, die Episode mit dem Fußballspiel im Genji monogatari, Kapitel 34. Die Männer auf der einen Seite des Stellschirms halten inmitten von Kirschbäumen in voller Blüte einen nicht ganz runden, braunen Ball in der Luft. Auf der Seite der Frauen büchst eine noch nicht völlig gezähmte Katze aus, schlüpft durch den Paravent und bringt mit ihrer langen Leine den ganzen Paravent zum Einsturz, wodurch Kashiwagi Onna Sannomiya zu Gesicht bekommt.

Hier steht Onna Sannomiya neben einer Kiefer (松 matsu), die ein Homophon zu „sehnsüchtigem Warten auf den Geliebten“ (待つ matsu) ist. Die Prinzessin, die sich durch eine Katze entblößen lässt – so ungefähr bezeichnete Frau Croissant sie – wurde durch diese Szene zum Prototyp der Kurtisane und Femme fatale, während Kashiwagi „Voyeur wider Willen“ ist.

Das Motiv der Kurtisane mit Katze zeigte Frau Croissant nun auf verschiedenen weiteren Folien wie zum Beispiel aus den Bildern verschiedenartiger Frauen (Bijin zukushi) von Hishikawa Motonobu (1618-1694) von 1683:

Erotische Parodien des Genji monogatari spielten mit der Freude am sehen (見る miru), sich zeigen (見せる miseru) und gesehen werden (見られる mirareru).

Dass auch Adolf Fischer, Begründer der Sammlung des Museums, an der Motivik interessiert war, möchte Frau Croissant mit diesem Bild aus dem Bestand belegen:


Parodie der 3. Prinzessin, 19 Jh., MOK 09,52.

Auf der Suche nach einem letzten Fächerbild in der Präsentation warf Frau Schlombs Tizians Diana und Aktäon auf die Leinwand, über das Frau Croissant aber nichts weiter bemerkte, als dass dieses nun ein Beispiel für Blickraub in der abendländischen Kunst sei.


Sakai Hoitsu, Ise monogatari „Takayasu“, frühes 19. Jh., MOK Köln.

Zuhörerin: Erinnere mich an eine Szene im GM – aber vielleicht täusche ich mich -, in der Genji durch einen Vorhang hindurch mit einer Frau schläft, ohne zu wissen, wer es ist. Frage: Wie geht das technisch? Antwort: Sie täuschen sich. Berühmte Vorhangszene war nicht Genji, sondern … (was sie vorher gezeigt hatte).

Croissant resümiert: Die Illustrationen durch die Jahrhunderte zeigen: „Was hat man lesen wollen und was hat man nicht lesen wollen. Was hat man darstellen können und was hat man nicht darstellen können.“

Im Nachwort wies Adele Schlombs darauf hin, dass Frau Croissants Vortrag veröffentlicht vorliegt: Visions of the Third Princess. Gendering space in The Tale of Genji illustrations, Arts asiatiques, 60, 2005, 103-120. Was meine Ausführungen hier eigentlich null und nichtig macht *seufz*

Frau Croissant liest den Vortrag ab. Das Mikro ragt zu hoch. Nur wenn sie den Kopf hebt, um auf das projizierte Bild zu schauen, kommt ihr Mund dem Mikrofonkopf nahe. Trotzdem war sie zu verstehen, da der Pförtner die Lautstärke der Anlage genügend aufdrehte. Einmal stieß ihre gestikulierende Hand ans Mikrofon. Einen Laserpointer hatte sie nicht, so dass sie uns in Worten beschreibend den Weg weisen musste zu der Stelle im Bild, über die sie etwas aussagen wollte. Da das Weiterschalten der Folien vom Rednerpult aus mit einer drahtlosen Maus irgendwie nicht funktionierte, übernahm Frau Schlombs es am Notebook. Frau Croissant gab allerdings keine klaren Anweisungen, so dass Nachfragen entstanden. Mir schien, dass Frau Croissant ein Zielgruppenwechsel nicht gelang. Sie sprach weiterhin das Publikum an, anstatt Frau Schlombs eine Anweisung zu geben. Wolf Donner beim Folgevortrag „Frühe Nepalreisende“ gelang das besser. Auch bei ihm funktionierte die Fernsteuerung vom Rednerpult aus nicht. Er hob dann die Hand, wenn sein Assistent zum nächsten Dia wechseln sollte.

Auf dem Heimweg war der Mond schon wieder über die Hälfte hinaus gewachsen.

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