Mahlers Chinarezeption

Vorige Woche einen Vortrag von Prof. Dr. Karl-Heinz Pohl im Kölner Museum für Ostasiatische Kunst besucht:

Die Präsentation umfasste 68 Folien und 4 Musikstücke. Sie dauerte 1,5 Stunden plus eine Fragerunde von 20 Minuten. Es waren ungefähr 50 Zuhörer anwesend.

Eingeführt wurde Professor Pohl durch Prof. Dr. Gregor Paul von der gastgebenden Deutschen China-Gesellschaft. Er wies auf sein Hauptwerk, eine Geschichte der Ästhetik und der Literaturtheorie, hin und freute sich über den regen Zuspruch trotz des Nischenthemas (weiß nicht mehr, wie er sich genau ausdrückte). Pohl trug eine dunkle seidige Hose, darüber ein Jackett und eine feingerautete schwarz-weiße Krawatte. Er hatte eine Brille am Band um den Hals und einen grassschen Walrossschnäuzer.

Pohl bedankte sich für die große Ehre, hier vor der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft (sic, worauf Paul mit seinem Sitznachbarn tuschelte) sprechen zu dürfen.

Pohl führte Gustav Mahler ein und gelangte zur Jetztzeit mit: „Inzwischen kann man geradezu von einem ‚Mahlerfieber‘ sprechen.“ Die chinesische Lyrik wurde in Europa entdeckt durch französische Übersetzungen ab zirka 1860. Eine Folie wies als Besonderheiten der chinesischen Dichtung auf:

  • Knappheit
  • Regelmäßige strophische Form mit Endreim (meist 5 oder 7 Zeichen pro Zeile, 4 oder 8 Zeilen pro Gedicht)
  • Musikalität (durch ausgewogenes Tonschema)
  • Parallelismus von Zeilenpaaren
  • Ichlosigkeit
  • Naturbilder – kein expliziter Gefühlsausdruck
  • Andeutungsreichtum („jenseits der Worte“ 言外)

Pohl illustriert die Charakteristika am Beispiel „Allein auf dem Jingting-Berg sitzend“ (独坐敬亭山) von Li Bai (李白). Die Folie hat rechts das Original, also die chinesischen Schriftzeichen, links eine „wörtliche Übersetzung“ von Pohl selbst, und zum Vergleich hat er darunter kleiner eine Übersetzung von Günter Eich eingerückt, von dem viele nicht wüssten, dass er Sinologe gewesen. Pohl liest das Gedicht erst auf Deutsch vor, dann auf Chinesisch. Er hat eine sehr angenehme, ruhige Stimme. Das Gedicht endet im Original mit dem Jingting-Berg (敬亭山) und es kommt kein Ich vor. Günter Eichs Übertragung ist gereimt und endet mit „der Berg und ich“ (vielleicht des Reimes wegen).

Als erstes Musikstück des Abends spielt Pohl „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ vor. Das Lied kommt von einer Anlage, die links auf dem Podium steht. Pohl startet die CD und setzt sich auf den bloßen Podiumsboden daneben. Die Akustik kommt mir sehr gut vor, von wem die Aufnahme ist, habe ich nicht mitbekommen. Den Text konnte man auf der Folie verfolgen. Mitinterpretierend missinterpretierte ich, als die Stimme sich emporschwang, die Stelle als „in meinem Liede„, den Schluss, aber der Sänger war erst „in meinem Lieben“, beim Lied ging sie entsagend wieder herunter, das D aspiriert deutlich artikulierend.

Pohls Stimme war ergriffen fast ein Flüstern, als er wieder anhebt: „Sie sehen, das Thema hier ist Weltverlorenheit.“ Dieses Lied sei sein Einstieg in Mahler gewesen, als er es vor 3, 4 Jahrzehnten zum ersten Mal gehört habe. Er hat ein ausgesprochen gut aussehendes Gesicht, eine flache Warze über der Ecke der linken Augenbraue und Koteletten, die fast bis ans Ohrläppchenende reichen.

Als Philologe interessiert Pohl am Lied von der Erde die Entwicklung der Lyrics aus den chinesischen Originalen heraus über mehrere Stationen hinweg:

Das schaffe Probleme wie bei der stillen Post, „die auf Englisch Chinese talking heißt, habe ich mir sagen lassen.“ Die Hauptprobleme gingen auf Judith Gautier (1845-1917) zurück, Tochter von Théophile Gautier, die einen chinesischen Hauslehrer hatte und 22-jährig unter dem Pseudonym Judith Walter „Le Livre de Jade“ veröffentlichte. Die Verzerrungen gingen weiter, die Pohl an einer Stelle auf den Punkt bringt: „Wir haben also statt Kürze Überladenheit, statt strenger Form Formlosigkeit, statt Andeutungsreichtum Pathos.“

Als Beispiel möchte ich den Affen auf dem Grab im 1. Lied bringen, ein gefundenes Fressen für die Expressionisten, das Mahler so dissonant vertont (bei 7:30). Im Original:

孤猿坐啼坟上月

Da schreit ein Affe alleine sitzend auf einem Grab im Mondschein.

Mahler, wo Bethge noch den Duft des Abends hatte:

Ein Aff ist’s! Hört ihr, wie sein Heulen hinausgellt in den süßen Duft des Lebens!

Beim Aufschreiben jetzt fällt mir die Verfärbung auf. Schon bei Bethge ist das Leben dunkel und der Tod. Mahler fügt goldenen Wein ein. Beides hat das Original nicht. Wo das Firmament ewig blaut, wird im farblosen Original mit eingeschobenen „Obwohls“ (虽) Laozi zitiert (Kapitel 7):

天长地久。

Heaven and earth exist for ever.

Und auch im 6. Lied „Der Abschied“ wird aus Wang Weis „weißen Wolken“ (白云) ein romantisches „Und ewig blauen licht die Fernen“.

Auf diese beiden Rahmensätze beschränkte sich Pohl. Bethges Gedichttitel „Das [Trink]lied vom [Jammer] der Erde“ entnahm Mahler den Sinfonietitel. Die zweite Hälfte des Originalgedichts ist weder vom Marquis noch von Richard Dehmel („Chinesisches Trinklied“) und Bethge übersetzt worden. Vernünftigerweise, da da viele historische Personen auftauchen, die erklärt werden müssten.

Pohl nennt das Ganze ein kreativ-fruchtbares intellektuelles Missverständnis. Zum Schluss weist er darauf hin, dass Ye Xiaogang (叶小纲) „The Song of the Earth“ nach den chinesischen Originalen komponiert habe, wofür er sich gerade heute Karten für die Aufführung am 18.05. in der Philharmonie München besorgt habe.

Der Vortrag endete nach anderthalb Stunden mit viel herzlichem Applaus. Gregor Paul erlaubte Fragen, die lebendig aufsprangen. Ein junger Professor in weinrotem Pulli unterm Jackett fragt: „Was Bethge und Mahler da gemacht haben, hat es auch Bedeutung für jetzt oder für später?“ Pohl antwortet, dass, wie heute der Zen-Buddhismus im Westen ankomme, vielleicht vergleichbar sei. Aber heute hätten wir mehr philologisches Fundament: „Solche völlig verunstalteten Übersetzungen kommen heute nicht mehr vor.“

Es wird nach Mahler in China gefragt. „Erst in jüngster Zeit in China ein Interesse an Mahler.“ Mahler werde inzwischen in Peking und Shanghai aufgeführt, aber für Chinesen sei er sperrig.

Der junge Professor fragt: „Wer ist Ihnen lieber, John Cage oder Mahler?“ Das Publikum lacht. Pohl gesteht ein, dass als „Ideengeber“ ihm John Cage natürlich lieber sei, habe etwas vom Zen-Buddhismus. Er sei auch mal nach Halberstadt gepilgert, wo „mit Sandsäckchen die Pfeifen gezogen werden“, paar Minuten angehört. Aber sonst sei ihm natürlich Mahler lieber.

Gregor Paul fragt: „Ist Mahler nicht als Pathos abzulehnen?“ Ich bin nicht sicher, die Antwort geschnappt zu haben. Pohl, dass er Bach höre, auch selbst im Bachchor singe, Bezug bewahrt als Katholik – auch wenn Bach Protestant… Bach auch pathetisch, meinte er glaube ich. Ästhetik sei immer einem Zeitgeschmack unterworfen oder vom Zeitgeist beschmutzt, fanden Paul und Pohl einen gemeinsamen Boden, beide es bedauernd, verstand ich sie.

Mich wundert das Emporstreben, der Drang, sich aus den Schlacken der Zeit zu befreien. Ist es deutsche Gründlichkeit, die einem platonischen Urbild näher kommen will? Ist es eine German Angst, von der Nachwelt ähnlich ausgelacht zu werden, wie man heute etwa die Mode der Achtziger Jahre verachtet? Näher als eine Evolution der Ästhetik wäre sie mir als ein Gewebe von Strängen und Fäden, das seine Dichte bewahrt, ohne einem Jenseits näher zu kommen.

Die Veranstaltung war eine sehr angenehm „klassische“, ganz frei von Buzztopics wie Gender, Postkolonialismus oder Iconic turn.

In frühlingshafter Wärme musste ich nicht lange auf die Straßenbahn warten:

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: