Der Fall Torik

Höchst selten kaufe ich Bücher. Ich habe viele in meinem kleinen Zuhause – wobei 700 ein Sandkorn sind gegen die Sahara des Darmstädters -, von denen manche überhaupt zum ersten Mal gelesen werden wollen, andere eine Relektüre lohnen. Vor dem „Geräusch des Werdens“ hatte ich an Belletristik nach Infinite Jest noch 2666 und ein paar TBs von Bolaño gekauft, danach nichts mehr.

Über das Leseblog zum Unendlichen Spaß bin ich auch auf Aléa Torik gestoßen. Sie schreibt so durchdacht, zielt auf das ganz Hohe. Sie kokettiert mit ihren Lesern. Ihre Gehirnakrobatik hat mich schwer beeindruckt. Ihre Meinung zu literarischen Themen hat mich immer interessiert, auch wenn ich manches nicht verstehen konnte, weil mir Intelligenz und literaturwissenschaftliches Rüstzeug fehlt. Sie hat mich auf Autoren aufmerksam gemacht, von denen ich sonst kaum erfahren hätte. Bevor Emanuel zu Dirk Schümers Romanheld wurde, wusste ich von Aléa Torik von dem Buch.

Aber ich las damals nur kursorisch in ihrem Blog. Elektrisieren tat mich dann ihr Treffen mit Alban Nikolai Herbst, über das beide uns berichteten. Das war mal ein spannendes Event und ich empfand es als großes Glück, es von zwei gleichermaßen die Sprache beherrschenden Kontrahenten geschildert zu bekommen. In mir kristallisierte sich das Bild einer maßlos ehrgeizigen Jungautorin heraus, die über Herbst in den Betrieb kommen will. Der Ehrgeiz wirkte manchmal etwas anstrengend, aber wenn jemand so einen Wesenszug hat, kann man nichts machen, und sie ironisierte ihn ja ein wenig. Seit der Begegnung der beiden bin ich sowohl in der Dschungel wie bei Aleatorik mehr oder weniger dran geblieben.

Als weiteren Charakterzug habe ich eine ausgesprochene Herrschsucht festgestellt, also ein Dominierenwollen und die Sachen so lenken, wie sie sie haben will. Mir kam das echt rüber, ich hab’s ihr abgenommen. Dass Herbst deswegen kein Hörstück über die Diva und ihr Geräusch des Werdens machen wollte, vollkommen plausibel für mich.

Was mir ein bisschen fehlt, ist, dass mich ihre Texte emotional nicht ansprechen. Sie finden keine Resonanz in meiner Leserseele. Ich möchte es als Gehirnakrobatik bezeichnen. Sie gewinnt der Sprache ab, was ihr im Glasperlenspiel abzugewinnen ist. Anders als Proust, den ich vorher las, ließ sich der Roman schnell weglesen, was nicht für ihn spricht. (Ebenso scheinen sich die Leserinnen von Cornelia Travniceks Chucks nicht einig, ob schnell lesbar ein Gütesiegel ist.) Bei Proust las ich ein paar Seiten und zehrte von dieser Nahrung.

Ihren Artikel über den Manierismus hätte ich wirklich gern zu Gesicht bekommen. Denn sie selbst habe ich für manieristisch in Reinkultur gehalten und war gespannt, ob sie sich im Spiegel erblickt. Groteske Formen, Lichteffekte, die die Aufmerksamkeit des Betrachters verschlingen wollen, ein sensationelles Äußeres, unter dessen Oberfläche keine Substanz ruht. Obwohl, das stimmt so nicht. Etwas Substanz schimmerte durch, ihre konstruierte Persönlichkeit transportierte ja doch Ideen des Schöpfers. Und gewiss war er ein wenig verliebt in seine Galatea:

Interea niveum mira feliciter arte
Sculpsit ebur formamque dedit, qua femina nasci
Nulla potest, operisque sui concepit amorem.

Ebenso narzisstisch wie sie bilde ich mir eigentlich ein, das Autorengeschlecht aus dem Geschriebenen herauserkennen zu können. Sie hätte ich (wohlfeil jetzt) als weiblich an der Grenze zum Männlichen klassifiziert. Ein Schritt nur, und es ist männlich mit stark weiblichen Zügen, einer für Männer ungewöhnlichen Empfindsamkeit und Lust an Koketterie. Spieltrieb und Genuss von Aufmerksamkeit dagegen sind wohl geschlechterübergreifend.

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