Ein zweites Geräusch

Was aber bleibet,
Geh’n dichte Hauptsätze stiften?

Norbert W. Schlinkert schlägt eine Lesart des Geräuschs des Werdens vor, indem man Nebensätze herausdestilliere. Das macht Sinn, denn der Stil des Romans ist auffallend hauptsatzlastig. Hauptsatzlastiger als Aléas Gedanken zum Unendlichen Spaß. Und vielleicht liegt hinter den Gitterstäben eine ganze Welt…

Er schlägt es im 11. Kapitel seines Schreibens von Romanen vor. Also versuchte ich den Schlüssel aufs 11. Romankapitel „Zu heiraten, vor dem Spiegel zu stehen und glücklich zu sein“ anzuwenden, aber dabei kam nichts Vernünftiges raus. Vielleicht besser auf ein anderes Kapitel anwenden. Im „Salon Sucre“ hatte ich die wenigen Nebensätze als wohltuende Auflockerung der drögen Aufzählung empfunden. Was kommt heraus, schlägt man den Fels um die Drusen fort?

Wo der Sex, wie ein Graffiti an einer Häuserwand informiert, noch so ist wie er sein muss, dreckig nämlich, richtig schön dreckig. Als fiele ihm nichts Besseres ein, ob es der Anfang oder das Ende ihrer Liebe ist. Wo man im Sommer einmal zwei zu Booten umgebaute Trabbis übers Wasser fahren sah mit DDR-Nostalgikern als stolzen Kapitänen, die nahezu ebenso viel Spaß hatten wie der Fahrer des amerikanischen Straßenkreuzers, der die beiden mit seinem kalfaterten kotflügelbreiten Grinsen überholte. Die sich lange ansehen, als wüssten sie nicht, ob sie es wagen sollen, aber man ahnt, dass sie im Laufe der Zeit diese Vorsicht aufgeben werden. Den man nur balancierend nehmen kann, die in anderen Regionen Europas keiner Erwähnung wert wären, wo die Menschen die besten Autos haben, aber die jämmerlichsten Schlaglöcher. Die sich um sie bilden, als prallten dort auf der Straße zwei Autos frontal aufeinander, dass die Szene noch einmal gedreht wird, mit noch mehr Regen und noch mehr Wind. Der kein Bahnhof ist, sondern ein Museum, der nicht einmal mehr das ist, der nur noch als Park existiert, den es nicht einmal als Park gibt, das kein Theater ist, sondern eine Musicalbühne, wenn man es gar nicht ist. Als ob sie an ein und demselben kauen, aber die beiden küssen und lecken immer weiter, dass die beiden einander gefunden haben, dass auch sie dies einmal im Leben erleben mögen, sollte ihnen dass aber verwehrt sein, während die Feuerwehrleute auf den Dächern ihrer Fahrzeuge sitzen und den beiden zuschauen und der Regisseur die ganze Sache endlich beenden will und „Schnitt“ schreit, aber niemand reagiert, die sich hingebungsvoll küssen. Wo man alles kaufen kann, Tische, Stühle, Sofas, Tischdecken, Lampen, Tassen, Gläser, Besteck, Klodeckel, selbst das Personal sieht käuflich aus, die keine Bar ist, sondern ein Kabarett, wo sich Mann und Frau das Ladengeschäft teilen, wie sie sich schlagen und später wieder versöhnen, während hinter einem die Fetzen fliegen, wie es ist, wo es durch die ausgetrickste Feuerlöschanlage von der Decke regnet und die Gäste unter Schirmen sitzen, wo man nachts um drei mit dem Wirt die tiefsinnigsten Gespräche führt und die Gelassenheit lernt, mit der man die Anfechtungen des Lebens am besten pariert, die sich gerne über die untergegangene DDR unterhalten, über die Unüberwindbarkeit der Mauer, über den Todesstreifen, und Todesstreifen klingt dabei wie Streifen von Heftpflaster, die sich die Alten anschauen wollen, das kein Café ist, sondern ein Blumenladen. Die ihm gefällt, kommt eine Frau, auf die er gewartet hat, auf die er schon seit Ewigkeiten wartet, wie man sie sonst nur im Gebirge erlebt. Die im Krieg zerstört wurde und nun als Mahnmal dient, wo sich in den Monaten vor und nach dem Mauerfall der Widerstand gegen das DDR-Regime verbarrikadiert hatte, die längst Museen sind und keine Kirchen und die mit dem Schauspielhaus einen der schönsten urbanen Plätze Europas bilden, die nach Plänen von Friedrich Adler in der Luisenstadt errichtet wurde, ehe man sich versieht, ob man nicht hier oder da mitspielen, ob man nicht diesen oder jenen Darsteller küssen könne, ohne dass am Nebentisch schon wieder irgendein Depp oder Pitt oder DiCaprio oder Clooney oder Law sitzt, und weil man gelangweilt abwinkt, die immer noch so die Lippen vorstreckt, wie man selbst mit 13, als man unbedingt zum ersten Mal geküsst werden wollte, was man kaufen soll, aber man will sich auch nicht so sehr unterscheiden, dass man nur noch man selbst wäre, wo Bertolt Brecht und Helene Weigel liegen und Hegel und Fichte und Heinrich Mann und Herbert Marcuse und Heiner Müller und Anna Seghers, wo die Gebrüder Grimm begraben liegen und andere Berühmtheiten, die heute kaum einer mehr kennt, wo die Fliegerhelden des Ersten Weltkrieges begraben sind, der Rote Baron, der hier liegt und dennoch nicht mehr hier liegt, weil er schon wieder woanders ist, gleichermaßen ruhelos im Tod wie im Leben, wo Felix Mendelssohn Bartholdy begraben liegt. Die in dieser Stadt vom Auto überfahren wurde, wie man das im Leben so macht, dass man von dort möglicherweise nicht mehr wegkommt, wo die Meeresoberfläche an einem brütend heißen Tag verdunstet und sich in Wolken formiert, wo in dieser Nacht ein junger Mann am geöffneten Fenster dem Regen lauscht.

Riecht nach Scheitern. Eine gerissene Hürde: Was sind Nebensätze? Und zählen Nebensätze von Nebensätzen dazu? Gescheitert, bin aber sicher, dass hinter der Stuckfassade andere Lesarten stecken.

Schlinkerts 12. Kapitel beginnt: Wer spricht im Augenblick nicht? Auf das 12. Romankapitel „Als wenn ihr die Lider fehlten“ bezogen wäre das Lydija, denn es wird in dritter Person von ihr gesprochen, es kann jeder sein, nur nicht sie. So wäre das ganze Romankapitel auf die Nennung einer Romanfigur zusammengeschnurrt.

Probiert, das Anagramm Norbert W. Schlinkert aufzulösen:

Sind selbst so wenig Laute.
Ich weiß nicht, wie ich baute
Scrabbelnd bessern Sinn.
Iwie steckt er drin.

Nicht sehr überzeugend, die Benn-Torik-These, ich gebe ihr 10 Prozent.

Als weitere Lesetechnik fiele mir ein, etwa nur direkte Reden zu extrahieren.

Es sind nur Ideen für Ansätze, viel Zeit habe ich nicht, muss ja arbeiten gehen. Was ich nicht tun werde, ist, mich in Benn einzuarbeiten oder in die Poetikdozenturen.

3 Antworten to “Ein zweites Geräusch”

  1. Aléa Torik Says:

    Lieber Holio,
    das ist ja auch kein Wunder, dass das hier nach Scheitern aussieht: Sie haben aus einem fünfzehn Seiten langen Kapitel eine Seite kompiliert, ohne jene Stellen deutlich zu markieren, an denen Sie den Textfluss unterbrechen, also das Fließen der Gedanken. Was allerdings für das Verständnis zentral ist.

    Wenn ich mich mal so ausdrücken darf:

    iebe olo,
    as is a auch ein unr, ss as nach einem aus: ie einem eiten eine eite kompiliert, jene Stellen eu u ieren, an enen ie en unterre, al o ießen er Gen. as ieder zentral .
    ea

  2. holio Says:

    Jetzt sehe ich, dass es musikalisch gebaut ist. Z.B. läuft im 7. Absatz ein Straßenverkehrserlebnis durch: Zähfließend, die Liebenden stehen an einer Straßenecke (190.-16), sie gehen im anderen auf (190.-14). Die Liebe ist verhalten (190.-9), „aber erwartungsvoll, dicht, voller Zukunft, voller Hoffnung“, weil ein Frontalcrash geschehen ist (190.-7). Es hat gekracht (190.-5), es ist abgesperrt (190.-4), Schaulustige (190.-3). Die Wracks werden mit einem Kran geborgen: „Der Regisseur neigt den Kopf in die eine, dann in die andere Richtung und entscheidet schließlich, dass sie [sic] Szene noch einmal gedreht wird“ (190.-1f.). Unter Lichtflutern wird die Straße mit Gebläsen gereinigt (191.3).

  3. holio Says:

    Anderes zu Strukturen in diesem Kapitel. Mit „und überall“ beginnen Aufzählungsabsätze. Zwischen ihnen die kürzeren Absätze mit den Dreharbeiten. Bei der Aufzählung von Gebäuden fungiert das Anatomische Theater als Gelenk. Die Autorin ist von vielen Theatern hergekommen und schwenkt in den Park des Gebäudes, das gar kein Theater, sondern ein Hörsaal ist, auf eine Wiese als Grund für Beziehungstaten. Darauf wird in Form von Gebäuden eine Beziehung abgefrühstückt:

    Ecken zum Rumknutschen, Diskotheken, Matratzenläden, Eheanbahnungsinstitute, Partnervermittlungen, Standesämter, Hochzeitskleider, Brautmoden, Kutschen, Babyausstatter, Eheberatung, Geburtshäuser, Frauenhäuser, Kindernotdienst, Seelsorgeeinrichtungen, Detekteien, Scheidungsanwälte, Inkassobüros, Gerichtsvollzieher.

    Ein ähnliches Gelenk ist von Cafés herkommend das Anna Blume, „das kein Café ist, sondern ein Blumenladen“, gefolgt von 18 Zeilen Blumenaufzählung.

    Beim Deutschen und Französischen Dom hab ich zu früh ein Gelenkzeichen gemalt, weil „die längst Museen sind“, aber es geht nicht mit Museen weiter, die wir schon hatten, sondern bleibt bei Kirchen.

    Und zum Kapitelanfang überlaufend hab ich das erste Gelenkzeichen neben den Hamburger Bahnhof gemalt, „der kein Bahnhof ist, sondern ein Museum“. Die Herkunft kam vom Hauptbahnhof als einzigem her, es folgen kurz Anhalter, Görlitzer, Dresdner, die alle nicht mehr sind, was sie mal waren, ehe dann auf die Museumsmeile eingeschwenkt wird – mit einem kurzen Umweg über Häfen (Hafen ist Hub von Wasser auf Land wie Bahnhof von Straße auf Schiene), bis die Museumsinsel die Richtung weist.

    Ohne etwas von Musik zu verstehen kommt’s mir ausgesprochen musikalisch gebaut vor.

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