Domschatzkammer

Wir hatten eine Führung, die an die anderthalb Stunden währte. Unterwegs sprach der Führer, ein gut ausschauender, großgewachsener, angenehm parfümierter Mann, mich an: „Und Sie machen sich Notizen?“, weil ich mir Notizen gemacht, während er gesprochen hatte. Da hatte er mich bemerkt. Lieber wäre mir gewesen, wir hätten keinen solchen Kontakt aufgenommen, denn in der weiteren Folge suchte er manchmal Augenkontakt zu mir und ich fühlte mich wie herausgehoben aus der kleinen Masse der Geführten. Ein Beobachten ohne Beobachtetwerden ist nicht möglich, musste ich verschmerzen.

Ein andermal bemerkte er mit Blick zu mir, dass er Sachen verkürzt erzähle. Ich fragte mich, wovor er sich fürchtete. Weil ich denke, dass ihm nicht recht ist, wenn ich ihm Ausführungen zuschreibe (und jeder andere nimmt es für bare Münze), will ich seinen Namen hier lieber nicht nennen. Dabei ist im Zweifel doch zuerst der Bote zu bezichtigen, kommt einem vermitteltes Wissen komisch vor. Klar hab ich vieles falsch und quer verstanden und niemand soll denken, ihn für das hier Geschriebene haftbar machen zu können. Es ist das, was ich vernommen habe, jetzt falsch erinnernd zusammenfüge und um wenige weitere Quellen abstütze.

Wir trafen uns an der „großen, goldenen Stele (Schild)“, wie in der Einladung geheißen:

Wir bewältigten drei Etagen, die ebenerdige Heiltumskammer (der Führer nannte sie auch Schreinkammer, Reliquienkammer), die untergeschossige Schatzkammer und die darunter liegenden Lapidarium und Paramentenraum.

Es begann mit dem Schrein des Heiligen Engelbert. 1 Meter lang, 30 Zentimeter breit schätze ich ihn. Ganz aus Gold, mit goldenen Figuren. Drin lägen Knochen, päckchenweise in Stoff eingewickelt, beisammen die Beinknochen, im nächsten Päckchen die Rippenknochen… Engelbert wurde ermordet vier Jahrhunderte, bevor der Schrein ihn als Schutzpatron der Katholiken zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs verherrlichte. Bis ins 19. Jahrhundert hinein habe er im Dom gestanden. Als der aber fertiggebaut war, wurde er, weil er wieder in mittelalterlichen Zustand versetzt werden sollte, aus diesem entfernt. Nur am Todestag des Engelbert, dem 7. November, stehe er für einen Tag im Dom.

Das zweite besprochene Ausstellungsstück war ein Bischofsstab von Rom. Aufmerksamkeit erregte unser Führer mit: „Der gehört eigentlich Benedikt XVI.“ und sah uns mit verschmitzten Augen an, unser Interesse an einem eventuellen Kirchenraub erwartend. Er habe Petrus gehört. Unser erster Kölner Bischof war ein Schüler von Petrus, erzählte er. Um 1000 habe Bischof Bruno den Bischofsstab aus Rom nach Köln geholt. Die Erzbischöfe wollten sich so auf Petrus zurückführen und behaupteten, Petrus habe den ersten von ihnen eingesetzt, aber das ist falsch. Seit 1700, 1800 Jahren gebe es Bischöfe in Köln. Komisch, das Erz- ließ er oft, meistens oder immer weg. Ließ auch ein Zitat von Jürgen Becker fallen: „Dat Ding deit et ävver“ („Das Ding tut’s aber“, also obwohl’s gelogen ist). Daneben waren in einem Gefäß Kettenglieder zu sehen, sie sollten zu den Ketten gehören, in die Petrus gebunden war.

Er lenkte unsere Blicke nach oben. Da waren in einer Nische unter der Decke rundherum Bischofsmützen aufgereiht. Sie enthielten Schädel, sagte er, 120 Stück seien es.

Vor dem Hinuntergehen wurde von der Heiligen Ursula gesprochen, ganz ähnlich, wie Cordula Reiter es erzählt hatte, dass nämlich Knochenfunde mit Heiligkeit aufgeladen wurden, man aus 11 11.000 Jungfrauen machte (wozu er nichts Genaueres sagte), und weil die Knochen nicht entgeltlich abgegeben werden durften, sie teure Behältnisse für sie bauten. Köln sei reich durch solche Reliquiare geworden, sie wurden nach ganz Europa verkauft, bis Kiew z.B.. Das sprach unseren Kiewer Juden an. Später führten sie einen kurzen Dialog auf Russisch miteinander. Semester verstand ich, aber die Zahl musste ich nachfragen.

In der Schatzkammer machten wir zunächst vor einem Kurschwert Halt. Eigentlich nur ein Holzstab drin in einer reichverzierten Schneide und mit reichverziertem Griff. Nicht zum Schneiden, sondern zum Repräsentieren. Mit diesem Schwert (ich meine, erhoben habe er gesagt, was komisch gewirkt haben mag, so gezückt) sei der nach Bonn vertriebene Erzbischof eingeritten, 2000 Bewaffnete ihm nach, zu seinem Besitz, dem Kölner Dom zu gelangen. Ebenso bewaffnet und mit ihren Schwertern fuchtelnd säumten die ihre Autonomie liebenden Kölner Bürger seinen Weg. Ich ließ das Wort „Spießrutenlauf“ fallen, aber damit verhaute ich mich.

Hinter einem gotischen Bischofsstab erklärte der Führer unseren Ort im Gefüge von Dom, Bahnhof und Erdoberfläche. Die Wand der Schatzkammer ist oben aus dunklem Basalt und hellem Tuffstein gemauert. Das sind die Fundamente des Doms. Der untere Teil ist aus Grauwacke, das ist die 2,5 Meter dicke römische Stadtmauer. „Wann wurde der Dom gebaut?“ fragte der Führer. Unser MB wusste es: 1248, „immer verdoppelt“ und hatte das Jahr auch ziffernweise gesprochen. Der Dom, also die Domplatte, liegt so hoch im Vergleich zum Bahnhof daneben, weil er auf der Römermauer gebaut ist, um Fundamentkosten zu sparen.

Wir sahen einen großen, goldenen Kopf mit dem Schädel von Gregor von Spoleto drin. Der Führer berichtete das mir Interessante, dass im Mittelalter der Sitz der Seele wie des Geistes im Kopf gesehen wurde. Eine unserer Geführten erkannte Spoleto wieder, da sei sie schon mal gewesen. Vom Führer wurde sie gelobt: „Ja, überall sind Sie schon gewesen!“, denn in Compostela auch.

Wir bewunderten eine Monstranz, die MB bereitwillig erklärte. Während der Führer immer sprachloser wurde, erklärte MB lunula (Sichelmöndchen), dass solche Monstranzen für die Augenkommunion verwendet wurden, das sei die sogenannte Schaufrömmigkeit, man müsse die Hostie nicht zu sich nehmen, sondern es genüge sie anzublicken. Weil ein ungetrübter Blick Muss war, sei Bergkristall verwendet worden, fuhr der Führer fort, er wurde ausgehöhlt und von außen geschliffen. Vom Material Bergkristall hatte auch Cordula Reiter berichtet.

Die kleine Krone oben stehe für Jesus, die große darunter für Maria. Der Zusammenhang stellte sich glaube ich so dar, dass Maria uns den Leib Jesu geschenkt hat, der sich in der Hostie im Innern der Monstranz verkörpert. Der Führer wies uns auf Kratzspuren an einem großen, quadratischen, roten Edelstein vorn hin. Die Monstranz, gefertigt [im 17. Jahrhundert] von Christian Schweling, sei mal gestohlen worden und nur die Edelsteine wurden wiedererlangt, das Gold vielleicht eingeschmolzen, daher eine Rekonstruktion vonnöten gewesen und nur die Edelsteine noch original.

Wir standen vor drei Kruzifixen, an denen jeweils Jesus hing. Das linke, wie wir es kennen, mit ausgebreiteten Armen und hängendem Kopf. Beide rechten hatten dagegen die Arme fast senkrecht zum Himmel erhoben und der Kopf schaute auch empor. „Superman“ habe mal ein Schüler ausgerufen, als der Führer gefragt: „Wisst ihr, wer das ist?“ MB legte wieder los, es seien Jansenistenkreuze. Die hochgereckten Arme bedeuteten eine Einschränkung, während die ausgestreckten alle umfasst hätten. Denn Jansenius von Ypern hatte eine Prädestinationslehre, dass nicht alle erlöst werden können. Der Führer gestand ein, dass ihm das neu war. Für ihn symbolisierten die zweiten Kreuze die Auferstehung Jesu und seine Aufnahme in den Himmel. Aber er werde sich schlau machen, das sei interessant. Beim einen las ich Niederlande, spätes 17. Jh., beim andern Georg Petel, Mitte 17. Jh..

Der Führer ließ uns die Nägel der Kruzifixe zählen. Mal waren es drei, mal vier. Es habe einen Theologenstreit darum gegeben, ob es drei oder vier Nägel waren. Die vier entsprächen den Evangelisten, die drei der Trinität.

Im Lapidarium wies er uns zunächst wieder die Himmelsrichtungen: Bahnhof, Rhein, „und da ist Esch“, weil eine von uns von da kam. Dann standen wir vor 1500 Jahre altem Goldschmuck aus einem fränkischen Grab. Es wird angenommen, dass es das der Königin Wisigardis ist, der zweiten Frau von Theudebert.

Gregor von Tours schreibt:

Cumque iam septimus annus esset, quod Wisigardem disponsatam haberet et eam propter Deuteriam accipere nollet, cuniuncti Franci contra eum valde scandalizabantur, quare sponsam suam relinqueret. Tunc commotus, relicta Deuteria, de qua parvolum filium habebat Theodobaldum nomen, Wisigardem duxit uxorem. Quam nec multo tempore habens, defuncta illa, aliam accepit. Verum tamen Deuteriam ultra non habuit.

Als es schon sieben Jahre waren, dass er mit Wisigardis verlobt war und sie wegen Deuteria nicht zur Frau nehmen wollte, da machten die vereinten Franken großen Aufstand gegen ihn, dass er seine Konkubine entließe. Darauf lenkte er ein, entließ Deuteria, mit der er einen kleinen Sohn namens Theudebald hatte, und machte Wisigardis zu seiner Ehefrau. Er hatte sie nicht lange Zeit, da starb sie und er nahm eine andere. Deuteria aber hatte er wirklich nicht länger.

(Historiarum III, 27)

Die Grabbeigaben weisen eine strenge Schönheit auf. Ich musste ans Nibelungenlied denken, in dem ich in der Stadtbahn noch gelesen hatte. Keine Bauwerke dort beschrieben, sondern repräsentiert wurde durch Kleidung, Schmuck, Waffen und Gastgeberei. Ich hätte gern gefragt, wie beides zeitlich zueinander in der Ordnung sei. Hab’s aber gelassen, weil ich erstens Angst hatte, mit dem Nibelungenlied anzugeben und mich als Streber bloßzustellen, zweitens war ich gerade wieder gut in der Masse verschwunden, kritzelte zwar fleißig, aber ohne dass er mich noch beachtete, und wollte meinen Kopf nicht wieder emporrecken. In der Tat spielt auch das Nibelungenlied im 5. Jh., aber für Wisigardis finde ich nun das 6..

Bei den Grabbeigaben im nächsten Glaskasten fragte er, ob uns was auffalle. Die fränkische Wurfaxt zum Schädelspalten sah noch normal aus. Aber der Helm war so klein. Reihum ließ er jeden, der meinte, der Helm könne ihm passen, vortreten und neben dem Glaskasten in die Hocke gehen und die anderen sollten sagen, ob der Helm größer als der Kopf sei. Immer murmelten wir nein im Chor. Erwartungsfroh guckte er uns an: „Es ist das Grab eines Kindes.“

Die kleineren Knochen – nicht im Lapidarium – zeigten das auch und die Zähne waren Milchzähne. Das Kind war ungefähr sechs Jahre alt. Ein DNA-Test hätte eine Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent für eine Verwandtschaft ergeben. Man spekuliere, dass es Mutter und Kind sind, die vom Halbbruder Theudebald der Thronfolge wegen vergiftet wurden. Im Glaskasten des Kindes war als Grabbeigabe eine kräftige Flasche enthalten mit klarer Flüssigkeit drinne sowie einem Wattestopfen. Er ließ uns raten, was das sei. Ein Duftöl war’s. Von der Menge her eineinhalb Kölschgläser, bemaß er.

In einem Frage-Antwortspiel entfaltete er unser Verständnis dieses multifunktionalen Gitterbetts, wobei ich die Gitterstäbe fortgelassen habe. Die dicken Striche geben die Gitterhöhe an, die dünnen sind Fluchtlinien. Gerafft lässt es sich in drei Lebensaltern verwenden:

  • Die Seite A ist niedrig, damit die daneben schlafende Mutter dem Säugling die Brust geben kann.
  • Die Seiten C und D sind hoch, damit man das Bett mit ihnen nach außen in die Zimmerecke stellen und das Kind nachts nicht rauskrabbeln kann.
  • Die Seite B ist niedrig, damit man das Bett, ist das Kind vernünftig geworden, mit den niedrigen Seiten nach außen in die Zimmerecke stellen und es herauskrabbeln kann.

Hier endeten die fränkischen Grabbeigaben. In der Paramentenkammer sind reiche Kleider zu bestaunen. Vergilbt und verlasst scheinen sie staubig, doch reliefartige Erhebungen zeigen Bilder und ihr Wert wird klar, erklärt der Führer, dass sie aus Seidenfäden, mit Goldfäden umwickelt gefertigt sind, Silber kam auch vor.

Der prächtigste Chormantel hatte fünf Bischofsmützen über sich angebracht. Das Set war für einen Anlass nur angefertigt und die vier Mützen Ersatz. Clemens August von Bayern habe es sich machen lassen („Dafür lass ich mir den teuersten Fummel aller Zeiten fertigen“, schalkte er), als sein Bruder Karl von Bayern [am 12. Februar 1742] zum Kaiser gekrönt wurde. Dass das in Frankfurt, nicht in Köln geschah, vermerkte unser Führer nicht.

Wir gingen vor ein Vortragekreuz, zu dem es eine Anekdote zu erzählen gab. 1996 wurde es geklaut, als es nach einer Prozession irgendwo schlecht verwahrt war. Schäfers Nas war ein übler Bursche der Unterwelt, aber Kirchendiebstahl, das ging zu weit. So kam er zum Dompropst und bot sich an: „Isch hör mich ens öm, ich krieg schon raus, wer es gefitscht hät.“ Und so geschah es.

Ohne den Führer gingen wir dann noch in die Krypta. Da konnte man den Namen von Kardinal Frings lesen, sehr beliebt hier in Köln, Namensgeber des Verbs fringsen, was Diebstahl des Lebensnotwendigsten ist:

Und das Grabmal von Clemens August:

Auf diesem Sessel wohnt Kardinal Meisner Gottesdiensten bei:

Und das Richter-Fenster:

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