Karlsson unter Dach und Fach

Mein liebstes Kinderbuch ist Jim Knopf gewesen. Geschwärmt hab ich für Prinzessin Li Si. Sie war so klug. Jim wusste sich nicht zu helfen als mit Trotz: Schreiben und Lesen braucht kein Mensch, meinte er, traumatisiert durch Frau Mahlzahn. Erst zuletzt, als die Frage seiner Herkunft geklärt werden wollte, erkannte er den Schreibfehler der Wilden 13 (der, der K schreiben konnte, war gerade ausgefallen gewesen, sein Zwölfling, der das L schreiben konnte, sprang ein, und Jim landete verschickt in Lummer- statt Kummerland und also bei Frau Waas und König Alfons dem Viertel-vor-Zwölften) und revidierte seine Abwehr.

Vorige Woche war ich im Bürgerzentrum Nippes, wo eine ausrangierte Telefonzelle als Büchertauschbörse dient. Vor Weihnachten hatte ich da Klaus Kinski mitgenommen, für meine damalige Freundin gedacht. Doch vom Hinsenden sah ich dann ab mit der mich selbst beschwichtigenden, aber doch validen und stichhaltigen Ausrede, Vorlesen sei schöner. Also las ich ihr Kinski vor, denn seine Radikalität hatte sie mal bewundert. Ich las vielleicht dreimal und kam bis Seite 23, als ihn vor dem Laden, den er aus Hunger bestohlen hat, ein Motorradfahrer anfährt und Zitronen, Gurken, Mohrrüben, Kartoffeln und Affenbrot durch die Luft sausen.

„Bleib bei der Sache, Menne!“

In der Folge wollte sie aber doch lieber wieder Fernando Pessoa vorgelesen bekommen. Las ich Pessoa vor, war sie atemlos. Sie hielt den Atem an, war in den Hilfsbuchhalter eingefühlt und gespannt, wie seine Gedankengänge weitergingen. Oft lachten wir über seine Weltverdrossenheit, aber mit wiedererkennendem Respekt, etwa wie andere über Woody Allen. Unsere Lieblingsstelle war das Gruppenfoto, das er in Fragment 11 (153) beschreibt.

Als ich jetzt wieder über die Rücken glitt und mein Kopf vom Hin- und Herneigen ganz wacklig geworden war, fiel mir Das Katastrophen-Quartett in geschwungener Schrift vor Himmelblau auf. Der Vorname Ortrud ist mir bekannt (Beginnen, Schauspielerin), Ortwin heißt der Truchsess Gunthers, Ortlieb der Sohn Kriemhilds und Etzels im Nibelungenlied und bei Ortnit denke ich an Christa Wolf. Das ist ein schöner Name für einen Weltenwanderer. Und so sieht der Autor auch aus auf dem Foto, mit wilder, vom Wind gefegter Haarmähne und dickem Schal. Ich stelle ihn mir auf einem Segelschiff oder in der Kälte der Wüste vor.

Am Titelbild gefällt mir nicht, dass im Roman allein ein Wolf vorkommt. Weil seine Pranke aus der Waschmaschine ragt, befindet sich sein Kopf noch herinnen. Dennoch hat die Illustratorin Eleonore Gerhaher einen zweiten Wolfskopf ins Bild ragen lassen, was zur Geschichte überhaupt nicht passt. Das ist zuviel an künstlerischer Freiheit, finde ich, auch wenn es durch gestalterische Gewichtverteilung auf dem Umschlag motiviert sein mag.

Die Geschichte zielt auf Kinder zwischen 10 und 12, während Jim Knopf für 6 bis 8 Jahre gedacht war. Das muss ich berücksichtigen.

Die Viererbande besteht aus – was ich mir von verschiedensten Seiten zusammenklauben musste:

  • Manfred „Menne“ Liebkind, 11 Jahre alt, schlechter Schüler, hat „schon zweimal 4 minus geschrieben und dreimal 4“ (Seite 96). Leidet unter der zweiten Trennung seiner Eltern. Er erzählt dieses Buch.
  • Shaleh Sayed, einziges Mädchen der Bande, ist moslemische Afghanin. Sie ist Schnelligkeitsfanatikerin und will Schriftstellerin werden, „damit sich die Menschen kennenlernen“ (S. 121). Sie hat Geigenunterricht und ihr Vater ist Rechtsanwalt.
  • Kaiser, eigentlich Ramaswami Pratap Singh II, ist Einserschüler. Er stammt von Udai Singh ab, einem indischen König. (Sein Name lässt mich an Kaiser Kuo, Ex Tang Dynasty (唐朝) denken.) Er ist in einer Politik- und einer Astronomie-AG. Sein Vater handelt mit Teppichen.
  • Rulle, eigentlich Hùng Nguyen, vietnamesischer Herkunft, dessen Vater einen Gemüseladen betreibt.

Die Geschichte hat mich anfangs sehr gefesselt. Menne schreibt, wie er spricht. Manchen Sätzen fehlt ein Prädikat, weil es nur Füllsel wäre. „Das war der Wartebereich. Drei schwarze Bänke, vier schwarze Stühle und ein Tisch.“ (S. 169) Ist es nötig, die Betonung anzuzeigen, wird das kursiv getan. „Auf die Waschmaschinen kamen zwei Kerzen.“ (S. 37). Kann man sie sich erschließen, wird drauf verzichtet. „Das mache er nicht, sagte er allerdings, weil er Angst habe, sich anzustecken, ’nein! Ich will nicht, dass ihr euch ansteckt.'“ (S. 39) Menne hat seine Zuhörer im Blick: „Mit den zerknirschtesten Gesichtern, die ihr euch vorstellen könnt.“ (S. 156)

Im mittleren Teil ließ mein Interesse etwas nach, aber im letzten Drittel war es wieder da, als langsam Erklärungen für Frau Schneider geliefert wurden. Darauf war ich gar nicht gekommen.

Lange gewartet hab ich auf eine Liebesgeschichte wie bei den Pfefferkörnern. Schüchterne Ansätze waren da: „Das war das erste Mal, dass Shaleh meine Hand nahm und sich plötzlich an ihr festhielt.“ (S. 179) Und als die Jungs über Gors Freundin reden – Menne „hämt“, dass der vielleicht an seiner Freundin rumbastle -, sagt Shaleh seufzend: „Das glaub ich jetzt nicht.“ (S. 198) Aber am Ende wird uns eine neue Perspektive eröffnet: Im nächsten Buch verliebt sich Shaleh in Frau Schneider, die dann ein punkiger Junge ist.

Musst du das schreiben?“ „Soll ich nicht?“ „Doch. Schon gut.“ (S. 96)

Metapoetik spielt eine Rolle. Menne erzählt die Geschichte mit Abschweifungen und Vorgriffen. Shaleh verweist ihm das: „Eine Geschichte muss man hintereinander erzählen.“ (S. 11). Aber seine Cliffhanger funktionierten, sie hielten meine Neugierde angespannt. Er ist ein unwissender Erzähler: „Ich atmete so ruhig und langsam wie möglich, während die Freunde aneinandergekauert, ganz bestimmt war das so, die Luft anhielten. ‚Ja‘, sagt Shaleh, ‚genau so war das.'“ (S. 73) Oder „Während Rulle also erst mal zuhause oder in seinem Laden blieb.“ (S. 122)

Mein ästhetisches Empfinden hat verletzt, dass die zweimal vorkommenden Yu-Gi-Oh!-Karten auf Seite 24 „Yugi-Oh!-Karten“ und auf Seite 102 „Yougi!-Oh-Karten“ geschrieben sind.

Auf Seite 32 erscheint ein vietnamesischer Satz:

Ein Kollege, den ich befragte, übersetzte es: „Stört mich nicht.“ Der Autor, bzw. Rulle: „Lass mich in Ruhe.“

Schön finde ich, dass Menne sein Schwesterchen Ophelia Katastrophelchen nennt. Leider tritt sie nicht auf.

Auf Seite 24 blieb ich an einem seltsamen Wort hängen. Hm, wie umschreibe ich es? Sieht aus wie ein gewöhnliches Verb, beginnt aber mit zwei Vokalen, deren zweiter Umlautpünktchen trägt. Gibt’s im Deutschen nicht. Ich rätselte, durch welchen Druckfehler diese Entstellung geschehen konnte und woraus. Ach, hätte ich doch weitergelesen. Denn zwei Zeilen darauf wird es erklärt und klar, dass es ein abgekürztes Kunstwort ist. Beim Lesen macht es nun Sinn, doch frage ich mich hier beim Aufschreiben, ob man es überhaupt ordentlich sprechen kann. Jedenfalls lieben Kinder ja Geheimsprache, damit wir Erwachsenen ihnen nicht auf die Schliche kommen. Sprache, Mittel der Kommunikation, dient auch der Distinktion, um welche auszuschließen.

Bei Kaisers „Zeichnung von Stangen, in denen sich kleine Räder drehen, und wie man die da drunterkriegt“ (S. 21) musste ich unweigerlich an die Illustrationen von Franz Josef Tripp denken. Wie er uns das Perpetumobil – Endes kindgerechte Fassung des perpetuum mobile – veranschaulichte: An einem flachen Mastausleger hängt die eiserne, magnetische Fastkugel vor Emma, zieht sie an und beschleunigt sie. Mit Zügeln kann Lukas den Mast schwenken, um die Lokomotive zu lenken, oder in die Senkrechte hieven, dann steht Emma still (da ihr Gewicht anscheinend doch stärker ist als die magnetische Anziehungskraft des Treibstoffs). Ich weiß nicht, ob ich damals so ganz daran glaubte. Aber welcher Junge träumt nicht von müheloser Fortbewegung? Ich, als ich mit dem Fahrrad zum Sport runterradelte, aber nach ihm erschöpft wieder emporradeln musste. Da träumte ich von einem Lift, der mich erst hochtrug, so dass ich dann wie auf dem Hinweg nur abschüssigen Weg vor mir hätte.

„Menne!“, ruft Shaleh.

Es gibt Cliffhanger wie am Ende des 4. Kapitels: „Habe ich eigentlich schon erzählt, dass Frau Schneider ein Wolf ist?“. Oder am Ende des 7.: „Damals war Frau Schneider aber noch nicht da, das heißt, wir wussten noch nichts von ihr. Noch war Thor zu.“ Oder am Ende des 8.: „Es war aber eindeutig ein Fehler gewesen, es auf die Klassenfahrt mitzunehmen.“ Oder mitten im 20. das „Klavier meines Vaters im Baum“. Das sich übrigens bis zum Schluss nicht aufgelöst hat, ebenso wie Herr Niebels Porsche auf dem Garagendach.

Auf Seite 100 fragt Rulle Frau Schneider, ob sie ein Gestaltenwandler sei. Jenen (ohne -en- inmitten) jüngst als Postkarte des Deutschen Bühnenvereins gesehen, in simplen serifenlosen Großbuchstaben, oben und unten unterstrichen, als einer von 18 Begriffen von Charakterkopf bis Zweitbesetzung oder, so Sie sie komplett sehen wollen, in der Anordnung der Werbung auf Seite 34: Klangkörper, Diva, Gestaltwandler, Kunstobjekt, Tonangeber, Chorknabe, Hauptfigur, Protagonist, Zweitbesetzung, Selbstdarsteller, Sprechrolle, Rampensau, Charakterkopf, Statist, Spielmacher, Dramaqueen, Traumtänzer und Held. Kenne selbst ihn eher als Proteus, wie auch Goethe, vermutlich in Faust II.

Chucks, über die Cornelia Travnicek ein ganzes Buch geschrieben hat, dürfen heutzutage nicht fehlen, wie sie im richtigen Leben – oben gestern früh in der U-Bahn – auch nicht fehlen. Bei Karlsson berichtet Menne: „Zum Beispiel durfte ich plötzlich die Converse nicht mehr tragen.“ (S. 38) Und als ich auf Seite 36 „obendrein“ las, klang es mir gleich in der Färbung von Travniceks Stimme im Ohr. Ist das überhaupt ein Austriazismus?

Auf welchen weltbesten Propellermann der Titel anspielt, wisst Ihr sicherlich, aber wisst Ihr auch, warum es „Dach und Fach“ heißt? Nicht nur des Reimes wegen, sondern Fach steht für das Fachwerk. Das Grimmsche Wörterbuch der deutschen Sprache – ja, es sind dieselben Grimms, die die Märchen gesammelt haben – erklärt, dass „ein Haus unter Dach und Fach bringen“ heißt, der Rohbau ist fertig. Ich stelle es mir so vor, dass das Fundament gemauert ist und darüber nur in Zimmermannsarbeit Balken, Träger und Latten errichtet sind und noch verputzt, geschindelt etc. werden wollen. Trotzdem steht die Redewendung mehr dafür, dass etwas endgültig fertig ist, in meinem Sprachempfinden.

Unter Dach und Fach habe ich also zunächst das Buch gebracht, denn in meine Wohnung, und zum anderen nun seine Besprechung. Das Katastrophenquartett ist Ortnit Karlssons Debüt und Menne ist zu Beginn in eine neue Wohnung gezogen. Das Buch habe ich einem Regalfach der „Buchbude“ genannten Telefonzelle entnommen und jetzt ist es auch wieder in einem Regalfach gelandet.

Mennes Vater spielt abends gedämpft Klavier:

Wenigstens spielte mein Vater immer weiter. Seine Musik wehte fast still über den Flur. Sie war wie die Dünung von einem Meer. (S. 132)

La mer hab ich auch mal spielen müssen:

Eduard Kaeser sagt, dass Intelligenz haptisch ist und Finger braucht.

„Menne!“

Am Ende des zweiten Kapitels werden vier Fortsetzungen angekündigt. Denn Frau Schneider, heißt es, passe nicht in ein einziges Buch. Also wird es Bücher wie dieses auch von den anderen drei des Quartetts erzählt geben sowie zuletzt ein von Frau Schneider selbst erzähltes. Die Illustration auf der fünften Seite zeigt das. Wir sehen fünf Spielkarten. Da wo sonst K für König, D für Dame, B für Bube steht, stehen die Buchstaben M, K, R, S für die vier Freunde. Die Karte mit M ist dunkel hervorgehoben, weil dies sein Buch ist. Die fünfte Karte zeigt ein Krokodil, das aus einer Waschmaschine guckt – hab ich zuerst geschrieben, aber es muss ja ein Wolf sein.

Ganz am Ende kommt als totaler Cliffhanger, dass Kaisers Bruder Gor, der in Thor gesogen wurde, ein dreiviertel Jahr verschwunden sein wird und – so unnachahmlich mennesch appetisierend wie je – als Kastanie wieder auftauchen wird. „Doch davon will dann Kaiser erzählen“, schließt das Buch.

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