Verglichen

Vergleiche!
Ach, lass es, schweige!

Die Mayersche hatte Atemschaukel, Reisende auf einem Bein und Herztier im Regal. Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt hatte mich auch interessiert, aber im Netz hatte Irene beim Fotografen vielversprechend geklungen, deswegen kaufte ich Reisende, Singular oder Plural.

Ah, Plural (98.-10).

Der Klappentext bezeichnet es als „eine bewegende Geschichte von Ferne und Nähe, Abreise und Ankunft – und der Leere dazwischen, in der wir schmerzhaft uns selbst spüren.“ In DGdW redet Marijan: „Ich wollte nicht das Sehen und auch nicht die Blindheit abbilden. Deswegen habe ich mich für das Dazwischen entschieden.“ (354.-8). „Das eine ist mein Bild, das andere ist dein Bild, sagte Irene. Dazwischen gibt es nichts.“ (92.13).

Als erstes las ich Irene beim Fotografen. Der viermal wiederholte Satz „Er hatte geknipst“ ließ sich mit Vorsatz als Vorbild des vierfach wiederkehrenden Kapiteltitels „Das Geräusch des Werdens“ ansehen.

Der Fotograf fragt „Haben Sie nichts dagegen, oder ist es Ihnen gleich.“ Irene antwortet: „Sie sagen, man sieht es nicht. Weshalb soll ich mich entscheiden.“ Maddox will sich bei der Auswahl der Fotos des blinden Marijan genauso wenig entschieden haben.

Herta Müllers Manier, alle Fragezeichen durch Punkte zu ersetzen, findet sich bei Aléa Torik nicht.

„Das Auswählen der Karten war Irene überlassen. Durch Franz.“ (151.-6) Der Inhalt diktiert sich von selbst und beim Aussuchen der Ansichtskarten stellt Irene sich Franz‘ Gesicht vor. Hält die Vorstellung stand, wählt sie die Karte. Hat Maddox vielleicht ähnlich unter Marijans Fotos gewählt?

Die Telefonistin zu Irene: „Ich bin nicht blind. Sie sind taub.“ (21.3). Marijan steht gebannt am offenen Fenster und hört, wie eine Umgebung entsteht, wie Gegenstände wachsen und werden. (25.-1). Die Mobilitätstrainer: „Das Geräusch kann nicht dasselbe sein. Wenn es dasselbe ist, bist du taub, nicht blind.“ (104.17).

„Weniger ist manchmal mehr als viel.“ (RaeB, 131.9). „Wenn das Ganze nicht viel ist, kann es die Hälfte erst recht nicht sein.“ (DGdW, 361.-3). „Ein halber Tag war vergangen. Ein ganzer Nachmittag.“ (RaeB, 29.-12).

„Irene zog langsam ihre Kleider an, wollte sich erinnern, wie sie nackt geworden war.“ (110.-5). Leonie: „Ich konnte mich nicht erinnern, meine Sachen ausgezogen zu haben. Jedenfalls konnte ich mich nicht genau erinnern.“ (77.-12).

„Das Paar küßte sich.“ (RaeB, 32.-11). Vor einer Bäckerei küssen die beiden Liebenden einander, wie andere kauen. (DGdW, 194.8). „Die Küsse waren kurz.“ (RaeB, 32.-7).

„Konnte man unter Wasser ersticken? Ertrank man?“ (DGdW, 5.4). „Wenn wir ersticken, würden wir so gern ertrinken.“ (RaeB, 141.2).

Stefan „küßte Irenes Fingerspitzen“ (127.9). Marijan „öffnete den Mund und spürte ihre Zehen an seinen Lippen“ (8.-1).

„Thomas hatte gesagt: Du hast schöne Zehen.“ (111.7). Leonie: „Ich hatte schöne Füße und schöne Zehen.“ (82.-11).

„Küß mich, hätte Irene gern zu Franz gesagt. Sie schwieg.“ (95.-14). Anders Liv: „‚Küssen, hier, jetzt‘, sagte sie zu Valentin und zeigte auf ihre Schulter. (126.-2).

„Irene lächelte: Hast du es gespürt. Was. Das Lächeln aus dem Osten.“ (123.-8). Marijan über Leonie: „Ich spürte, dass sie dabei lächelte. Die Mundwinkel verziehen dann die Worte um eine Nuance.“ (350.7).

„Kannst du dir das vorstellen, sagte Thomas, kannst du dir vorstellen, zu leben, ohne Entwurf.“ (137.-12). Liv kann es nicht: „Das Leben war eine Ebene, alles war voraussehbar und planbar, alles war erreichbar.“ (128.10).

„Wenn Irene jetzt hätte sagen müssen, was sie empfand, wäre kein einziger Satz richtig gewesen.“ (96.13). Marijan: „Sobald ich nach einem Wort suche, ist das Bild weg.“ (359.1).

Thomas und der Sohn einer Freundin seiner Mutter waren einst wie Zwillinge ausgestattet worden (137.8). „Wir waren nie befreundet. Später bin ich ihm ausgewichen. Ich habe ihn gehaßt. Ich glaube, seinetwegen hab ich später ein paar Jahre eine Frau geliebt.“ Varian hasst seinen Zwilling, als der zur Beerdigung ihrer Mutter ins Dorf zurückkehrt, für seine Leichtigkeit und Erfolge bei Frauen: „Ich hätte ihn umbringen können. Ich habe ihn umgebracht.“ (121.-2).

Anders als im Rumänischen: „Blätter wie Laub, oder Blätter wie Papier, fragte sie.“ (RaeB, 109.-2). Wie ein leises Echo gelangt Aléa Torik von Karten wie Land zu Karten wie Spiel: „Hat Andalusien eine Küste?“, fragt Liv Valentin. Gleich darauf denkt sie: „Dann würden die Karten auf den Tisch gelegt.“ (129.-17).

„Man ging von der Straße durch eine Hauseinfahrt, die Schritte hallten von allen Seiten. Marijan hatte das Gefühl, seitlich an der Wand oder kopfüber an der Decke entlang zu gehen.“ (6.15). „Das Kopfsteinpflaster führt aus dem Tor heraus. Auf deinem Bild führt es ins Tor hinein. Dein Bild ist richtungsverkehrt.“ (RaeB, 156.8). „Ihre Schritte klangen auf den Treppen zweifach.“ (RaeB, 52.4). „Irene ging auf dem Kopf.“ (116.10).

Könnte Folgendes über eine Collage nicht auch Marijans Fotos beschreiben?

Die Verbindungen, die sich einstellten, waren Gegensätze. Sie machten aus allen Photos ein einziges fremdes Gebilde. So fremd war das Gebilde, daß es auf alles zutraf. Sich ständig bewegte. (RaeB, 50.-12)

Wie ein Kommentar zu den verschiedenen Perspektiven im DGdW wirkt: „Den Wandlungen zwischen denselben Fakten hörte Irene gerne zu.“ (71.9).

Die Lehrerin Clara: „Ein kleiner Teil von mir, der sich noch immer fragt, was das Glück ist, und der, ohne das Mindeste davon zu wissen, bereits vollkommen glücklich ist.“ (159.13). „Wenn man das weiß, dann ist es nicht so, sagte Irene.“ (73.-8).

„Thomas öffnete die Schranktür und sah sein Gesicht im Spiegel an. […] Thomas hatte die Lippen geöffnet. Er sah seine Zähne an.“ (74.7). Valentin auch: „Er ging ins Badezimmer, machte das Licht am Spiegel an und zog die Lippen hoch. Er schaute in den Spiegel. Seine Schneidezähne waren vielleicht nicht gerade. Aber schief waren sie deswegen noch nicht.“ (131.-5).

Liv nahm ein Vase und „warf sie gegen die Wand“ (310.-7). Eine zweite gegen die andere Wand. In die dritte Richtung keine, denn da war das Verandafenster. „Irene dachte, es müsse Scherben geben, Möbel und Glas zerbrechen, weil sich die Straße diesem Licht nach, über die Dächer hob.“ (171.18). Marijan: „Ich hoffe, Sie werden nicht mit einem Wimpernschlag übergehen, wozu ich einen Horizont habe anheben müssen.“ (355.3). „Es kam Licht durch die Wimpern.“ (RaeB, 44.12).

Ein Graffiti (sic) in Frankfurt: „KALTES LAND KALTE HERZEN RUF DOCH MAL AN JENS. Und eine Telefonnummer.“ (RaeB, 97.-5). Und in Berlin, „wo der Sex, wie ein Graffiti an einer Häuserwand informiert, noch so ist wie er sein muss, dreckig nämlich, richtig schön dreckig.“ (DGdW, 188.-14).

„Die Frauen haben Wind auf der Haut. Sie sind vor Gewittern verstört. Sie haben einen Blick, als wüßten sie, was in den nächsten Jahren mit ihnen geschieht. Sie setzen was aufs Spiel.“ (RaeB, 86.13). „Der Wind zerrte an meinen Haaren. Die Böen peitschten über meinen Körper. Ich schloss die Augen. Ich war mittendrin. Mitten im Sturm. Tränen liefen über mein Gesicht.“ (DGdW, 345.6).

Als der Staatsgast aus Moskau landet, hat der Himmel eine helle und eine dunkle Hälfte (RaeB, 153.-3). Im Kapitalismus behält eine Hälfte der Galerist ein (DGdW, 361.-6).

„Franz war zehn Jahre jünger als Irene.“ (133.-13). Wer zehn Jahre jünger ist als Herta Müller, ist zwanzig Jahre älter als Aléa Torik. Seltsam, dass der heutige Tag sogar genau die Mitte der Spanne ist. Irene denkt über Franz, dass er mit seinen fünfundzwanzig Jahren mitten im Leben stehe (133.-3). Dann fürchtet sie, sein Leben mit dieser Formulierung zu verkürzen (134.5). Liv ist fünfzig, als Valentin sie verlässt (305.6).

Hat Aléa Marijan, der für Leonie da sein soll, deshalb blind gestaltet, weil Irene das Gefühl hatte, „durch ihren Blick auf diese Städte, die Menschen, die ihr nahestanden, von den Städten zu entfernen“ (146.-2)?

Irene: „Wenn keiner da ist, den man liebt, und die Städte so verworren, hab ich Lust, mein Leben mit einem Verbrechen zu beginnen.“ (164.-3). Was Aléa vielleicht getan hat, denn über das Verschwinden Krisztinas – Cristina hieß Herta Müller für den Geheimdienst, weiß sie seit 2008 – erfahren wir nichts.

Der gemeinsame Anlaut verbindet Liv und Leonie wie ein fehlendes Haar hinterm Tee. Und nur Vornamen in beiden Romanen, kein Familienname, nirgends.

Irene dachte über andere Frauen, „dass sie die Schlucht genauso kannten“ (81.14), „die geöffnete Frucht ihrer gespreizten Beine“ (DGdW, 32.13). „Franz legte sich auf sie: Ich will mit dir schlafen.“ (15.3). Leonie: „Ich wollte spüren, dass er mit mir schlafen wollte.“ (324.13).

Herta Müller ist dunkel und schwer, wie ein Tier, Aléa Torik leicht und licht, wie der Geist.

Aus dem Bett drängt es: „Lass das Vergleichen. Streiche Vergleiche. Nachts verbleichen Vergleiche.“

Eine Antwort to “Verglichen”

  1. Aleatorik » Ich habe Besuch und wir amüsieren uns königlich Says:

    […] Holio initiiert nicht nur Gerüchte, er lässt auch Taten folgen. Zuerst wird Reisende auf einem Bein mit Das Geräusch des Werdens verglichen. […]

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