Die literarische Welt, wie sie die FAZ sah

Nachdem der Bücherblogger so schön und melancholisch die vier Wochen alte FAZ-Literaturbeilage besprochen hat, will ich das auch tun.

Das Rezensionspanel

besteht aus 18 Männern und 12 Frauen, wobei die ersten drei Seiten von vier Frauen und einem Mann besetzt sind, die ersten fünf von sechs Frauen und drei Männern und erst die ersten sechs von sechs Frauen und sechs Männern.

Die zeilenmäßig größte Besprechung hat Péter Nádas bekommen, gefolgt von Katharina Hahn, Mathias Gatza, John Banville und Téa Obreht.

Der Augentäuscher

Zwar mag ich von Lovenberg nicht und höre sie nur höchst ungern bei Literatur im Foyer näseln, aber ihr Einstieg ist gut. In der Tat dachte ich, sie spricht von der Gegenwart. Doch der „verheerende Krieg“, der noch nicht lange her ist, ist der Dreißigjährige, nicht der Zweite Welt-.

„Präsentiert wird die aktionsgeladene Reflexion über unsere Sehgewohnheiten in einem dreifach gebrochenen Plot.“ Das hat Schwung und Internationalität in der Sprache. Zweimal kommt sie auf die Zeitschrift Gala zu sprechen, einmal diminuierend („Promibildchen“), einmal mit „immerzu“ verdammend (verjüngen und verewigen).

Einmal missverstand ich sie, als ich dachte, der Protagonist werde von der tristen Gestalt einer Aufräumkolonne zugeteilt. Die uneingeführte Gestalt zwickte im Verständnis, bis Don Quijote nach oben schwamm und aus der instrumentalen Präposition eine modale wurde.

Alles Zirkus

Hubert Spiegel bemängelt Lars Brandt und weist mit anderen Worten darauf hin, dass die Schnittmenge von Beinen und Füßen leer sei. Das sehe ich anders, denn in jedem zweiten Kreuzworträtsel muss ich FUSS als Teil des Beines eintragen. Aber gut, hier hört das Bein (腿) oberhalb des Fußes auf:

Spiegel will das Buch nach 65 von 224 Seiten, das ist ein gutes Viertel, am Liebsten „zuschlagen“, liest aber weiter und freut sich ironisch, dass es noch besser kommt. Ist es abfällig, wenn er den Protagonisten verweiblicht, ihn eine „rechthaberische Mimose und arrogante Kampfunke“ nennt? Ein interessanter Brotkrumen ist vielleicht der Maler Richard Lindner, der in der Handlung erscheint, die Spiegel nacherzählt. Vier Zeilen später ist Spiegel noch der bildenden Kunst verhaftet und spricht von des Protagonisten „Schwarzmalerei“. Spiegel bemüht das Bild von „den spärlichen Haaren einer Clownsglatze“, an denen die Handlung herbeigezogen sei. Ist das überhaupt ein Topos? Wenn ja, auf welchen stilbildenden Clown geht es zurück? Hat Bernhard Paul doch einen wuscheligen Schopf. Spiegel schließt mit einer fast torikschen Aussage über Halbes und Ganzes: „Das ist eine Last, die sich nicht halbiert, sondern verdoppelt, wenn der Leser sie teilen muss.“

Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen

Auch Porombka lässt eine toriksche Fragestellung anklingen: „Das Aufblitzen von Wirklichkeitspartikeln, die eingewoben sind in das Erzählgefüge und von denen man mitunter nicht mit letzter Sicherheit sagen kann, ob man sie tatsächlich gerade gelesen oder gesehen hat, weil sie das Bewusstsein nur vage streifen.“

Geistersprache

Schön natürlich die wiedergegebene Position Schlaffers, dass der Nachfolger des Dichters heute der Popsänger sei. Schaue man seine Reichweite an, „so hat es nie zuvor eine so erfolgreiche Lyrik gegeben“. Aber „die stillen Dichter, um deren Gedichte es immer stiller wird, mögen nicht gern im lautstarken Popsänger die Auferstehung ihres Urbilds anerkennen“. Schön wie ein Fanal auch und vielleicht ein wenig toriksch „sein Plädoyer für eine Ästhetik, die von Originalität auf intelligente Variation umschaltet“.

Ähnlich beklagt Jan Wiele anlässlich Scibonas „Ende“ das „leicht konsumierbare Gros der Neuerscheinungen“, lobt demgegenüber die Formbetontheit und fragt, warum „die erlebte Rede und der innere Monolog“ eigentlich aus der Mode gekommen sind.

Wie auf Torik gemünzt, nur stärker ausgeprägt stellt Wiele fest: „Das erzählerische Rührei der sogenannten ’scrambled chronology‘ stellt den Leser ebenso vor eine Herausforderung, wie die jeweils unvollständig bleibenden Perspektivsichten der Figuren die Handlung verrätseln.“ Allerdings kritisiert er bisweilig „kapriziösen Ausdruck und überkandidelte Metapher“.

Ansonsten berichtet Harald Hartung, dass Peter Handke Ilse Aichinger „in der Nachfolge heiliger Texte sehen möchte“.

Als die Bücher noch geholfen haben

Wie von Lovenberg fängt Apel gut an. Das Interesse ist geweckt, ob Delius was mit Sontag hatte. Aber: „Na gut, das war jetzt ein Lockvogelangebot.“ Jim Knopfs Frau Mahlzahn kommt vor. Wir erfahren, dass Delius „Freizeitkicker (Verteidiger)“ ist oder war. Appetitmachend, dass Delius als Zeitzeuge von Handkes Harvardrüpelei berichtet. Diesbezügliches Zitat aber abtörnend. Direkter als bei Wolfgang Schneider, der von den „Niederungen der Siebenbürger Landespolitik“ schreibt, kommen Herta Müllers Niederungen hier vor, weil sie bei Rotbuch erschienen sind, wo Delius Lektor war.

Die Tigerfrau

Fünfmal spricht Osterkamp von der „taubstummen“ Protagonistin. Hat sie denn keinen Namen? Die Gutmenschen vom Kölner Stadt-Anzeiger konnten nicht anders, als Obreht auf Seite 13 zu tadeln, dass sie von „taubstumm“ spreche, da politisch korrekt „gehörlos“. Aber wenn Wikipedia „deaf-mute“ schreibt und die New York Review of Books auch, dann weiß ich wohl, wem ich glauben will. Dass Obreht zweimal ihren Figuren „Gerechtigkeit widerfahren“ lässt, einmal „poetische“, erinnert nun wiederum an Peter Handke.

Jim

Rose-Marie Gopp muss in ihrer Rezension unbedingt viermal die Marke Manufactum fallen lassen. (Sandra Keller in über Heimatliteratur nun auch.)

Erstaunliche Debüts

Lovenberg fand „Im Schatten der Tiere“ einen „erstaunlichen Debütroman“. Bopp wertet „Große Ferien“ als „lebenskluges, erstaunlich reifes Debüt“. Osterkamp bewundert „Die Tigerfrau“ als „eines der erstaunlichsten Debüts“. Nicole Henneberg nennt Aléa Toriks „ein außergewöhnlich reifes und in makellosem Deutsch geschriebenes Debüt“. Küchemann konstatiert bei Lissa Price ein „für eine Romandebütantin erstaunliches Geschick“.

Auszeichnungen

Lateinisches wird nicht ausgezeichnet: per se, Opus magnum (beide Kegel), Privatissimum (Bahners), medias in res (Jungen), terra incognita (Röhnert). Französisches ist kursiv gesetzt: en détail (Kegel), en passant (Bopp). Doch bei Platthaus ist Lateinisches ausgezeichnet: terra incognita, allerdings, weil es in einem Zitat enthalten ist und also von Bischitzkys Oblomow übernommen. Ebenso ist dort, diesmal in Platthaus‘ eigener Handschrift, die russische oblomowschtschina kursiv gesetzt.

Mathematik

Die Geliebte des Augentäuschers Silvius Schwarz ist unter anderem Mathematikerin. Und der Protagonist der „Unendlichkeiten“ ist Mathematiker, sagt uns Geyer. Onno Viets kann ein paar Primzahlen, zitiert Jungen.

Jungen nennt den Text ein „schweinsnasiges Känguruhkamel mit Elefantenohren“, was ich als eierlegende Wollmilchsau ohne schnöden Nutzen verstehe.

Grass

Günter Grass tauchte vor vier Wochen noch mehr indirekt auf. Metz‘ Besprechung ist „Ein Treffen in Tristesse normale“ betitelt, nicht in Telgte.

Die Frage, ob Zeilenumbrüche schon ein Gedicht machen, spielte aber schon eine Rolle. Dirk von Petersdorff: „Heinz Schlaffer trifft hier in der Tat einen wunden Punkt, wenn er vorführt, wie die Lyrik der Avantgarde versucht, willkürlich gesetzte Versgrenzen als notwendig auszuweisen.“ Er zitiert Schlaffer: „Der Dichter mag einen lyrischen Zwang verspürt haben, der Leser verspürt ihn nicht, sondern sieht lediglich die aparte Druckanordnung.“ Andreas Heidtmann kritisiert Grass, dass er wenig Originellem durch Zeilenumbrüche den Anschein von Bedeutung gegeben habe. Das Deutschlandradio gibt die Süddeutsche wieder: „Nicht jeder willkürliche Zeilenbruch macht aus einem Text gleich ein Gedicht.“ Henryk M. Broder hämt: „nur weil er die Zeilen so arrangiert hat, dass sie aus der Ferne einem Poem ähnlich sehen.“ Hajo Steinert urteilt im Deutschlandradio: „Es ist überhaupt kein Gedicht.“ und „Für mich ist es ein prosaischer Text, der als lyrischer Text irgendwie aufgepäppelt wurde durch die verschiedenen Satzzeichen, die man eingefügt hat.“ Denis Scheck widerspricht.

Spiegel schreibt von Brandt erfrischenden Riesling ab – C. signiert mit: „Der Riesling gehört zu Deutschland.“

Porombka erzählt von einem „Zug, der unaufhaltsam gegen die Wand fährt“. Für Broder ist Grass „ein larmoyanter Autist, der mit dem Kopf gegen die Wand rennt und hinterher darüber jammert, dass die Wand es auf ihn abgesehen habe.“

Verortungen

Eine wichtige Aufgabe des Rezensenten ist die Einordnung des Besprochenen ins existierende Kontinuum. Es macht auch Appetit, da der Glanz des Kanons abstrahlt. Meistens borgt sich der Mond aber fremdes Licht. Ohne die Wertung zu nennen und ob die Pflöcke vom Rezensenten oder aus dem Werk selbst stammen, will ich die Navigationspunkte nur aufzählen.

Von Lovenberg nennt Grimmelshausen und Gryphius, Kegel Proust, Breughel und Musil, Spiegel, der verreißt, nichts, Porombka Musil, Bopp Döblin, Teutsch Platon, Geyer Nietzsche, Reents Genazino, Horaz und Meister Eckhart, Berking Sándor Márai und Gregor von Rezzori, Platthaus Homer und Cervantes, Schneider Musil, Mann, Roth, Sándor Márai und noch einmal Roth, Tolstoi und Proust, Bahners Mörike und Hermann Lenz, von Petersdorff Pindar, Mörike, Goethe und Eichendorff, Apel Susan Sontag, Peter Handke, Erich Fried, Peter Schneider und Herta Müller, Osterkamp García Márquez, Wiele Joyce, Woolf, Schnitzler, Döblin und Faulkner, Henneberg Mircea Cărtărescu, Jungen Franzobel, Röhnert Bruce Chatwin, Metz Goethe, Schiller und Almodóvar, Gropp Kafka, Hartung Günter Eich, Peter Handke und Michael Krüger, Silja von Rauchhaupt Axel Scheffler, Magel Enid Blyton, Platthaus Charles Perrault und Grimm, Küchemann Stephenie Meyer und Fritzen Axel Scheffler.

Robert Musil erscheint dreimal. Zweimal erscheinen Goethe, Mörike, Proust, Alfred Döblin, Sándor Márai, Peter Handke und Axel Scheffler.

Der Sachbuchteil ist mit schönen Fotos aus japanischen Gärten bebildert. Ganz am Ende spricht Jörg Albrecht auch über den Band, dem sie entnommen sind, in seiner Rundumbesprechung weiterer Gartenbücher, darunter Jakob Augsteins. Er erzählt, dass in Ryoan-ji nordwestlich von Kyoto fünfzehn Steine auf Moos gebettet, aber von jedem Ort der Betrachtung aus immer nur vierzehn zu sehen seien, um uns die Verborgenheit der Vollkommenheit in dieser Welt vor Augen zu führen. Bei Augstein stellt er heraus, dass dieser überdeutlich für zwei Firmen wirbt, eine Berliner Zwiebelhandlung und eine Hamburger Baumschule. Wie eine Entdeckung der Langsamkeit hört sich Elisabeth Tova Bailey an. Albertus Magnus wird zitiert und man weiß nicht, ob Albrecht es einem Gartenbuch entnommen oder selbst beigefügt hat.

Doch zu Beginn beklagt Jürgen Kaube den Niedergang wissenschaftlicher Sachbücher. Er greift fünfzig Jahre zurück und staunt, welche noch heute bedeutenden Werke damals erschienen sind. Um sein Urteil abzusichern, tut er dasselbe für die fünf darauf folgenden Jahre, also bis 1967. Darauf stellt sich ihm die Frage „Und wir?“ Eine Ursache des Dilemmas sieht er im „Schreibcomputer“, eine andere, dass kein richtiges Lektorat mehr arbeite, und schließlich seien die Subventionen verheerend, nach denen sich ein Buch schon vor dem ersten Leser rentiere, und der fehlende Kampf um begrenzten Publikationsraum. Statt den Konflikt zu suchen, gründete der Abweichler „lieber ein eigenes Journal für seine Abweichungsgemeinschaft und organisierte für sie Tagungen samt anschließender Sammelbände und subventionierter Buchreihen“, spottet Kaube. Heraus komme „vertane Zeit, Involution und drittmittelfinanzierter Manierismus“. Kurz schimpft er auch darauf, dass „jede momentane Gesichtspunktsmenge“ gleich zum „turn“ stilisiert wurde.

Von Gerhard Stadelmaier erfahren wir, dass die Kapitel von Caeyers‘ Beethoven wie von Joyce, N.N. („Zeit der Gärung“), Machiavelli, Canetti und Schnitzler heißen.

Helmut Mayer freut sich, „dass eine an Medien und Materialien interessierte Darstellung auch Lust darauf macht, sich in die herangezogenen Autoren zu vertiefen.“ Das waren Rabelais, Cervantes, Jean Paul, Lichtenberg, Dickens, Melville, Balzac, Zola, Heinrich Mann und James Joyce.

Melanie Mühl hat ein Problem zu verstehen, dass die berufliche Genderschere in Entwicklungs- und Schwellenländern weniger weit auseinanderklafft als bei uns. Sie – oder man – liest den Satz lieber zweimal.

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