Nideggen

Wenn du in diesem Zusammenhang nach
dem Verhältnis zur Eifel fragst – man
ist hier einfach unbehelligt.

(Christian Linder am
26.09.2011)

Ende April haargenau. Nideggen in der Eifel. Wälder. Eine Stadtmauer. Eine korallenrote Burg.

Nicht wegen Wolfgang, sondern weil Jürgen Nielsen-Sikora über ein Aufsuchen Christian Linders dort geschrieben hat, bin ich am heutigen Brückentag dorthin gefahren. Aus dem Artikel hatte ich mir ausgezogen ein Blatt mit ausgeschnittenen Realitäten, die er vom Dorf beschreibt. Die wollte ich wiederfinden.

Doch mein Herkommen gestaltete sich anders als Nielsen-Sikoras. Er beginnt, dass er vom kleinen Marktplatz in Richtung der alten Burganlage ging. Ich komme von Köln mit Bus und Bahn und am Bahnhof Nideggen, der für die kleine, feine Rurtalbahn Nideggen-Brück heißt, an. Die Burg sah ich gleich oben thronen auf einem schütter scheinenden Felsen. Eigentlich hätte ich jetzt die Landstraße sich hinaufwindend entlanggehen wollen – aber das hätte ich nicht geschafft, stellte sich später heraus, mangels Bürgersteig -, als aber nach einem Kreisverkehr und Überquerung der Rur rechts ein Wandersteig zur Burg ausgeschildert war, nahm ich den. Der ging ganz schön steil gen oben.

Auf halber Höhe begegnete ich einem anderen Wandersmann. Ich hatte einen ostdeutschen Dialekteindruck, aber nachdem ich mich bei einem Arbeitskollegen, der Hesse ist, mal getäuscht hab, lass ich das besser. Er fragte mich: „Wo geht’s da hin?“ Ich suchte eine Antwort zurecht: „Nideggen Bahnhof“, sah hinunter: „Und zur Rur.“ Er studierte eine Karte, die er in Händen hielt. Ich fragte: „Wo kommen Sie her? Von oben oder von unten?“ Er zeigte auf einen von vier Wegen, die sich hier entblätterten: „Also da geht’s nicht rauf!“ Ich maß sie mit Augen: „Müsste der sein, wo’s am steilsten hoch geht.“ Nahm den, erst zuversichtlich, dann wieder betrübt, als er sank. Kam an einem massigen, eiförmigen Felsen vorbei, der Zwei Brüder 1 heißt. Dann zu einem Heimersteiner Brunnen, hinter dem eine Treppe „Zur Burg“ hinaufführt.

Die Burg, die Stadtmauer, repräsentative Gebäude, alles ist aus äußerst rotem Buntsandstein gebaut. Erst ließ ich die Burg links liegen, fragte mich nur, ob ich in dem großen, quadratisch ummauerten Platz den Ort des Trödelmarkts „im Schatten der Burg“ wiedererkennen sollte. Und ging aber nicht zur Burg, sondern den Weg zum Dorf, der an einer prächtigen, nicht unmodernen Kirche vorbeiführt. Ihre Türen scheinen von einem Künstler vor knapp 100 Jahren gegossen. Sie zeigen, jeweils an der West- wie an der Südseite – vier bis fünf Szenen, über denen bei der einen Tür als Glasbild die Arche thront, bei der anderen ein Schiff mit Kreuz, das vielleicht kommen wird. Eine Szene zeigt eine männliche Figur und eine Schreibtafel mit Griffel am Bindfaden. Geritzt ist „Sein Name ist Johannes“. Bei der anderen Tür zeigt eine Szene die Emmaus-Jünger, wie sie fragen: „Wer bist du?“. Die Kirche heißt St. Johannes Baptist.

Sie hat einen großen, wunderbar gepflegten Kirchhof. Ich spazierte drüber, weil ich mich fragte, ob das vielleicht der geheimnisvolle Garten sei, in dem Nielsen-Sikora dem Schatten begegnet. Er war es nicht, es waren drei Gärtner zugange, aber die roten Mauern leuchteten eindrucksvoll hinter grünem Laub. Erodierte Grabreliefs waren sporadisch in die Mauern eingelassen, eine schien eine Alltags- oder fast Industrieszene zu zeigen, aber ich fotografierte sie nicht.

Zur Doku hier ein Stein vom Kirchhof aus übereck der Kirche, dessen Eingegrabene ich nicht ergoogeln gekonnt:

MEMENTO
NIKOLAUS HODIAMONT + MDCCC LV
JOSEPH EMANUEL THISSEN + MDCCC LXIX
ENGELBERTUS KLEIN + MDCCC XC
BERNHARDUS FLAMM + MDCCC XCIV
GUILELMUS ERNST + MCM IX
HENRIKUS VIETHEN + MCM XLIV
R.I.P.

Ich weiß nicht mehr genau, welche Wege ich ging, oft war’s ein Hin und Her, das mich, als ich mich probeweise mal mit den Augen der anderen Touristen betrachtete, schämen ließ, aber ich glaube, ich klapperte so ziemlich alles ab, was versprechend war. Nur ob ich am Ende nicht den Marktplatz verpasst hab, beunruhigt mich. Auf dem Kartenauszug von Google heißt eine Apotheke „am Markt“, die etwas entfernt von dem liegt, was ich für den Markt, nämlich am Ratskeller gehalten hab. Aber vorgegriffen.

Die Burg ist ganz eindrucksvoll. Das Alte ist ähnlich wiederhergestellt, wie man es einer Neoromantik zutraut. Im Burghof existiert ein Brunnen, aber mit Zieheimer, keiner, der anspringen könnte. Die Tafel sagt, dass es eine Viertelstunde gedauert habe, den gefüllten Eimer hochzuwinden. Vom Westturm, Damenerker genannt, kann man über manche Hügel der Eifel sehen und die „Windräder bei Schmidt“, acht an der Zahl, und noch manche rechts davon auf anderen Höhen.

Was ich finden wollte, war nun der geheimnisvolle Garten und der Park, in dessen Teich Kähne treiben. Dafür ging ich in den Ort hinunter. Das spitzgieblige Fachwerkhaus versuchte ich gleich mit dem Pförtnerhaus gleichzusetzen. Oder dem, das Ferienhaus „Im Schatten der Burg“ heißt.

Es gibt geheimnisvolle Gärten, aber privat, einer mit einer kleinen weißen Ziege als Figur drin. Es gibt neben dem Restaurant-Café À la Heiliger einen ambitionierten Garten, der terrassig abfällt und am Ende sogar Wasser bietet, aber nicht in Weihergröße, die Kähnen Platz böte. Es gibt knapp außerhalb der Stadtmauer nach Norden hin einen Garten, übersät von grell blühendem Löwenzahn, aus dem weiß gekalkte Bäume ragen, seltsam verstümmelt und mit ganz scheuem Laub. Aus dem heraus kann man jenseits des Fußwegs in einem anderen Garten einen Teich sehen. Aber auch der zu klein, Nachen zu tragen.

Meine letzte Chance sah ich in einem „See“, den ich auf der Google-Karte sah. Er liegt außerhalb des Orts neben der Landstraße, die von Autos und Motorradfahrern stark befahren, von Nideggen ins Rurtal hinunterdonnert und vielleicht die „Brandung“ in Nielsen-Sikoras Text ausmacht. Ganz am Ende ging ich seineshalber fast die Straße entlang hinunter, doch zum Glück gab es Fußpfade entlang, die sie zweimal kreuzten, auf die man sich googlemäßig zum Glück verlassen konnte.

Der See stellte sich als zwei abgesperrte und von Pferden umstandene Tränken heraus, auch sie nicht in der Lage, Kähne zu tragen. Mittlerweile denke ich, dass Nielsen-Sikora beim geheimnisvollen Garten und dem Park mit See und Nachen vielleicht zu Liszt übergeblendet hat. Oder zu Novalis.

Die Wiese meinte ich fast hier zu finden:

gleich vorm À la Heiliger, wenn man die Treppe von der Zülpicher Straße hochgeht: „zwischen korallenroten Häuserwänden führt eine Treppe in den kahl geschorenen Himmel.“

Ergiebiger war die Situation am Ratskeller. Da, wo Heinrich Böll oft gesessen habe, vielleicht sogar draußen, wie die Leute, die ich da an den herausgestellten Tischen sitzen sah, da konnte ich mir auch Christian Linder vorstellen und meinte ihn fast in einem weißhaarigen Mann, der mit dem Rücken zu mir mit einem nahezu Gleichaltrigen im Gespräch saß, zu erkennen. Doch sein Gesicht war nicht seins.

Andere Dinge waren ähnlicher. Eine Rundbank um eine junge Linde war gern genutzt. Anders als in der Burg oben sprudelte ein Brunnen, eine Art Weltkugel, die entlang acht Breitengraden wie geteilt, durchschnitten ist. Die Umrahmung weist dann noch eine Art Asymmetrie auf. Erst keine Kinder, aber beim letzten Vorbeikommen stapften wirklich welche barfüßig im Brunnenbecken und hielten die Hand ins plätschernde Wasser. In den Geschäften reihum erkenne ich, neben lästig zu sagender Café-Bäckerei-Conditorei, besagte Buchhandlung, die ihre Auslage mit Titeln von Sven Regener dekoriert hat und im Ramschkasten lag Pornology von Ayn Carrillo-Gailey unter anderen.

Erschöpft erreichte ich Düren, wo es wegen einer Stellwerkstörung nicht weiterging. Kurz panisch, dass ich Essen für morgen besorgen müsse, suchte ich in der Einkaufsmeile und fand um die Ecke einen Netto, wo ich einkaufen konnte. Als ich zum Bahnhof zurückkam, spuckte eine Regionalbahn von Köln gerade ihre Massen aus. Und es geschah, was mir niemand glauben wird, ich sah Linder. Er kam mir entgegen, dem Gesichtsausdruck nach grummelig, ich blickte mich ungläubig um, er trug einen grauen Anzug, sein schlohweißes Haar fiel geordnet vom Scheitel herab, seine Haltung war gebeugt, er war in Gedanken versunken. Man wird mir nicht glauben, aber ich bin sicher, ihn anhand des Fotos erkannt zu haben, um vielleicht Viertel vor Fünf, den RE 11370 von Köln verlassend, krass.

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