Chen Guangcheng

Der schwer auszusprechende und zu merkende Name lange bekannt. Von Chen Guangcheng (陈光诚) ist Chen (陈) ein gängiger Nachname – die Chinesen haben nur grob hundert – und den Vornamen Guangcheng (光诚) kann man vielleicht „Zeugnis des Lichts“ übersetzen. Aber ohne Gewähr.

Das LanguageLog vermerkt es, und mir ging’s ebenso, dass das Adjektiv „blind“, ohne zur Sache beizutragen, sich als bestes Distinktionsmerkmal zur Identifizierung eignet. Ich scheute die Nennung des Namens im Kollegenkreis, weil meine Zunge mit der Aussprache überfordert, sagte ich aber „blind“ und „chinesisch“, wussten sie Bescheid, weil es in den Nachrichten war.

Lange bekannt, weil He Peirong (何培荣 @pearlher) seit langem für ihn getrommelt. Letztes Jahr versuchte sie zu ihm durchzudringen und fuhr, mit diesem ihrem Wagen wohl, ins Dorf Dongshigu (东师古) in der Präfektur Linyi (临沂) in der Provinz Shandong (山东), bzw. wurde von von den örtlichen Kadern bestallten Schlägern davon abgehalten. Chen Guangchengs fate war also bekannt. @pearlher oder andere Aktivisten starteten auch mal ne Aktion, dass alle teilnehmenden Twitterer ihr Profilbild auf mit Sonnenbrille ändern sollten, um Solidarität zu bekunden. Das hatte einigermaßenen Erfolg, meine Timeline zierten nun mehrere Sonnenbrillen.

Vor einer Woche kam dann die Meldung, dass er seinen lokalen Peinigern entflohen sei. Es hörte sich unglaublich an und manche wagten die Feststellung, dass er als Blinder im Dunkeln besser hätte sehen können als seine Bewacher. Der Ausbruch aus, wohlgemerkt illegalem, Hausarrest lag fünf Tage zurück, ehe die Meldung aufkam. Illegal, da er nach Abbüßung einer Haftstrafe wegen Verkehrsbehinderung nach Recht und Gesetz ein freier Mann war. Doch die lokalen Behörden wollten sich an ihm rächen, weil er gegen ihre wahrscheinliche Korruptheit und Zwangsabtreibungen wegen Ein-Kind-Politik prozessiert hatte. Ohne formelle juristische Ausbildung, was ihn per se bespuckbar machte. Weil blind, meinten sie, ein leichtes Spiel mit ihm zu haben. Die Sache eskalierte mit dem Interesse von Aktivistinnen wie @pearlher für ihn, die Trommeln schlug. Als in der zuständigen Bezirksstadt Linyi eine independent Filmfirma einen Film drehte, mit dem mir unbekannten Schauspieler Christian Bale in der Hauptrolle, riefen Aktivisten zum Boykott des Films auf. Christian Bale versuchte daraufhin, Chen Guangcheng zu besuchen, wurde aber wie alle anderen zuvor, auch eine EU-Kommission, von Schlägern an einer Annäherung gehindert.

Chen selbst wollte in China bleiben. Er kennt die Verfassung (die nicht schlecht ist) und die Gesetze, beruft sich auf sie und appellierte in einer Videobotschaft, nach seiner Flucht in Peking aufgezeichnet, an Wen Jiabao, dem illegitimen Treiben lokaler Kader ein Ende zu setzen.

Danach ging es Schlag auf Schlag. Die Story drehte ihren Spin zweimal am Tag. Chen verließ die amerikanische Botschaft, Erleichterung. Nach Rücksprache mit seiner Ehefrau und Bearbeitung durch Teng Biao verlangte er nun doch nach Asyl. Eine missverständliche Äußerung, dass die chinesische Regierung mit dem Tod seiner Frau gedroht habe – sie sagten, sie würden sie nach Dongshigu zurückbringen, würde er die Botschaft nicht verlassen. Sie hatten sie hergebracht wohl, um ihn aus der Botschaft herauszulocken – machte Chen unglaubwürdig. Manche Medien zweifelten an seiner psychischen Gesundheit.

Dann witterten Obamas Gegner ihre Chance. Sie legten die aktuelle Drehung als Versagen seiner Regierung aus und schalteten Chen in einer die Emotionen ansprechen sollenden „hollywoodesken“ (Michael Anti) Art in die Anhörung vor dem Kongress. Das Foto elektrisierte, auf dem Bob Fu, dessen christliches Netzwerk Chens Entkommen über 300 km bis nach Peking ermöglicht haben soll, ein Iphone, das telefonisch mit Chen in Peking connected ist, ans Mikro hält, damit der Ausschuss ihn hören kann, obwohl er chinesisch spricht. Bob Fu hat übersetzt, wenn ich es richtig verstanden habe.

Nun lag der Spin so, dass die Republikaner Chen benutzen würden, Obama am Zeug zu flicken. In dieselbe Kerbe schlug der Christ Yu Jie, der im Januar aus China in die USA emigriert ist. Er urteilte, dass das Scheitern der Obama-Regierung schlimmer sei als das gegenüber Nazi-Deutschland angesichts der Judenvernichtung.

Als ich nach dem nächsten Arbeitstag heimkam, war die Situation wieder ganz neu. Nun hatte Chen eine Fellowship an der New York University, die er mitsamt seiner engeren Familie – Frau und zwei Kinder – wahrnehmen könne. Das vereinbart zwischen US- und chinesischer Regierung. Was mit seiner erweiterten Familie ist, seiner Mutter und seinem Neffen Chen Kegui (陈克贵) vor allem, der wegen einem Wehren mit Küchenmessern gegen die örtlichen Schläger wahrscheinlich unter die Räder kommen wird, davon ist in der Vereinbarung keine Rede.

@pearlher ist mittlerweile wieder zu Hause und wirkt munter.


UPDATE 05.05.2012

Meine Vermischung des Films 21 and Over von Relativity Media mit The Flowers of War mit Christian Bale war ein Fehler.

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