Liebesschlösser

In Frank Fischers Weltmüller reist der Konzeptkunstentschlüssler Frido Haupt nach Argentinien, um am Rand der Wasserfälle von Iguazú nach dem Urbild einer im Leipziger Kunstwerk zitierten, belanglosen Inschrift zu suchen:

Statt die Natur zu betrachten, suchte er manisch die Geländer ab, bis er kurz vor Schließung der Anlage tatsächlich fündig wurde. Die Kratzspuren waren schon etwas verwittert und teilweise auch überschrieben, der Spruch und Pablo Solers Adresse ließen sich aber noch deutlich erkennen. Haupt schoss ein paar Fotos und präsentierte sie nach seiner Rückkehr der „LLCON“-Community. (S. 69f.)

Als ich Ende März 2011 von der Arbeit heimfuhr, sprachen in der Straßenbahn acht Schülerinnen erst über Latein, dann über Englisch und schließlich über ein Freundschaftsschloss, das sie an die Brücke schließen wollten. Sie zählten ihre Vornamen auf, deren erste Buchstaben sie aufs Schloss gravieren lassen wollten. Es waren viele Ls. Ein paar Tage darauf probierte ich ihr Schloss zu finden.

Diese sogenannten Liebesschlösser hängen an der Hohenzollernbrücke vorm Dom. Man schreibt seine Namen mit Edding, kratzt sie ein oder lässt sie gravieren, schließt das Schloss ans Gitter zwischen Fußweg und Eisenbahn und wirft den Schlüssel in den Rhein, auf dass die Liebe ewig halte.

Die Nordseite war mit nicht so vielen Schlössern bevölkert. Schwierig, sie zu scannen, weil die Augen wild wandern und sich auf verschiedenste Schrifttypen und -größen einstellen müssen. Das Schloss fand ich nicht.

Die Südseite ist dichter bevölkert. Ein kleines Mädchen fragte: „Mama, wo ist das Herz, wo auch Julia draufsteht?“ Praktischerweise gibt der Zaun Quadrate vor, die ein Wiederauffinden erleichtern. Man muss nicht wie Jean-Jacques Rousseau künstliche „petits carrés“ auf die Natur der Petersinsel pressen, um kein „atome végétal“ der Botanisierung entschlüpfen zu lassen.

Die Brücke hat drei Bögen und ich zählte 53 Pfeiler. Zwischen zwei Pfeilern liegen sechs Quadrate. Das macht 52 * 6 = 312 Quadrate vom einen Brückenende bis zum anderen. Da die Brücke 410 Meter lang ist, hat jedes Quadrat eine Fläche von ungefähr einem Quadratmeter. Ungefähr dreißig waagerechte und dreiunddreißig senkrechte wellige Gitterstäbe in jedem Quadrat bilden ein Raster, mit dem man ein Schloss noch genauer lokalisieren könnte.

Doch auf der Südseite zum Dom hin hängen die Schlösser so dicht, dass die Gitterstäbe hinter der Welt verschwinden. Ich schätze die Schlösser pro Quadrat auf der Südseite auf im Mittel 20 in der Breite und 20 in der Höhe, also 20*20 = 400. Über die gut 300 Quadrate hinweg macht das gut 100.000 Schlösser, die an der Südseite hängen. Die DB rechnete vor einem Jahr mit einem Zusatzgewicht von zwei Tonnen durch die Schlösser. Wenn ich ein Vorhängeschloss, das ich grad da hab, wiege, wiegt es 110 Gramm. Vielleicht sind es vor einem Jahr erst 2000/0,1 = 20.000 Schlösser gewesen?

Hätte ich damals drei Schlösser in der Sekunde gescannt, hätte ich nach einer Doppelstunde fast alle durch gehabt und erwartungsmäßig nach einer Schulstunde das Schloss mit den vielen Ls gefunden. Heute bräuchte ich schon anderthalb Schultage.

Diese Schülerinnen suchten auch ein Schloss wieder. Sie hatten am westlichen Ende angefangen sieben Quadrate abgezählt. Vielleicht war ihnen der Indexfehler der Programmierer vertraut, denn die eine suchte im Nachbarquadrat der anderen. Sie haben das Schloss nicht gefunden. Auf dem Wegweg sprach die eine zur anderen von erschöpfendem Sport und danach Englisch.

Die Mode gibt es seit September 2008, das ist seit 3,6*365 = 1314 Tagen. Wenn es jetzt 312*400 = 124.800 Schlösser sind und man extrapoliert simpel linear, dann kommen täglich 124.800/1314 ~= 100 hinzu. Leider weiß man nicht, wo. Es wäre ein praktisch hoffnungsloses Unterfangen, eine Dokumentation dieses sozialen Kunstwerks auf aktuellem Stand zu halten. Natürlich könnte man das work in progress konservieren, indem man die Gitter über Nacht abbaute und ins Stadtmuseum verfrachtete. Das machte die soziale Plastik aber museal.

Weit besser wäre es, den Gitterzaun in seiner gesamten Breite mit einer äußerst hochauflösenden, extrem querformatigen Videokamera zu beobachten. So ließen sich die drei hauptsächlichen Dimensionen des Werks, zwei räumliche und die zeitliche, einfangen. Damit hätte man eigentlich alles, was man wissen wollen könnte. Es sei denn, man wollte hinter den Handlungen der Menschen ihre Geschichten erfahren.

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