Rousseaus siebter Spaziergang

In seinen Rêveries im neuen Reclam-Design spricht Rousseau im siebenten Spaziergang davon, warum ihm das Botanisieren so genehm ist. Das Reich der Minerale ist ihm zuwider. Die Natur habe sie mit gutem Grund den Blicken der Menschen entzogen und in den Tiefen der Erde verborgen, nämlich um ihre Gier nicht zu reizen. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Tieren erfordert ihr anstrengendes Fangen und ein anatomisches Untersuchen ihrer grausigen Aase. Also die Botanik, Pflanzen, die so verschwenderisch über die Erde gestreut sind wie Sterne über den Himmel, aber viel leichter beobachtbar. Rousseau bevorzugt die Lupe dem Teleskop.

Eine Exkursion wird ihm unvergesslich bleiben. Er stößt auf ein Reduit, das von Menschen unberührt scheint:

Je me rappellerai toute ma vie une herborisation que je fis un jour du côté de la Robailan, montagne du justicier Clerc. J’étois seul, je m’enfonçai dans les anfractuosités de la montagne, & de bois en bois, de roche en roche, je parvins à un réduit si caché que je n’ai vu de ma vie un aspect plus sauvage.

Gestürzte Bäume bilden „barrières impénétrables“.

Der Ort erinnert an den Pfirsichblütenquell (桃花源), von dem Tao Yuanming (陶渊明, 365 – 427) erzählt. Ein Fischer sei einen Bach, gesäumt mit blühenden Pfirsischbäumen, hinaufgegangen und habe neugierig eine dunkle, enge Felshöhle erkundet. Wider Erwarten öffnete sich die Höhle zur anderen Seite hin und vor ihm lag eine paradiesische, wohlbestellte Gegend, bevölkert von Menschen, die sich einst in kriegerischen Zeiten hierher zurückgezogen hatten.

Dieses Tuschbild von Wen Zhengming (文徵明, 1470 – 1559) ist im Katalog zur Ausstellung „Im Schatten hoher Bäume“ abgebildet. Die Rolle beginnt rechts, man sieht die Pfirsischbäume, die den Bach säumen und den Fischer, wie er in die Höhle tappt.

Anders als für Tao Yuanming, für den das Paradies Frieden bedeutet, muss es bei Rousseau menschenleer – bis auf ihn selbst – sein. Schockiert ist er, als er in dieser Idylle eine Strumpfmanufaktur wahrnimmt:

Tandis que je me pavanois dans cette idée, j’entendis peu loin de moi un certain cliquetis que je crus reconnoître ; j’écoute : le même bruit se répete & se multiplie. Surpris & furieux je me lève, je perce à travers un fourré de broussailles du côté d’où venoit le bruit, & dans une combe à vingt pas du lieu même où je croyais être parvenu le premier j’aperçois une manufacture base.

Nun weiß ich nicht, wie ich mir eine Strumpfmanufaktur vorzustellen hab. Ein Geklapper macht Rousseau auf sie aufmerksam (Zuvor fesselte die Botanik seine Aufmerksamkeit: „Les odeurs suaves, les vives couleurs, les plus élégantes formes semblent se disputer à l’envi le droit de fixer notre attention.“). Manufaktur hört sich nach Handarbeit an, als strickten Arbeiter Strümpfe und es klickten vielleicht ihre Häkelnadeln. Aber der Lärm liest sich lauter, es werden Webstühle sein, vielleicht von der Wasserkraft eines Baches angetrieben.

So ist die Schweiz, fährt Rousseau fort:

Il n’y que la Suisse au monde qui présente ce mélange que la nature sauvage & de l’industrie humaine.

Nirgends als hier diese Mischung aus wilder Natur und menschlicher Betriebsamkeit. Liest man es, muss man fast an potemkinsche Dörfer denken. Als täuschten die Schweizer.

Wie viele Gerüchte, von denen Rousseau schreibt und auf die man kaum etwas geben darf – so sagt er im 5. Spaziergang, eine Deutscher habe ein ganzes Buch über eine Zitronenschale geschrieben – bringt er auch hier eines:

On nous dit qu’il n’y avoit qu’une seule maison sur cette montagne, & nous n’eussions sûrement pas deviné la profession de celui qui l’habitoit si l’on n’eût ajouté que c’étoit un libraire, & qui même faisoit fort bien ses affaires dans le pays.

Ein alleinstehendes Haus tief in den Bergen soll eine gutgehende Buchhandlung sein!

Am Ende wird es proustsch:

Je ne reverrai plus ces beaux paysages, ces forêts, ces lacs, ces bosquets, ces rochers, ces montagnes, dont l’aspect a toujours touché mon cœur : mais maintenant que je ne peux plus courir ces heureuses contrées je n’ai qu’à ouvrir mon herbier & bientôt il m’y transporte.

Nie mehr kann er zurück, aber er braucht nur sein Herbarium zu öffnen und fühlt sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Ulrich Bossier übersetzt:

Es wirkt wie ein Guckkasten, der sie [die herrlichen Bilder der Landschaften: Wälder, Seen, Haine, Felsen, Berge] lebensecht vor meine Augen hinmalt.

Proust hatte als Kind zum Einschlafen ein Laterna Magica, die die Geschichte von Golo und Genoveva von Brabant erzählte. Sie war animiert, denn Golo bewegte sich auf seinem Pferd „au pas saccadé“ und „en tressautant“. Vielleicht trieb die aufsteigende Hitze der Kerze ein Windrad an, das den transparenten bunten Golo gegen die unbewegliche durchsichtige Genoveva drehte?

Rousseau verdiente mit Notenkopieren Geld:

& d’ailleurs assez livré à ma copie de musique pour n’avoir pas besoin d’autre occupation,

Ausführlicher im 3. Spaziergang:

Je renonçai à la place que j’occupois alors, pour laquelle je n’étois nullement propre, & je me mis à copier de la musique à tant la page, occupation pour laquelle j’avois eu toujours un goût décidé.

Im Doktor Faustus XXVI verdient der erste Fagottbläser des Zapfenstößer-Orchesters Griepenkerl mit Notenkopieren ein Stück Geld hinzu.

Weil sein Geld für Botanikbücher nicht reichte, schrieb Rousseau entliehene ab:

Hors d’état de racheter des livres de botanique, je me suis mis en devoir de transcrire ceux qu’on m’a prêtés

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