Remagen

In plano

Als ich die Kollegen nach Sehenswürdigkeiten in Remagen fragte, fiel den meisten die Brücke dort ein. Mir ist sie auch bekannt, natürlich, vom Kriegs- bzw. Anti- -film, den unsere Schulen uns vorführten.

Ein sehr katholischer Kollege wies auf den Apollinarisberg hin. Der Geheiligte stammt aus Ravenna – manche sagen, er sei von Petrus selbst als Bischof eingesetzt worden, chronologisch durchaus möglich – und ich erinnere mich an einen eindrucksvollen Basilikabesuch, einst als Kind, das war Sant’Apollinare in Classe, etwas abseits von Ravenna, von meinen Eltern der Mosaiken wegen einer Besichtigung für wert befunden.

Doch, weil ich mich auch von Wikipedia briefen ließ, fand ich auch romantische Ecken. So den Rolandsbogen, im Remagener Ortsteil Rolandswerth gelegen, ein Wahrzeichen der Rheinromantik, 1839 eingestürzt, von Ferdinand von Freiligrath initiiert wieder aufgebaut und hier besungen. Schade, dass der Efeu ab ist.

William Thackeray hat 1848 ein Kapitel deutsch „Am Rhein“ betitelt. Drin:

She sat upon steamers‘ decks and drew crags and castles, or she mounted upon donkeys and ascended to ancient robber-towers, attended by her two aides-de-camp, Georgy and Dobbin.

und:

Mr. Jos did not much engage in the afternoon excursions of his fellow-travellers. He slept a good deal after dinner, or basked in the arbours of the pleasant inn-gardens. Pleasant Rhine gardens! Fair scenes of peace and sunshine—noble purple mountains, whose crests are reflected in the magnificent stream—who has ever seen you that has not a grateful memory of those scenes of friendly repose and beauty? To lay down the pen and even to think of that beautiful Rhineland makes one happy. At this time of summer evening, the cows are trooping down from the hills, lowing and with their bells tinkling, to the old town, with its old moats, and gates, and spires, and chestnut-trees, with long blue shadows stretching over the grass; the sky and the river below flame in crimson and gold; and the moon is already out, looking pale towards the sunset. The sun sinks behind the great castle-crested mountains, the night falls suddenly, the river grows darker and darker, lights quiver in it from the windows in the old ramparts, and twinkle peacefully in the villages under the hills on the opposite shore.

Hinter der Apollinariskirche zweigt von der Birresdorfer Straße ein Philosophenweg ab. Ganz wie in Heidelberg dem Schloss gegenüber, den ich einst mit dem engsten Schulfreund mal beschritt.

Lajos Bartas Liebeskraft schaut aus wie die Paradiesschlange, die sich durch eine Astgabel windet, finde ich. Oder ist das nur eine Projektion ins Auge des Betrachters? Das Urteil erfordert eine Überprüfung vor Ort an Hand der dreidimensionalen Realität, möchte eine Stimme mir einflüstern.

Wiewohl hundert Rheinkilometer stromauf, passt Goethes „Sankt-Rochus-Fest zu Bingen“ gut hierher, weil wie dort Reliquien des Rochus hier Apollinaris‘ Schädel liegt, zu dem Ende Juli, Anfang August jährlich eine Wallfahrt stattfindet. Auch sie gefährdet gewesen, aber vom Volk getragen erhalten.

Goethes Schrift, in „Kunst und Altertum“ erschienen, ist hinter der Campagne in Frankreich und Belagerung von Mainz in die Hamburger Ausgabe aufgenommen. Dort passt es, schon chronologisch, aber auch als Abschluss der Franzosenwirren aus konservativ nationaler Beharrung heraus. Es ist nicht eine beliebige alljährliche Wallfahrt, an der Goethe teilnimmt, sondern nach sechzehn Jahren linksrheinischer Revolutionsherrschaft kann das Volk nun erstmals wieder wie gewohnt wallfahren, die Kapellenausstattung wurde um ein geringes Entgelt aus dem Rechtsrheinischen herübergeschafft. Diesen Zug beschreibt Goethe ganz plastisch. Ohne selbst Augenzeuge gewesen zu sein, hat er es sich beim anregenden Wein erzählen lassen:

Man zog nach Eibingen, alles ward sorgfältig abgenommen, der einzelne bemächtigte sich kleinerer, mehrere der größeren Teile, und so trugen sie, Ameisen gleich, Säulen und Gesimse, Bilder und Verzierungen herab an das Wasser; dort wurden sie, gleichfalls dem Gelübde gemäß, von Schiffern eingenommen, übergesetzt, am linken Ufer ausgeschifft und abermals auf frommen Schultern die mannigfaltigen Pfade hinausgetragen. Da nun das alles zugleich geschah, so konnte man von der Kapelle herabschauend, über Land und Fluss, den wunderbarsten Zug sehen, indem Geschnitztes und Gemaltes, Vergoldetes und Lackiertes in bunter Folgenreihe sich bewegte; dabei genoss man des angenehmen Gefühl, dass jeder, unter seiner Last und bei seiner Bemühung, Segen und Erbauung sein ganzes Leben hoffen durfte.

Dies politisch-religiöse Fest sollte 1814 gelten als Symbol des wiedergewonnenen linken Rheinufers sowie der Glaubensfreiheit an Wunder und Zeichen. So praktisch wörtlich der Protestant Goethe.

Goethe hat Probleme, die Prozessionsteilnehmer zu kategorisieren. Er möchte gerne sagen, die hier sehen aus wie Bilfinger, jene wie Berger. Aber der Verstand kommt dem Auge nicht hinterher, und halb ungern muss er im bunten Gewühl versinken, sich treiben lassen, Kontrolle aufgeben. Mangel an Einschätzung seiner örtlich Nächsten macht ihn verletzbar, obwohl er nicht verletzt wird, dieses Nichteintreten aber auch nicht die Spur als selbstaufgebende Erlösung empfindet. Goethe bleibt immun und distanziert, da größer.

Nicht mehr jung und wild, agiert er als Dokumentarist. Er schaltet die Sage des Heiligen Rochus ein und die Predigt des Pfarrers, nebst den Beobachtungen, die er unabhängigen Kopfes anstellt. Manchmal grätschen ihm persönliche Steckenpferde in den Text, so Mineralogisches und eine Bauernregellese.

Wie nach den Bekenntnissen der schönen Seele, von denen er uns zäh gequälte Leser durch ein erfrischendes Gewitter befreit hat:

Der Frühling war in seiner völligen Herrlichkeit erschienen; ein frühzeitiges Gewitter, das den ganzen Tag gedrohet hatte, ging stürmisch an den Bergen nieder, der Regen zog nach dem Lande, die Sonne trat wieder in ihrem Glanze hervor, und auf dem grauen Grunde erschien der herrliche Bogen.

wehrt sich auch hier konkrete Natur gegen allzu viel menschlich-einzwängende Überhöhung und der 28-seitige Text endet herrlich ironisch gegen das vorherige Heilige:

Ein Kahn führte uns flussabwärts die Strömungen. Über den Rest des alten Felsendamms, den Zeit und Kunst besiegten, glitten wir hinab; der märchenhafte Turm, auf unverwüstlichem Quarzgestein gebaut, blieb uns zur Linken, die Ehrenburg rechts; bald aber kehrten wir für diesmal zurück, das Auge voll von jenen abschießenden graulichen Gebirgsschluchten, durch welche sich der Rhein seit ewigen Zeiten hindurcharbeitete.

So wie den ganzen Morgen, also auch auf diesem Rückwege, begleitete uns die hohe Sonne, obgleich aufsteigende vorüberziehende Wolken zu einem ersehnten Regen Hoffnung gaben; und wirklich strömte er endlich alles erquickend nieder und hielt lange genug an, dass wir auf unserer Rückreise die ganze Landesstrecke erfrischt fanden. Und so hatte der heilige Rochus, wahrscheinlich auf andere Nothelfer wirkend, seinen Segen auch außer seiner eigentlichen Obliegenheit reichlich erwiesen.

Es mag konstruiert sein, aber genauso gut mag es genau so gewesen und vom Autor als just in time konterkarierend notiert sein. Gutgläubig tendiere ich zum Zweiten.

In realo

rapportiere ich hier.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: