Gesichter lesen

Hans Blumenberg in seiner Lesbarkeit der Welt, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, ätzend über „Lavaters silhouettierende Betriebsamkeit“ (S. 200f.) und „es waren ihm bemerkenswerte Entnüchterungen auf seinen Missionsreisen für die Lesekunst der Gesichter gelungen.“ (S. 201). Am Beginn des nächsten Kapitels über Goethe spricht er vom „silhouettierenden Wahn“ (S. 214).

Doch im vorigen noch folgt gleich im Anschluss, da es ihm nicht um Lavater, sondern Lichtenberg geht: „Lichtenberg sah diese Triumphe nicht nur mit den Augen dessen, der sich am Befundorgan solcher Erkenntnis benachteiligt glauben musste, sondern auch mit der Frucht, eben an ihnen sei das Scheitern der Aufklärung als beschlossene Sache der Geschichte manifest geworden.“ (S. 201)

Selbstische Ressentiments konstatierte auch Goethe im 14. Buch Dichtung und Wahrheit:

Was ihm dagegen die größte Pein verursachte, war die Gegenwart solcher Personen, deren äußere Hässlichkeit sie zu entschiedenen Feinden jener Lehre von der Bedeutsamkeit der Gestalten unwiderruflich stempeln musste. Sie wendeten gewöhnlich einen hinreichenden Menschenverstand, ja sonstige Gaben und Talente, leidenschaftlich misswollend und kleinlich zweifelnd an, um eine Lehre zu entkräften, die für ihre Persönlichkeit beleidigend schien: denn es fand sich nicht leicht jemand so großdenkend wie Sokrates, der gerade seine faunische Hülle zugunsten einer erworbenen Sittlichkeit gedeutet hätte. Die Härte, die Verstockung solcher Gegner war ihm fürchterlich, sein Gegenstreben nicht ohne Leidenschaft, so wie das Schmelzfeuer die widerstrebenden Erze als lästig und feindselig anfauchen muss.

Blumenberg an anderer Stelle: „Es gibt also eine präzisere Auslegung dafür, dass Lichtenberg sich auf die Physiognomik so verbissen hatte, als die, er habe sich nur als das Zielobjekt ihrer Insinuationen sehen können.“ (S. 212).

Lavater hatte Fans („In Ems sah ich ihn gleich wieder von Gesellschaft aller Art umringt“, Dichtung und Wahrheit, 14. Buch), aber man wollte ihn auch mocken:

Hier sollte nun Lavater in physiognomische Versuchung geführt werden, welche meist darin bestand, dass man ihn verleiten wollte, Zufälligkeiten der Bildung für Grundform zu halten; er war aber beaugt genug, um sich nicht täuschen zu lassen. (DuW 14)

Mit Lavaters Christentum bekam Goethe ein Problem: “Hier tat sich kein Widerstreit hervor, nicht ein christlicher wie mit Lavater …” (DuW 14). Derber: „Du kommst mit deiner Saalbaderey an den unrechten, … also pack dich Sophist Oder es gibt Stöße!“ (WA, Octavblatt, I.Abt., Bd. 32, Weimar 1906, S. 446, Z.2-6, zitiert hier).

Über sein Lied eines Christen an Christus macht sich Goethe lustig:

Du bist! du bist! sagt Lavater. Du bist!!
Du bist!!! du bist!!!! du bist Herr Jesus Christ!!!!!
Er wiederholte nicht so heftig Wort und Lehre,
Wenn es ganz just mit dieser Sache wäre.

Blumenberg, weiter Lichtenberg wiedergebend: Nehme man Lavater ernst, würde man Menschen, bevor sie Taten begangen haben, aufknüpfen, weil man sie aus ihrer Physiognomie prophezeien könnte. Blumenberg: „Was er zugesteht, sind die untrüglichen Spuren ehemaliger Handlungen, die Geschichte auf den Gesichtern [ich hätte in gesagt], nicht die Enthüllung in deutungsfähigen Geheimzeichen.“ (S. 202) Am Ende des Kapitels: „So gilt es dann sogar für die Physiognomik: Kein Gesicht ist geschichtslos. Gedanken, Neigungen und Fähigkeiten haben ihre Zeichen und Spuren hinterlassen: An dieser absoluten Lesbarkeit von allem in allem zweifelt niemand. (Über Physiognomik wider die Physiognomen)“.

Lichtenberg ebendort: „Jetzt sind es Zeichen an der Stirne, die man deuten will, ehemals waren es Zeichen am Himmel…“.

Er hat einen interessanten Gedanken, dass Hineingelesenes nicht unbedingt Gemeintes sein muss: „Gewiss aber lässt sich durch vieles Probieren, und Nachsinnen auch eine Bedeutung in etwas bringen was nicht für uns oder gar nicht lesbar ist. So sieht man im Sand Gesichter, Landschaften usw. die sicherlich nicht die Absicht dieser Lagen sind. Symmetrie gehört auch hieher. Silhouette im Dintenfleck pp.“ (Sudelbücher J 392).

Und nun Blumenberg über Lichtenbergs Traum von der Weltmurmel und das Buch, das er vom Weltgeist zur Analyse bekommt, nachdem er den Erdball durch Sauberreiben zerstört hat: „Obgleich er auf den ersten Blick manches für lesbar hält, erweisen sich doch Schrift und Sprache als unbekannt.“ (S. 208). Das ist ganz das Voynich-Manuskript! Warum gibt es eigentlich keinen Bericht über Voynich 100, außer dem hier?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: