Gedicht auf den leeren Raum

Negative Hörer

Kollege, der Mathé gelernt,
Erzählte Witz, der mir bekannt:
Wenn aus dem Hörsaal man entfernt
Siebén, nachdem fünf reingerannt,
Muss ein Paar sich hineinbegeben,
Damit den Hörsaal leer man hat.
So lässt sich trockner Stoff beleben
Und anschaulich hat man Salat.

Diesen Witz hatte jener Kollege mir vorgestern tatsächlich erzählt. Die Zahlen stimmen, aber ich hab mich falsch erinnert: Die fünf Studenten saßen schon drin im Hörsaal des Mathematischen Instituts. Sieben gingen raus (um des Reimes willen mussten sie gegangen werden), worauf ein Mathematiker vorschlägt, zwei reingehen zu lassen, damit der Saal leer sei.

Zufällig las ich darauf gestern früh im Bus, wie Hans Blumenberg Lichtenberg zitiert: „Ich glaube, dass ein Gedicht auf den leeren Raum einer großen Erhabenheit fähig wäre.“ Darauf sprudelte der Sprachformulator ungefähr Obiges aus, wobei ich mich ärgerte, keinen Zettel zum Konservieren zur Hand zu haben. Die Stärke gereimten und metrischen Skeletts erwies sich, als ich nach Unterbrechungen von Prosagesprächen, als auf der Arbeit nichts zu tun war, es doch noch zu Papier bringen konnte. Verlustfrei meines Eindrucks nach, der täuschen mag, vielleicht neu hervorgebracht und qualitativ ähnlich ein erinnertes Gitter füllend, jedenfalls nicht ob verpasster Chance Träne vergießend, sondern ans Ziel gekommen wähnend.

Vor dem Witz hatten wir vorgestern über die Frühmotivierung der Mathematik gesprochen: Äpfel addieren und wegnehmen. Unser Herkommen verliert sich im Nebel meines Gedächtnisses. Doch, jetzt kommt es wieder. Ein dritter Kollege, studierter Jurist ohne Staatsexamen, hatte mich nach 17 Prozent von 49 gefragt, wahrscheinlich, weil ich so klugscheißerisch tat. Weil 7 mal 7 49 ist, witterte ich eine Falle, holte einen Zettel, rechnete schriftlich und kriegte raus:

49 x 0,17 = 63
...........28
...........49
..........____
..........8,33

Das hörte er sich an, ohne irgendein Zeichen des Wiedererkennens zu zeigen. Wahrscheinlich hatte er die Zahlen einfach aus dem Ärmel geschüttelt, ganz ohne Berechnung. Kurze Zeit später fragte er mich, ob ich die Wurzel von 9 wisse. Das brachte die Sache ins Rollen, denn jetzt fing der mathematische Kollege zu grinsen an. Ich schwankte, ob ich sagen solle, 3 und minus 3 oder 3 oder minus 3. Nachdem der juristische Kollege Aufklärung verlangte, ob minus 1 mal minus 1 plus 1 sei, der mathematische Kollege meinte, ein und oder ein oder in der Antwort hinge von der Formulierung der Aufgabenstellung ab und ich mir vier Multiple-Choice-Antworten vorstellte: a) 3 b) -3 c) 3 und -3 d) 3 oder -3, lenkte mich der Teufel dahin, den juristischen Kollegen zu fragen, was denn die Wurzel von minus 1 sei. So kamen wir auf Erweiterungen des Zahlenraums. Der mathematische Kollege gestand Mangel an Anschaulichkeit ein, meinte, die wäre aber auch schon bei der Ergänzung der positiven Zahlen um die negativen gegeben. Schon waren wir bei den Äpfeln, die man zusammenlegt, um die Addition zu veranschaulichen. Und dem Problem, negative Zahlen mit Äpfeln zu motivieren.

Mit diesem Input von vorgestern dachte ich gestern vormittag, warum kein Gedicht auf den leeren Raum riskieren?

Gedicht auf den leeren Raum

Zwei Äpfel hatt‘ ich gestern noch,
Aus einem raus ein Würmlein kroch.
Den schenkt‘ ich Dir mit liebem Gruß,
Aus andrem macht‘ ich Apfelmus.
Nun hab ich keine Äpfel mehr,
Der Raum im Keller, der ist leer.
(Zumindest apfelleer ist er!)

Drei Birnen hingen an dem Baum.
(Wenngleich ein Baum ein schlechter Raum!)
Sie waren aufgeschwollen kaum,
Da fielen sie vom Aste ab,
Auf dass sich das Getier dran lab.
Es ist der Baum nicht mehr so schwer,
In Birnbezug ist sein Raum leer.

Fünf Eier lagen unterm Huhn.
Die Mutter nahm die Pfanne nun,
Entwendete dem Huhn die Ei‘
Und schlug sie in der Pfann‘ entzwei.
So ist des Huhnes Unterseite
Nun ohne Ei ganz weit und breite.

Ein Herz, das schlug in meiner Brust,
Es machte Dir zum Gleichklang Lust.
Da riss ich’s raus und schenkte’s Dir,
Nun steh ich herzlos da und hier.
Herzmäßig herrscht ein leerer Raum
Vom Saum des Körpers bis zum Saum.

Zwei Äpfel sind nicht mehr im Raum.
Drei Birnen fielen ab vom Baum.
Fünf Eier, die verlor das Huhn.
Ganz ohne Herz steh ich hier nun.
Wenn das man Leere nicht kann nennen,
Dann will ich in den Hörsaal rennen.

Der Kollege hatte Spass dran, seine Winkel zogen ihren Mund zum charakteristischen Breitmaulgrinsen auseinander, andere fanden es blöde. Er falzte das Blatt und schob es in den Kosmos-Naturführer, den er sich für den Norderney-Urlaub gekauft hat.

Daraus hatte er mir vor ein paar Tagen – und ihn gestern mitgebracht als Beleg – Thalassiovirgo neritica vorgesprochen mit der Aufforderung: „Du kannst doch Latein“. Die Meerjungfrau konnte ich entschlüsseln, scheiterte aber am neritica, das ich spekulativ höchstens mit Nereus in Verbindung brachte, dem Gott des Meeres, das allerdings ja schon im Thalassio stecke. Er wusste es auch nicht. Mittlerweile weiß ich, dass neritica auch bei anderen Tierenpflanzen zweiter Teil der Taxe ist, so sie in Küstengewässern leben, was bei Andersens wohl der Fall war.

Eine Frage stellte mir der Kollege zum Gedicht. Die Zeile mit dem Saum möge ich erläutern. Ich hatte es so gemeint: Saum als Rand. Der Körper des herzlosen Menschen hat natürlich nur einen Rand, die Haut, dennoch wünschte die Sprache was vom einen zum anderen Rand und so wählte ich es. Fürchte, dass er es vom Saum des einen Körpers zum Saum des anderen, also den Zwischenraum, verstand.

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