Rolandsbogen

Als ich letzte Woche in Remagen war, hatte ich den Rolandsbogen auslassen müssen. Daher holte ich ihn heute nach.

Zeit und Japaner

Startete um Sieben. Sah ungefähr so aus, mit Strohhut gegen eine brennende Sonne, zumal gerade frisch die Haare kurz geschoren:

Der Zug um 8:03 ab Köln-Süd fiel aus, was mich aus der Planung warf:

Schaute nach anderen Möchtegernreisenden, wie sie reagierten… Eine junge Chinesin plapperte ins Handy, eine älter-als-iche Frau schob ihr Fahrrad ganz bis ans Ende des Bahnsteigs, warum weiß ich nicht. Dachte, sie verschaffe sich Bewegung, kehrte aber über kurz nicht um… Wollte nicht warten, sondern starten und verließ den Bahnsteig. Ging zum Barbarossaplatz rüber, wo eine Straßenbahnlinie ebenfalls nach Bonn abfährt. Die war mit nur drei Minuten ab jetzt angezeigt. Setzte mich rein. Die Bahn hielt eine ganze Weile dort. Stieg wieder aus. Gelassenheit ist anders. Entschiedenheit auch. Die Straßenbahn hätte 50 Minuten gebraucht – der Weg zieht sich, bin ihn mal gefahren -, die Eisenbahn nur eine halbe Stunde und sogar bis Bonn-Mehlem, wo ich hinwollte, während die Straßenbahn in Bonn Hbf endet. Ging wieder zurück, der Bahnsteig hatte sich gefüllt. Zum Glück lief beim anstehenden nächsten Zug kein „fällt aus“ drüber durch. Wenige Minuten verspätet traf er ein und ich genoss das klimatisierte Obergeschoss des „Doppelstöckers“ – so hörte ich irgendwo unterwegs einen erfahrenen Reisenden zu seiner Gattin sagen.

Eine japanische Familie fesselte meine Aufmerksamkeit. Den Mann (plus 1 Frau und 1 Sohn) zeichnete Folgendes aus: Er trug über Wanderschuhen eine dunkle, karierte Anzughose, dazu ein rosa Poloshirt von Lacoste, in dessen Brusttasche eine Sonnenbrille sowie ein Kugelschreiber steckten. Auf der Nase hatte er eine ungetönte Lesebrille und auf der Wurzel der Nase ein schwarzes Mal. Ein brauner Gürtel hielt seine Hose sehr weit oben. Über der Spitze seines rechten Daumens klebte ein Pflaster. In Händen hielt er einen Reiseführer mit großem Titel ドイツ und klein „Deutschland“ drunter. Erst hielt ich es für „Köln“ auf Japanisch, aber es heißt – logischer – „Deutschland“.

Dieser Zug, den ich außerplanmäßig nahm, hatte in Köln-Süd Oberwinter als Via angeschlagen gehabt. Daher ging ich davon aus, dass er auch in Mehlem halte. Bis eine Durchsage kurz vor Bonn Hbf mich stutzen ließ, weil er die Anschlüsse durchsagte und es war einer nach Mehlem dabei. Also raus und nur wenige Minuten gewartet, bis die langsamere RB 48 nach Mehlem kam. Klappte, war halt nur eine Stunde später als erwartet dort.

Bewegung nach Süden

Suchte den Rhein auf. Das Ufer nach John J. McCloy benannt, nach dem Zweiten Weltkrieg Hochkommissar, der gegenüber auf dem Petersberg residiert hat.

Gegenüber liegen schön der Petersberg mit seinem Bundesgästehaus, der Drachenfels, wo ein Fels stürzt und erste Rebhänge beginnen, sowie dazwischen das kleine Schlösschen Drachenburg. Das Blatt mit der ausgedruckten Karte hatte ich liegen gelassen, aber dachte, schaffst du auch so. Ging also nach Süden hinaus, weit weit. Lange Zeit blieb es rechts flach, kein Ort für eine Rolandsburg. Dann erhob sich ein vielversprechender Hügel, dessen Ende noch nicht zu sehen war. Erst als ich die Spitze der Insel Nonnenwerth erreicht hatte, kam das Ende des Hügels und auf ihm der Rolandsbogen in Sicht. Dann führte der Weg vom Rhein weg, da sich ein Campingplatz dazwischen drängte. Rheinland-Pfalz begrüßt einen:

Geheime Gärten Rolandswerth

Die fand ich im Augenwinkel, als ich halb depressiv zwischen Campingplatz und Häusern entlang ging und weder Rhein zur Linken noch Erhebung zur Rechten mehr sah. Eine kleine Texttafel, deren Inhalt komplett zu lesen mir eine unduldsame Muse nicht gestattete, lockte mich ab vom Pfad und ins Gestrüpp.

Notierte einen prächtigen Baum mit roten Blättern und manche Bänke, alle nach demselben Muster gestaltet, nämlich einerseits ein (männliches) Gesicht mit ausgeschnittenen Naturbildern drinne, und andererseits etwas Abstrakteres. Drei davon fand ich, ehe ich ein Tor hinaus kam, dessen Ausschneidung mich rätselmäßig herausforderte. „Die vollendete Speculation“ las ich endlich und hielt es für den Titel der Installation, die ich einem etwas spinnerten Künstler (ging von männlich aus) zuschrieb. Forsche ich nun nach, beginnt so ein Satz von Novalis: „Die vollendete Speculation führt zur Natur zurück“. Habe nun ach weder den Turm mit dem „führt“ noch die Spiegelschrift „zur Natur zurück“ gesehen und also blieb der Satz Fragment.

Bittermann und Duka sagen denn auch:

Entscheidend für die Lesbarkeit und das Verständnis des Satzes „Die vollendete Speculation führt zur Natur zurück“ ist die Einhaltung eines vorgegebenen Weges.

Das hatte ich nicht getan, kam vom Rhein, wo mich ein kleines Schild mit Textbeschreibung, das komplett zu lesen ich natürlich keine Muße aufbringen konnte, gereizt und in den Garten hineingezogen hatte. Keinen Turm habe ich bemerkt und ging zum Haupttor raus. So wurde kein Satz draus, sondern ich nahm die Torinschrift als Titel des Ganzen und hielt den Künstler, den ich mir männlich imaginierte, ein bisschen für einen Spinner.

Waldtheater

Links lag noch Nonnenwerth und ich dachte, es wird Zeit aufzusteigen. Überquerte die B9, wo mich Viator eine Säule, 1809 errichtet und 1940 erneuert, grüßte. Hinter der Bahnunterführung ein klitzekleines Wasserwerk. Ein Wegweiser hieß mich steil aufsteigen.

Als der Weg sich teilte, ging ich rechts. Ein Fehler, denn nach einer Weile endet er als Privatweg. Unmittelbar davor erblickte ich links ein gewaltiges Waldtheater. Schönbrauner, dichter Laubteppich deckt einen Tobel, der sich wie aus Wurzelsträngen gebildet den Hang hinab zieht. Es findet eine Verschiebung der Dimension statt, Kleines wirkt in Großes vergrößert. Durch den Teppich hat sich Nachwuchs durchgesetzt, wenige Blätter schmücken kurze Säulen. Buchen wohl. Klar unterschieden das Grün der Blätter bei einem Exemplar. Dunkel zwei größere, heller zwei kleinere obenauf aus einem anderen Zyklus. Versuchte zu ersteigen, doch unwegsam und kehrte um. Keine blaue Blume, aber kleine lila Blüten blitzten ins Auge. Recht so, denn der linke Abzweig stellte sich als der rechte heraus. Schweiß rann, da es steil war.

Ein kleiner Bogen, der den Weg überspannt, ließ mich vermuten, dass er Hinweis auf den größeren weiter oben sei. Fehlgedacht. Kam oben an ohne Rolandsbogen. Ging ein wenig westwärts und gewann einen Blick ins Rheintal nach Süden hin, wo er das Schiefergebirge durchschneidet. Remagen musste dort liegen. Kehrte um und widerwillig den Anstieg wieder hinab. Der kleine Bogen, der oben einen Weg darstellte, war vergittert. Doch, da rechts, was ich für den Ausläufer der Besiedlung gehalten, war der Parkplatz des Rolandbogens. Kraxelte hinauf und war recht einsam droben, was mich freute. Später kamen mehr Besucher herauf, schwatzten, fotografierten etc.

Rolandsbogen

Auf dem Schild „Literarischer Weinberg am Rolandsbogen“ zwei Gedichte, beide „Rolandseck“ betitelt, eines von Ferdinand Freiligrath, andres von Guillaume Apollinaire. Dachte, man fände sie leicht, hatte aber Schwierigkeiten. Freiligraths drei Sechszeiler sind seinem Aufruf zur Wiederherstellung der eingestürzten Ruine im Januar 1840 entnommen:

Freiligrath kann man kaum gut finden. Er schmeißt die Wörter mit einer Geste raus, die herrisch zu nennen ist. Apollinaires modernes ist 22-jährig geschrieben:

Das freilich monolinguale Schild bietet eine Übersetzung.

Typografisch ersetzt ein einzelner Akut ins U hinein Umlautpunkte.

Das Freiligrathdenkmal auf halber Höhe hab ich verpasst. Saß nun schön in der Sonne oben auf einem Stuhl, den sie – nicht anwesend, dennoch – herausgestellt hatten. Zwei sportliche junge Handwerker polnischer Herkunft sprinteten rauf, leichte Schutzoveralls über ihrer Kleidung, dicke Sneaker zur Fortbewegung. Mein Glück war, dass die Restauration noch nicht wieder eröffnet hatte, im Juni erst. Gewiss wäre es sonst viel voller und aufmerksamkeitsheischend gewesen. So hatte ich mal kurz Ruhe, als ich Brote und Apfel verzehrte, bis gegen Elf doch manche Ausflügler raufkamen.

Die Insel Nonnenwerth, über die mittelbar Jürgen Nielsen-Sikora schreibt, insofern als er über Christian Linder schreibt, der über Liszt in Nonnenwerth schrieb:

Der Drachenfels nochmal und Bonn mit Post Tower:

Rückwegs ging ich den Höhenweg entlang, es war die Vulkanstraße. Links strahlt das weiße Radom in Wachtberg. Viele Spaziergänger nun vor Zwölf, viele Alte insbesondere. Touchierte just das obere Ende des Waldtheaters. Immer wieder Ausblicke auf die gegenüberliegenden Merkmale hin:

Nach dreieinhalb Kilometern erreichte ich Ausläufer des Orts. Der Weg hatte in der Tat „Vulkanstraße“ geheißen und nun gings auf der „Kraterstraße“ weiter. Landete im Hag, aber wie sich herausstellte, war der Bahnhof noch ellenweit.

Pfingsten (五旬节)

Kam durch die Ortsmitte von Mehlem, wo die Pfingstmesse gerade geendet hatte:

Aber nur deutsche Zungen (舌头) gehört, keine Fremdsprachen (外语).

Weiter weiter kam ich an unbedeutenden Ausblicken entlang:

zu einem Kreuz von 1719 an der Einmündung Ackerstraße in die Mainzer Straße:

Typografisch bemerkenswert die Achterbahnschräge des N, das punktierte I, das W als Doppel-V, die Spatien durch einen Punkt markiert und ein verkrüppeltes Z hinterm T.

Der Weg zum Bahnhof zog sich lang nordwärts hin an einem blinden Mann mit Hund vorbei, dem schon Adenauer übermorgen vor 632 Monaten einen Besuch abgestattet hat:

Der Rückweg klappte aber perfekt, war um 14 Uhr wieder daheim. Im Stadion bereitete sich Bruce Springsteen bzw. seine Mischer auf den Auftritt um 20 Uhr vor. Das wird laut, oh o!

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