Stein gewordenes Wort

Evangelisch getauft, bin ich einmal in einer katholischen Messe gewesen, das waren die Exequien für Gerda Millowitsch, weil meine damalige Freundin, eine ältere Rechtsanwältin, die Familie kannte. Heute am Millowitschtheater „Tanzmariechen XXL“ angeschlagen. Der Priester bezeichnete den Kölner Dom, in dem wir uns befanden, als Inkarnation des himmlischen Jerusalem. Nun heißt Inkarnation Fleisch- und nicht Steinwerdung und ich war sehr enttäuscht über die mangelnde Sorgfalt in der Sprache. (Nicht, dass die Evangelischen da besser wären!)

Nachdem ich gestern in St. Kunibert gewesen bin, dessen Portal von Toni Zenz gestaltet ist, wollte ich mich heute mal nach Neu St. Alban begeben, wo er auch gestaltet hat. (Wo Alt St. Alban liegt, kA.) Zunächst lernte ich:

Variiert war richtig geschrieben, worüber man sich gewissenmaßen schon freut, auch als Nichtraucher.

Sieht dieses Eingeritzte nicht fast wie der Heilige Rock zu Trier aus? J. K. ist also am 14.9.1954 geboren, Todesdatum noch offen.

Es gibt noch FC-Fans, auch in der 2. Liga. Der BVB 1909 gegründet und FC Bayern 1899. Die Bäume (= Schriftträger) stecken in oktagonalen Aussparungen.

Auch Poldi (Arsenal) lebt noch in den Herzen der Fans:

Die Stoffeinkaufstasche einer Frau las sich:

NOTHING
BUT
HOPE
AND
PASSION
.com

Funktioniert.

An der Ecke Utrechter Straße/Moltkestraße kam ich an der katholischen Pfarrkirche St. Michael vorbei. Wort im Stein informiert, dass sie 1902 bis 1906 vom Architekten Eduard Endler erbaut wurde. Den Eingang flankierten Banner, welche „Art & Amen St. Michael“ besagten. Man forderte mich uns auf, sie auf Facebook zu finden, was ich soeben ja getan hab. Über dem Kruzifix steht geschrieben: Herr Dein Wille geschehe. Auf einem Pilaster Pater Filius Spiritus. Davor waren Trinker lautstark am Diskutieren, so dass ich mich nicht nähern wollte, weitere Pilasterbeschriftungen zu entziffern.

Es befindet sich hier der berüchtigte Brüsseler Platz, den junge Leute nachts mit Krawall heimsuchen, so dass Anwohner nicht ruhig schlafen können.

Weiter gen Stadtgarten. Eine Galerie stellt Faces von William Ropp aus. Die Schönmacherinnen in der Hausnummer 102 bieten Beauty, Body und Wellness. Komischerweise flanierten gerade hier hässlige (so sagt man hier auf der Straße) junge Frauen, in geschmacklose graue und grüne Nylons geschlüpft. Fast wie eine absichtsvolle Performance.

Eine minibib im Stadtgarten, von Deutschland, Land der Ideen, 2011 ausgezeichnet, hatte geschlossen.

Weiter ging es an einer evangelischen ThomasChristusKirche (sic) vorbei.

St. Alban war nicht leicht zu finden. Am nordwestlichen Ende des Stadtgartens fand ich dann das von Toni Zenz gestaltete Portal:

Als Höhepunkt meines Ausflugs hat sich aber St. Gereon herausgestellt, das herüberwinkte, als ich St. Alban zur Gladbacher Straße hin verließ:

Vor der Kirche ein Kopf von Iskender Yediler, der den enthaupteten Gereon (bzw. umgekehrt) darstellt. Eine ins Pflaster eingelassene Platte informiert:

Iskener Yediler, 2005, Granit: Hl. Gereon
Der wegen seiner Standhaftigkeit im christlichen Glauben enthauptete thebäische Legionär St. Gereon erlitt das Martyrium nach einer Überlieferung im Jahre 286 an diesem Ort, dessen Namensgebung Driesch vom griechischen Wort drypis = Streit, Krieg abgeleitet werden kann. Dies verweist auf einen römischen Waffenplatz, der auch zugleich als Mordhof (fast hätte ich Mordort = Mordor vom Abgeschriebenen abgeschrieben) der thebäischen Legion bezeichnet worden ist. Über der Grabstätte des Märtyrers erhebt sich seit der spätantiken Zeit der (sic) Kirche zu den goldenen Heiligen: St. Gereon.

Um den Eingang zu St. Gereon wiederum Stein gewordene Worte. Links: „Das Wort ist Fleisch geworden“ und kleiner „und wohnt“ + 3 Worte. Rechts: „Bekehret euch, das Hi~melreich ist nahe“. Und in der Mitte drüber: „Seinen Namen sollst du nennen / IESVS / denn er wird sein Volk erlösen“.

In der Kirche Dunkelheit. Kerzen brennen vor einem Leichnam. Zu seinen Füßen ein bärtiger Mann mit Turban, am Kopf ein glattrasierter mit Kappe oder Fes. Hinter dem Körper fünf Frauen aufgereiht.

Eine Seitenkapelle hat alte Fresken. Auf einem Altartisch liegt ein weißes Tuch. Eine Taube steht auf einem achteckigen Gefäßdeckel, der mit einem klitzekleinen Vorhängeschloss gesichert ist, und ein Mann sitzt auf einer Bank. Die dicke, weiße Kerze neben dem Altartisch mit

beschriftet. Die Taube umringt: „DESCENDAT·IN·HANC·PLENITVDINEM·FONTIS·VIRTVS·SPIRITVS·SANCTI“.

Ein Thermometer in der Kirche zeigte 18 Grad. Goldene Tränen fallen von der Spitze:

Rechts eine Bodenplatte: „HILDEBALDUS / ECCLESIAE / COLONIENSIS / PRIMUS / ARCHIEPISCOPUS / AARONI / SIMILIS / REGIS / REGNI / JUDICIS / ARCHICAPELLANUS / 787-818“. Übersetzt: „Hildebold, erster Erzbischof der Kirche zu Köln, dem Aaron gleich, Hofkaplan des Königs, des Richters des Reiches.“

Ebendort in einen Pilaster geritzt:

Vor den Stufen zur Krypta in den Boden eingelassen: „VENERUNT NUPTIAE AGNI“, „Gekommen ist die Hochzeit des Lammes“. Doch hinter dem vergitterten Tor steht ein Sarkophag, also links herum in die Krypta. Zuvor an einem bronzenen Buch vorbei, das in der Aussparung eines grob behauenen Steinblocks ruht. Obwohl schon gravitationsgemäß dort sicher, noch mit zwei kreuzförmig verschränkten dicken Seilen an den Stein gebunden. Dahinter ein fast unauffälliges, kleines Papierschild an der Säule klebend: „Aus dem Zyklus / Das 6. Siegel (1994) / UnterbezirksDada / Cornel Wachter – / Elmar de Saint Schmitt“. Die letzte Zeile rechtsbündig.

Auf dem Sarkophag steht – ich glaube rot auf weiß: „HIC · REC / ONDITA · SUNT / CORPORA · THEBEO MART P.“ Die Thebäer anfangs ungefähr so ligiert:

und hintendran noch was Kleines, das ich nicht entziffern gekonnt.

In der kühlen Krypta ca. zehn Bodenmosaiken, vorne rechts Samson mit dem Löwen kämpfend, in der Mitte eine Stadt mit GAZA bezeichnet und das Mosaik beschriftet mit: „SAMSON·PORTAS·URBIS·PORTAT·IN·MONTEM“.

Ein Gobelin, vor dem ein Vorhang vorgezogen werden kann:

Jemand hat einen Wellensittich verloren:

und in Abwandlung des englischen Ratschlags:

sic!

Im U-Bahnhof ein Plakat von Ströer für Tauern Spa: „Jetzt Bluetooth einschalten oder Code scannen“. Hat das Plakat neben dem QR-Code einen Bluetooth-Sender? Denn die Anweisung lautete ungefähr: Bluetooth einschalten, kurz warten, Nachricht empfangen. Mir ganz neu!


UPDATE 04.06.2012

Ich tat, wie geheißen, und es erschien „Daten empfangen von TAUERN_SPA_AUSTRIA?“ auf dem Handydisplay. Ich antwortete mit Ja, dann wurde der Screen kurz weiß, dann ganz schwarz. Vielleicht, weil ich kein Internet hab.

Es werden drei Möglichkeiten geboten: 1) Die Kurzadresse bit.ly/bergluft abschreiben oder -tippen. 2) Den QR-Code scannen, der eine andere Adresse http://bit.ly/JEpwEy?r=qr kodiert hat. Der Parameter r enthält den vom Interessenten gewählten Kanal. 3) Bei Bluetooth vermute ich nun, dass die Werbetreibenden dieselbe Adresse mit r=bt hintendran schicken. So kann die andere Seite die Aufrufe der Aktionsseite, in die alles per Weiterleitung mündet, danach unterscheiden, welchen Weg der Interessent genommen hat.

Vermutlich trägt eher der Kasten (Hardware), in dem das Plakat hängt, den Sender. Der von Ströer entsprechend dem gerade gezeigten Plakat (Software) dann umprogrammiert wird.

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