Mülheimer Gottestracht

Eine puppenhafte Kollegin hatte mich gefragt, ob ich zum langen Wochenende was vorhätte. Ich sprach davon, dass ich mir vielleicht die Mülheimer Gottestracht anschauen wolle. „Wissen Sie, was es mit Fronleichnam auf sich hat?“ Ich konnte oder wollte es nicht beantworten, weil ich mir mein Wissen auch erst am Vorabend bei Wikipedia überfliegend angelesen hatte: „Nein.“ Ehe ich höflich zurückfragen konnte: „Und Sie, was haben Sie vor?“, kamen auch schon die Kollegen über die Ampel und wir zogen weiter gen Schwimmbad.

Tracht nicht von der Kleidung, sondern vom Tragen. Das diesjährige Motto der Mülheimer Gottestracht lautet offenbar: „Seht, das Zelt Gottes unter den Menschen“ (Offb 21,3).

Anmerkung m verweist auf 结37:27. Dort (Hesekiel) heißt es:

„Mein heiliger Vorhang (Zelttuch) wird sie gewiss beschirmen“. Anmerkung e verweist wieder zurück auf 启21:3.

帐 zhàng steht als Schutzdach mit Vorhängen im Wörterbuch, z.B. 蚊帐 wénzhàng Moskitonetz.
帐篷 zhàngpeng Zelt ist als [同] tóng bedeutungsgleich mit 帐幕 zhàngmù angegeben, das nicht enthalten ist.
幕 mù ist der Vorhang, auch der Akt im Theaterstück.

帐 zhàng mit dem Radikal 巾 jīn Tuch und der Fastaussprache 长 cháng (lang) oder weich 长 zhăng (wachsen). 蚊 mit dem Radikal 虫 chóng Insekt und der Aussprache 文 wén (Text). 幕 ist zwar unter das Radikal 艹 Gras sortiert, aber der Bestandteil 巾 gibt das Wortfeld an, vgl. 墓 mù Grab mit 土 tŭ Erde, 慕 mù sich sehnen mit 心 xīn Herz, 募 mù sammeln, anwerben mit 力 lì Kraft, 暮 mù Abenddämmerung mit 日 rì Sonne.

9.00 Bushaltestelle

9.30 Heumarkt
Durch die Altstadt gen Dom gegangen. Gravitätisch dunkle Glockenklänge. Ein schlanker Seminarist eilte vor mir in dieselbe Richtung. Fünf Nonnen in Tracht – weiße Kopftücher, lange blaue Gewänder, kurze schwarze Jacken – auch. Eine hielt einen beigegelben Schirm offen, weil es leicht nieselte. Die schwere Glocke schien Trauer oder das Ende der Welt ausdrücken zu wollen. Auf dem Roncalliplatz mehrere Gruppen in einförmiger Kleidung, manche reckten ein Gruppensignum in die Luft.

9.45 Roncalliplatz

Die Glocken dröhnten gewaltiger. Uniformierte Gemeinden drängten zur Kirche, trugen Standarten vor sich her. Vom Römisch-Germanischen Museum blickt ein Ausstellungsbanner „Die Rückkehr der Götter“ über den Roncalliplatz. Mit den sich bleiern auf alles legenden Glockenklängen fühlte ich mich an Rodenbachs totes Brügge erinnert.

Einer Gruppe dicker Männer in Metzgerschürzen trug einer eine Fahne mit „Fleischer Sänger“ drauf vorweg. Viele Regenschirme in Dunkelblau mit einem weißen A, rechts unten mit, oben ohne Serifen und doppelter Wellenlinie als Querstrich waren anwesend.

Vor zehn verklangen die Glocken.

10.00 Domvorplatz

Hellere Glocken und Gesang setzten ein. Die Rettung der Welt schien erfolgt. Eine Frau sagte zu ihrem Mann, welcher einen der blauen Regenschirme hielt: „Man hat gesagt, im Dom, wegen des Wetters.“ Derweil bauten sie auf dem Roncalliplatz Gitter und Bühne wieder ab. Leider wurde ich Beobachter wieder beobachtet und musste ein Foto nehmen von einer tschechischen Familie, deren Sohn mich drum bat.

Als ich den Dom betrat, sprach Meisner gerade, durch Lautsprecher verstärkt: „Meine Schuld, meine große Schuld“. Dann sang er mit seiner charakteristisch brüchigen Stimme: „Kyrie, kyrie eleison“. Die Kirche war voll, auch von Touristen. In hohen Schiffen sah man Leiter mit erhobenen Armen weißgewandete Chöre dirigieren. Es war ein Hochfest der Kirche. Während draußen vom Dom herab einträchtig rot-weiße und gelb-weiße lange Banner hingen, wehten vom Ende der Fahnenstange auf dem Vorplatz herab eine gelb-weiß geteilte und eine weiße mit schwarzem Kreuz bis an den Saum. Die Überkreuzung war noch mit einer rautenförmigen weißen Linie abgehoben, so dass es wie ein eingesetzter Edelstein wirken konnte.

10.15 Abgang zur U-Bahn
Der Weihrauch aus der Kirche kitzelte noch in der Nase.

10.30 Mülheimer Brücke

Da soll es nachher passieren, noch prozessieren sie aber auf der Mülheimer Seite.

Bis zur nächsten Brücke soll es gehen, dann Umkehr.

10.45 St. Clemens

Am Rheinufer eine Nepomuk-Statue. An der Kaibrüstung ein Schausteller (braungebranntes Männergesicht mit gepflegtem Schnurrbart) zu seinen beiden viertelwüchsigen Söhnen, die zum Kirmesplatz preschen wollten: „Aber pass auf, lasst euch nicht erwischen. Die Kirmes ist noch nicht eröffnet. Die Musik darfste nur ganz leis aufdrehn!“

10.55 Mülheimer Brücke

Als die Willi Ostermann ablegte, dachte ich schon, es geht los. Aber sie wechselte bloß mit der kleinen Colonia den Platz. Die große RheinFantasie blieb am Anleger liegen. Auf der Brücke leider viele Schaulustige, so dass Gelaber zu ertragen, wie ein Mann, der einer Fotografin erklärte, dass Aachen keinen Fluss, oder ein Paar, das sich über Termine in den nächsten Tagen austauschte.

11.15 Mülheimer Brücke

Ungeduldig mich schon wieder zurück zur Meisner-Prozession aufgemacht und fast am anderen Ende der Brücke angelangt, mich aber umblickend, ob das Schiff nicht inzwischen doch abgelegt, da erschallten plötzlich fromme Gesänge, die mich zurücklockten.

Ja, da wurde etwas langsam aufs Schiff getragen. Mal wurde etwas gesprochen, dann wurde wieder gesungen. Die Prozession über die Landungsbrücke stockte immer wieder, wohl nach einem Ritus.

11.30 Slabystr.
Weg, weil es bis zum Ablegen des Schiffes noch länger zu dauern schien. Die Lautsprecher schallten wirklich bis aufs Westufer herüber.

11.45 Roncalliplatz

Das Ende der Prozession. „Herr, erbarme dich“. Weihrauchschwaden folgen dem Allerheiligsten in Unter Goldschmied. Ein Helfer amüsiert: „Wir wurden gerade gefragt, was das ist. Ist jemand gestorben?“

Am Rathaus Rainald von Dassel (roter Pfeil), verantwortlich für die Translatio der Gebeine der Heiligen Drei Könige von Mailand.

12.00 Heumarkt

Die Tonverstärkung während der Prozession geschieht durch mobile Lautsprecher, die am Stab in gewissen Abständen von jungen Männern getragen werden. Musik erschallt aus ihnen, christliche Gesänge.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sah ich an Gruppen: Malteser, Portugiesen in Trachten, Herz-Jesu-Gemeinde, St. Pantaleon, St. Aposteln, Marianische Männerkongregation, St. Cäcilie, Katholische Hochschul-Gemeinde, St. Gereon Michael Alban, eine Gruppe gleichgekleideter junger Leute, die einen QR-Code vor sich her trugen. Netterweise hatten sie klein Markus 7,31-37 – das ist die Heilung eines Taubstummen – druntergeschrieben, St. Bruno Köln-Sülz, Nippes-Bilderstöckchen, St. Ursula Pfarr- und Stadtpatronin, Köln-Rodenkirchen, Korea mit einer Frau in einem traditionellen Kleid, das von Weiß in Lila überging und eine Kroatische Kath. Gemeinde Köln.

Die Anzahl der Gläubigen kann ich nicht abschätzen😦

12.30 Domvorplatz

Die Fleischer Sänger hatten nicht mitprozessiert. Sie kamen mir Am Hof entgegen und standen etwas angstmachend jenseits der roten Ampel eine Weile. Am Domvorplatz zog die Prozession gerade wieder in den Dom ein. Das Allerheiligste war schon vorübergetragen worden. Ein hagerer Kirchendiener wachte über den Eingang, auf dass nur Messbesucher eintraten, keine Touristen mehr. Eine italienische Flagge wurde hineingetragen, als Omen für die Fußball-EM?, nein, einer Missione Catt. Italiana. Eine Trikolore in Blau, Gelb und Rot identifizierte ich auf Anhieb nicht, ist aber doch Rumänien. „Dass wir uns nicht dran gewöhnen“, klang eine männliche Stimme aus den Lautsprechern, als ich mich entfernte.

12.45 Heumarkt
Glücklicherweise ging Wind, so dass der Weihrauch schon wieder verflogen war.

Ob auf der Mülheimer Seite eine umstrittenene Kontroverspredigt gegen die Evangelischen gehalten wurde, kann ich nicht sagen. Die Auffassung der Wandlung trennt diese beiden christlichen Kirchen offenbar. Recherchierend erfahre ich, dass Luther an eine Konsubstantiation geglaubt habe, zwar mit Realpräsenz, aber nur während der Abendmahlfeier, während die Päpste an eine Transsubstantiation, eine Verwandlung für immer und also auch außerhalb der Heiligen Messe auf ordinären Straßen glauben.

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