Pelagianer Goethe

Goethe erzählt im 15. Buch Dichtung und Wahrheit, dass er die schöne Seele Susanne von Klettenberg am Fenster sitzend gezeichnet und das Blatt mit folgendem Begleitgedicht an „eine auswärtige Freundin“ geschickt habe (Hervorhebungen von mir):

Sieh in diesem Zauberspiegel
Einen Traum, wie lieb und gut,
Unter ihres Gottes Flügel,
Unsre Freundin leidend ruht.

Schaue, wie sie sich hinüber
Aus des Lebens Woge stritt;
Sieh dein Bild ihr gegenüber
Und den Gott, der für euch litt.

Fühle, was ich in dem Weben
Dieser Himmelsluft gefühlt,
Als mit ungeduld’gem Streben
Ich die Zeichnung hingewühlt.

Klettenberg habe es nicht übel genommen, wenn er sich so wie hier als Heide gab, und es sie sei es schon gewohnt gewesen, dass er beim Vorlesen von Missionsberichten die Partei der Missionierten ergriff.

Sie blieb immer freundlich und sanft, und schien meiner und meines Heils wegen nicht in der mindesten Sorge zu sein.

Auch an den Herrnhutern reibt er sich:

Ich musste jedoch bemerken, dass die Brüder so wenig als Fräulein von Klettenberg mich für einen Christen wollten gelten lassen, was mich anfangs beunruhigte, nachher aber meine Neigung einigermaßen erkältete.

Nach langer Zeit kommt er der Differenz auf die Spur:

Was mich nämlich von der Brüdergemeine so wie von andern werten Christenseelen absonderte, war dasselbige, worüber die Kirche schon mehr als einmal in Spaltung geraten war. Ein Teil behauptete, dass die menschliche Natur durch den Sündenfall dergestalt verdorben sei, dass auch bis in ihren innersten Kern nicht das mindeste Gute an ihr zu finden, deshalb der Mensch auf seine eignen Kräfte durchaus Verzicht zu tun, und alles von der Gnade und ihrer Einwirkung zu erwarten habe. Der andere Teil gab zwar die erblichen Mängel der Menschen sehr gern zu, wollte aber der Natur inwendig noch einen gewissen Keim zugestehn, welcher, durch göttliche Gnade belebt, zu einem frohen Baume geistiger Glückseligkeit emporwachsen könne.

Diese Spaltungen, viele an der Zahl, finden sich zuhauf z.B. in Augustinus‘ Bekenntnissen, wo er mit mehr Hass als gegen Heiden gegen Manichäer, Arianer, Apollinaristen wettert und bei Antonius, der in den Wortes des Athanasius Meletianer, Manichäer und Arianer verflucht. Es ist wie zwischen der Judäischen Volksfront und der Volksfront von Judäa. Man stritt sich um ein Iota, das wesensähnlich (homoiousios) von wesensgleich (homoousios) unterscheidet.

Als Goethe seine Sicht der Dinge eröffnet, wird er Pelagianer geschimpft „und gerade zum Unglück der neueren Zeit wolle diese verderbliche Lehre wieder um sich greifen“.

Schedels Weltchronik bildet auf Blatt CXXXV Pelagius mit roter Kappe ab und nennt ihn einen „fast bösen Ketzer“:

Verlese ich das „fast“ oder verstehe ich’s nicht? Was sagt die lateinische Version? Da steht „heresiarcha pessimus“, wenn ich recht lese:

Im Wörterbuch finde ich pessimus als Superlativ von malus, das wäre dann ein „ganz böser Häretiker“.

Goethe schließt mit seinem bekannten Christentum zum Privatgebrauch:

Die Kluft, die mich von jener Lehre trennte, ward mir deutlich, ich musste also auch aus dieser Gesellschaft scheiden, und da mir meine Neigung zu den Heiligen Schriften sowie zu dem Stifter und den früheren Bekennern nicht geraubt werden konnte, so bildete ich mir ein Christentum zu meinem Privatgebrauch, und suchte dieses durch fleißiges Studium der Geschichte, und durch genaue Bemerkung derjenigen, die sich zu meinem Sinne hingeneigt hatten, zu begründen und aufzubauen.

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