Groß St. Martin

Im Herzen der Altstadt, wo den Abend wieder wüste Saufgelage stattfinden würden, nun aber Touristen streunten und halb in Weißschwarz, halb in Grünweiß gekleidete Fußballfans, behauptet sich Groß St. Martin.

Als ich vor einer Woche zu den Figuren an der Fassade des Rathausturms emporblickte, zog die Sonnenscheibe gerade durch schleirige Wolken. Die blasse Scheibe wechselte ihr Lumen und mit ihm ihre Größe ständig. Ihr Rand schien unbestimmt, sich ausdehnend und zusammenziehend mit der Größe der Pupille. Sie wurde vom vorüberziehenden Schmutz abgetönt, aber nicht einmal nahezu unsichtbar, und leuchtete wieder auf.

Am Rande des offenen Platzs entlang ging ich zu ihrem Turm hin. Ihr Charisma kommt vielleicht von ihrer unzeitgemäßen Massivität her. An den Rhythmus meiner Schritte kann ich mich heute nicht mehr erinnern. In der Mühlengasse taumelte ich an einer Wegscheide. Der gewählte Pfad durch ein Gebäude führte aber zu einer Oase, auf einen Rasen nördlich Groß St. Martin, ihren Namen durch eine quijoteske, kleine Bronzegruppe, den Bischof von Tours auf dem Pferd, seinen Mantel für den Bettler teilend, illustrierend.

Ebenfalls dort ein weißer Brunnen von Joachim Schürmann, entstanden vor fünfzig oder dreißig Jahren oder dazwischen. Auf dem Brunnenrand eine Schildkröte (龟).

Diesen Ort der Stille störte höchstens eine Fotocrew, die an der dicken Kirchmauer ausgelassene Sektlaune inszenierte. Das Darstellerpärchen trug heruntergekommene Festkleidung, neben dem Fotografen noch eine oder zwei weitere Personen, vermutlich eine Maskenbildnerin und eine Projektleiterin. Wirklich floß Sekt. Mangel an Fenstern verhinderte ein Bemerken durch innere Gläubige, welche wohl was dagegen gehabt haben könnten.

Ich langte 12.36 Uhr an der Seitentür an, öffnete sie und sah ein Schild aufgestellt: 12.30 Mittagsgebet, bitte die Kirche jetzt nicht besichtigen. Mein Blick hatte weiße Nonnen erfasst, die sich zum Rhein hin verneigten, hinter ihnen drei oder vier Laien in Alltagskleidung dito. Dazu Gesänge.

Eine Tafel neben der Kirche informiert über ihre jetzigen Damen und Herren. Die Onlineaussage „die ihnen seit April 2009 anvertraut wurde“ ist im Aushang ersetzt durch „die ihnen von Erzbischof Joachim Kardinal Meisner im April 2009 anvertraut wurde“.

Das Gebäude, welches mit der Kirche verbunden ist, bewohnen Brüder und Schwestern, ihre Namen der Klingeltafel nur aufgeklebt. Bei den Brüdern Vor- und Nachnamen aufgeführt, bei den Schwestern nur die Nach-. Sie kohabitieren nicht, der Eingang zu 11 führt weitest entfernt, nämlich gegenüber von 9, in dasselbe Haus hinein.

Fast alle Namen wirken französisch oder flämisch. Irgendwo heißt es, dass ihre erste Aufgabe sein wird, deutsch zu lernen.

Ob eine der Schwestern wirklich im Blumenladen am Heumarkt arbeitet, wie irgendwo gelesen, konnte ich nicht recht überprüfen. Hinter der Kundin stand die Patronin in weißer Bluse mit roter Blüte angeheftet festlich gekleidet an einem Donnerstag.

In der Kirche zwölf Kreuzwegstationsgemälde. Vor der abschließenden Kreuzigung die Nummer XI mit Frakturtext: „Jesus wird ans Kreuz geheftet“, welches auf dem Erdboden liegt.

In der Kirche eine bunte Grablegungsgruppe von 1509:

Auf dem staufischen Taufstein ein Bronzedeckel von Karl Matthäus Winter (lebt noch). Merkwürdig im goetheschen Sinn eine kleine Arche Noah, die sich in den Wassern spiegelt:

Bei dieser erneuten Besichtigung vorgestern schüchterte eine Nonne vor einem Schriftentisch ein. Mancherorts wurde diskret auf eine gerade laufende eucharistische Anbetung hingewiesen. Am Ausgang wählte ich, verdächtige voyeurshafte Kamera in der Hand, fast die falsche Tür, zur Sakristei, aus der gerade ein junger, hochgewachsener Mann, heuchlerisch huldvoll lächelnd, kam. Und befreit.

Am 12.06.2012 ludt Susanne Hengesbach vom Kölner Stadt-Anzeiger Renate Wetzel zum Kaffee ein und unterhält sich mit ihr:

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