Aléa Torik im LI 97

Vor ein paar Tagen erschien im (halte ihn für einen Brief) Lettre International Aléa Toriks Essay über David Foster Wallaces Unendlichen Spaß. Habe das Heft darauf im Bahnhofszeitungsladen eingesehen:

und Wirklichkeit und Behauptung fielen ineins.

11 Euro für 2 Seiten auszugeben war mir zuviel. Zum Glück führt die Stadtbücherei das großformatige Blatt und ich konnte mir Aléas Artikel auf vier DIN A4-Blätter kopieren. Die urheberrechtlichen Kosten sind nun entweder per meiner Jahresgebühr bei der Bibliothek abgegolten oder durch einen Anteil an den 40 Cents, welche mich die Kopien kosteten. Das Heft hat 140 Seiten, somit hätte ungebundlet eine Seite 11/140 = 8 Cents und zwei 16 gekostet.

Nun liegt mir ihr Essay also vor und mein Ziel ist ein Vergleich mit den hervorragenden vier Beiträgen, welche sie fürs Blog zu Blumenbachs US-Übersetzung geleistet hat.

Antagonismen prägten schon ihre Beiträge für KiWi: Chaos und Kosmos, Konzentration und Zerstreuung, Verschleierung und Enthüllung und Traum und Wirklichkeit. Wie sie im dritten schreibt: „anhand von Gegensatzpaaren Unendlichkeiten beschreiben“, transzendiert sie im Essay die Gegensatzpaare der Blogbeiträge und es erscheint wieder Unendlichkeit (ok, Logik verquer).

Im Essay lauten die Zwischenüberschriften LUSTVERSCHWÖRUNG, TOHUWABOHU und WEHRLOSIGKEIT, genauso kapital beginnt sie, aber unabgesetzt mit DAVID FOSTER WALLACE.

Zuerst, was mich immer wieder stört, ist die „Untiefe“, als unendliche Tiefe verstanden. Immer wieder stolpre ich drüber, weil ich sie als Seichte verstehe, als keine Tiefe, nicht als Untiefe wie in Unmenge. Keine unermessliche Tiefe, vor der ein schwimmendes Schiff nicht mehr Angst als vor einer weniger tiefen haben müsste, sondern Sandbänke. Aber es ist kein Anto-, sondern ein Antagonym, so Wikipedia. Muss man sich halt eine doppelte Deutung offenhalten, welche ja offen gestanden auch often gelingt.

Das Bild des Mobile hat mir schon vor drei Jahren sehr gefallen und ist hängen geblieben. Etwas, ein Wind, ein Weltgeist bewegt die hängenden Körper und lässt sie sich vor und zurück bewegen, immer an Fäden und Streben mit den anderen verbunden. Wie Planeten. So führt ein mobileartiges Erzählen von Dingen weg, die wir gern im Vordergrund behalten würden, von einer höheren Macht herbeigeführt, derer wir nicht Herr werden können. Unser Blick ist immer perspektivisch (sowieso), aber ihre Verkürzung geschieht wider Erwartung und Befriedigung. Einer rückt Dinge weg, wenn er Begreifen behindern will.

Transvestalinnen verstehe ich mit Google als Vestalinnen des Trans-, Hohepriesterinnen des Drag, Selbstüberhöhnis von Transvestiten simpel, keine weitere Schleife in der Geschlechterübergreifung.

Ein Thema, welches Aléa nicht loszulassen scheint, ist Schönheit. Warum ihre Leser auf sie selbst Schönheit projizieren, ist mir nicht einleuchtend. Gut, sie schreibt mal, man sage ihr nach, sie sähe nicht unpassabel aus, oder ähnlich schwach. Was ANH über ihre Begegnung schreibt, weiß ich an Wahrheitsgehalt nicht einzuschätzen. Auch ANHs Blick allein allerdings nicht, der sich mehr auf tertiäre Merkmale zu beschränken scheint wie hohe Absätze und eine Art emotionaler Unzivilisiertheit. Was ist Schönheit, sowieso? Ist Schönheit nicht eigentlich Abwesenheit, von Makel, von Hässlichkeit? Ist die Maske nicht eigentlich schön, wenn sie nichts Eigenes mehr durchschimmern lässt? Doch könnte man Schönheit nicht umgekehrt auch als Seichtheit definieren, als Äußeres, durch das ein Inneres unverfälscht durchschimmert? Haut, die nicht abhält, sondern ausdrückt. Lavater suchte Seelen in Gesichtern und schuf sich Feinde, im hässlichen Lichtenberg etwa. Für Thomas von Aquin ist nach Joyce Schönheit dreifaltig: ad pulcritudinem tria requiruntur, integritas, consonantia, claritas. Einheit, Zusammenklang und Klarheit. Wie Joelles Schönheit in dieser Hinsicht vernichtend wirken kann, ist mir höchst unklar.

Ist nicht eh ohne objektives Maß, ob was schön gefunden wird? Gibt es nicht persönliche Ekelgrenzen, wie angewachsene Ohrläppchen, Steffi Grafs Nase, Veronica Ferreses Gesicht usw.. Ein Kollege fand Victoria Abril schön. Oder war es Avril Lavigne? Oder Lavinia Wilson?

Interessant finde ich, dass das Gute, Wahre und Schöne, welches die von mir mal zu Unrecht Manieristin genannte Jungautorin im vierten Absatz nennt, später zu Schönheit, Freiheit und Wahrheit mutiert. Weil es keine Gutheit gibt?

Was mich fernher stört, ist das apodiktische – “ Das – und nur das -“ – Lob der Literatur fürs Leben. Schon mit achtzehn ist mir Watzlawick auf den Geist gegangen. Die Welt kommt supergut ohne Literarisierung aus. Das Triviale hat normal überhand, klar, dass Literaten ihr Erzählen existentiell überhöhen müssen, haben sie doch kaum eine Chance im Leben. Wer schreibt schon? Die meisten konsumieren bis zum Erbrechen, und die Welt dreht sich weiter.

Schlussspass: Rückbezieht man die einzelnen Absätze des Essays auf die Blogbeiträge 1 bis 4 und extrahiert demgemäß das 1. oder … bis hin zum 4. Wort aus dem Absatz, bildet sich ein Subtext:

3 3 2 2 3 3 3 4 3 1 2 1 4 1 2 3 4 1 2
Wallace ist bei drei offenbar thematisieren sich Gespräch wie die beiden die womöglich Zeit und alter kennt die nicht

welcher bedeutend raunt,

meint Holio.

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