Heisterbach

Caesarius erzählt in seinem Dialogus miraculorum 1, 17 „De conversione auctoris huius opusculi“ über seine Konversion zum zisterziensischen Mönchtum:

Eo tempore quo Rex Philippus primo vastavit Dioecesim Coloniensem, contigit me cum domino Gevardo Abbate de Monte sanctae Walburgis ire Coloniam. Et cum me in via cum multa instantia hortaretur ad conversionem, nec proficeret, retulit mihi visionem illam gloriosam Claraevallis, in qua legitur, quod quodam tempore messis, cum conventus in valle meteret, beata Dei genitrix virgo Maria et sancta Anna mater eius ac sancta Maria Magdalena de monte venientes, quodam viro sancto, qui stabat ex adverso, aspiciente, in vallem, eandem in magna claritate descenderunt, monachorum sudores terserunt, flabello manicarum suarum ventum admoverunt, et reliqua quae ibidem posita sunt. Sermone huius visionis in tantum motus fui, ut Abbati promitterem, me non venturum nisi ad eius domum gratia conversionis, si tamen Deus mihi inspiraret voluntatem. Astrictus tunc fueram voto peregrinationis ad sanctam Mariam Rupis Amatoris, quae maxime me retinuit. Qua post menses tres expleta, nullo amicorum meorum sciente, sola Dei misericordia me praeveniente et promovente, ad Vallem sancti Petri veni, et quod sermone concepi, novicius factus opere ostendi. Simile penc contigit fratri Gerlaco de Dinge, monacho nostro. NOVICIUS: Non erit inutile his qui adhuc in saeculo sunt, exempli gratia talia audire.

Wenn Caesarius 1199 ins Kloster Heisterbach eingetreten ist, dann muss die erste Verwüstung der Diözese Köln 1198 oder 99 stattgefunden haben. Urheber war vermutlich der Staufer Philipp von Schwaben, der Erzbischof Adolf von Köln feind war, welcher die Welfen unterstützte. Caesarius ging also mit Abt (von Heisterbach) Gevard vom Zisterzienserinnenkloster Walberberg nach Köln und wurde zum Eintritt ins Kloster belabert, ohne Erfolg, bis er von einer Vision in Clairvaux erzählt bekommt, wo den Mönchen bei ihrer Feldarbeit Maria, Anna und Maria Magdalena, drei Generationen einer weiblichen Dreifaltigkeit, erscheinen und Kühle zufächeln. Caesarius reizt das und er verspricht vorsichtig, falls er in ein Kloster eintreten würde, dann würde er es in seines tun. Noch hat er aber ein Gelübde abzuleisten, eine Wallfahrt nach Rocamadour in Frankreich, nach den Pyrenäen hin. Drei Monate später sagt er keinem seiner Freunde Bescheid, sondern geht allein nach Heisterbach und wird Novize.

Von Walberberg bis Köln sind es 17 km, das kann für Caesarius und Gevard in drei Stunden gelaufen sein. Von Köln bis Heisterbach sind es 40 km, das wäre ein Marsch von einem Arbeitstag, auch noch ohne Übernachtung machbar. Von Köln bis Rocamadour sind es 900 km, das geht vielleicht in 18 Tagen, wenn man unermüdlich ist, hin und zurück in drei Monaten ist es jedenfalls möglich.

Beim Verlassen des Hauses begegnete ich einer Nachbarin, die ich sonst angezogener im Bus gekannt hatte. Heute hatte sie nur schnell Brötchen geholt und war knapp bekleidet, wie vom Schlafen noch. Lebte ich nicht seit Jahren in guter Balance zölibatär, würde ich mich für sie zu interessieren beginen. So aber will ich mein eingerichtetes Leben keineswegs destabilisieren.

Im Zug nach Koblenz:

…der Mensch ohne
Gott,
ist wie ein Fisch
ohne Fahrrad!

Unterschrift unleserlich. Ein nicht gezeichnetes Din-A4-Blatt an der Hohenzollernbrücke klebend dagegen verlangte: „Lest die Bibel!“

Ein junges Backpackerpärchen aus Asien setzte sich an den beschriebenen Tisch. Die Frau eine offene Flasche Dom-Kölsch dabei, sie hielt sie hoch neben ihr strahlendes Gesicht, der Junge fotografierte. Sie sprachen angenehm leise. Als die Begleiterin die Toilette aufsuchte, legte der junge Mann seine bloßen Füße auf ihren Sitz, der mit ihrem Rucksack schon markiert war. Schließlich schlug sie einen Reiseführer auf: ヨーロッパ.

Durch Reggaemaster hindurch schlängelte ich mich in Niederdollendorf aus der Regionalbahn. Wo die Heisterbacher die Cäsariusstraße kreuzt (A), steht er:

Konzentriert schreibt er. Die Beine überkreuz, so dass seine großen Zehen nach außen zeigen:

An der Seite des C-förmigen Pults sind Stationen seines Schreibens abgebildet, er war Autor der Leben der Elisabeth und des Engelbert:

Geschaffen 1991 von Ernemann Sander, wie eine Signatur hinten auf dem Mantel zeigt:

Der Aufstieg nach Heisterbach streifte zwei Marienhäuserl, Häuserl B hat außer einem AVE im Schmiedegitter keinen Text, Häuserl C „Maria hat geholfen 1954“ und „DANK MARIA / 22.6.1983“:

Als es Stufen hinaufging, knutschte ein junges Paar, an dem ich blicklos vorüberging, und war froh, dass ich die Hose trug, die hochwassermäßig verkürzbar war. So traf der Schlamm, durch den ich quatschen musste im Wald, obwohl die Ebene bereits wieder trocken nach dem gestrigen starken Regen, nur die Schuhe, wo aus Plastik und an Gras, besser Klee abwischbar und vom nächsten Regen wundersam eh abgespült. Vor meinem Eintritt ins Kloster kurbelte ich freilich die Hosenbeine wieder herunter.

Unterwegs stieß ich auf ein steinernes Kreuz (D), das Meister Johannes Hindelang, Bäcker zu Heisterbach, 1724 hat aufrichten lassen:

Raumnot hat Kontraktionen erzwungen. Im Falle des Geehrten gleich zwei, was ein sechsbuchstabiges Wort auf Vierletternbreite bringt: das G umfängt das O und aus einem T ließen sich zwei machen, indem der Hochbalken einen zweiten serifenlosen Querbalken erhält und so semantisch passend ein Kreuz sich ergibt. Wage ich zuviel, wenn ich das GO als Backloch sehen will? Weitere Kontraktionen die Übereinanderschreibungen von T und Z in Creutz und A und N bei Joannes.

Eine Frau mit Hund kam mir entgegen. Sie ermahnte ihn: „Johanna, du sollst nicht immer so still sein. Du sollst mitgehen, hörst du nicht?“

Als ich um halb eins die ummauerte Klosteranlage erreichte, schlug ein Glockenspiel.

Inmitten der romantischen Chorruine ist eine weitere Bronze von Ernemann Sander aus dem Jahr 2006 aufgestellt, eine Schutzmantelmadonna:

Das Hellgepflasterte hielt ich für Wege und verbot mir ein Betreten des Rasens. Ein Fehler, denn es soll nur den ehemaligen Grundriss der Abtei visualisieren, lese ich jetzt. Eine sehr gebeulte Säule und ein barocker Fisch auf dem Trocknen:

An Cäsarius erinnert hier eine Inschrift von 1897:

Südwärts sind drei Teiche mit Enten und -grütze bedeckt, in die fleißig ein Bach plätschert. Drumherum führt ein Kreuzweg mit dunklen Mosaikbildern. Vierzehn Stationen zählte ich, bis er an einer neugotischen Kapelle mit erodiertem Wappen und verkommener Tür endet:

Oberhalb des Kreuzwegs ein eisernes Kreuz für Charlotte Gräfin zu Bentheim Tecklenberg, geb. d. 11. August 1800 zu Rheda, ge??. d. 30. ? 1831 zu Oberkassel.

Bereut hab ich, dass ich in der Kirche, wohl 1953 von Cellitinnen errichtet, nichts dokumentiert hab. Weil jetzt finde ich nichts dazu. Im 50er-Jahre-Style Glasfenster, die meinen Blick auffingen. Die Bahnen bestehen aus fünf Zeilen à vier Spalten. In der ersten ist eine Frau die Hauptperson, in der zweiten ein Mann. Ein Typoskript – nicht zum Mitnehmen! – erläutert die Motive. Da alle vier Zeilen eine Leerzeile eingeschaltet ist, kann eigentlich keine Verwechslung stattfinden. Ich versuchte die zweite Bahn – Augustinus – text- und bildmäßig abzugleichen. Es fiel schwer, weil z.B. ein Bild mit einem Buch, auf dem PLATO steht, sich an anderer Stelle befindet wie das Zitat mit den platonischen Schriften. (Jedem Motiv ist im Typoskript ein Zitat mit allgemeiner Werkangabe zugeordnet.) Das letzte Bild in der Bahn zeigt anachronistisch eine Weltkugel mit Längen- und Breitengraden, dazu einen Mann, der mit Federkiel auf ein langes Papierband schreibt. Im Typoskriptzitat zum letzten Bild ist jedoch nicht von der Welt, sondern von Gott die Rede. Mich beschleicht der Verdacht, dass die Fenster, nach Entwürfen von (leider nicht notiert) in der Werkstatt (auch nicht) gefertigt, vielleicht in falscher Reihenfolge angebracht wurden.

Spielverliebte Barocker haben das Baujahr des Portalhauses im Gruß „Friede allen Eintretenden und den wieder hierher Zurückkehrenden“ versteckt:

Ein wirkliches Rätsel ist es nicht, weil die Zahlbuchstaben herausragen. Zudem stand ANNO da, welches die Restauratoren aus welchem Grund auch immer schwarz übermalten, was es nun doch fast wieder zu einem Rätsel macht. In summa ergeben XCVIVII VVMXICDVI 123 + 1627 = 1750 und ebenso MC DL LL 1100 + 550 + 100.

Die Schauseite hat BENEDICTUS, sein strenges Regelbuch haltend, darauf den Becher, mit dem unzufriedene Mönche, die ihn erst zu ihrem Abt gewählt hatten, ihn nun durch eine Schlange symbolisiert vergiften wollten. Der andere ist BERNARDUS mit allein einem Kreuz, der Erneuerer der Benediktiner in Gestalt der Zisterzienser.

Nach einer Stunde verließ ich das Gebiet des Klosters, ohne wie der Mönch von dort Zeit zu verlieren. Ermattet von den vielen religiösen Darstellungen sah ich schon in Astlöchern Madonnen aus der Ferne:

Es begann zu regnen und als ich die Treppe wieder hinabstieg, waren die beiden noch immer am Knutschen (> 1,5 h). Das Mädchen wendete mir unsicher ihr Gesicht zu – vom Jungen sah ich nur den Hinterkopf – und ich billigte ihr Vor-/Vergehen nachsichtig lächelnd.

Nun tropfte Caesarius‘ Nase und von seiner Stirn rann Schweiß:

Von der Straßenbahnstation Oberdollendorf, keine 100 m von der Bahnstation Niederdollendorf entfernt, fuhr ich über Bonn Hbf zurück. Mein Time Management hatte verlangt, zuerst Heisterbach anzusteuern, um Walberberg evt. hintüberkippen zu lassen, doch fühlte ich mich wellnessmäßig fit genug, Walberberg noch mitzunehmen:

Strombergs heruntergekommene Capitolfiliale in Finsdorf ist mit dem Geld vom Dreh mittlerweile saniert und man dankt dem Herrn dafür:

Ich suchte die Kirche und hatte Probleme, weil ich den Turm, den ich aus der Straßenbahn noch gesehen hatte, nun hinter den Hausfassaden nirgends erspähen konnte. Eine Walburgisstraße erst führte auf die rechte Spur, nachdem ich an einem großzügig, modern und sauber ausgestatteten Supermarkt vorbeigekommen war, vor dem eine Halbwüchsige gelangweilt Eis leckte. Später kaufte ich dort eine Sprudelflasche, anscheinend war ich der einzige Kunde, der Filialleiter stand am Fenster mit der Kassiererin, besprach irgendwas auf der Straße und dirigierte mich dann resolut an die richtige Kasse. Zahlte 29 + 25 = 54 Cents, was vielleicht gemein ist für einen Gast aus der Großstadt.

Also fand ich irgendwann die Kirche Walburgis:

Walburga allerorten und in der Heiltumskammer die Reliquien:

In der Kirche zwei Reststücke romanischer Malerei um 1170, bei Renovierung 1987 entdeckt. Hier befand sich von 1197 bis 1447 ein bedeutendes Zisterzienserinnenkloster, von dem aus Caearius und Gevard sich 1198 oder 99 auf den Weg nach Köln machten. Später wurde die Anlage von Jesuiten übernommen, welches ich hierin zu erkennen meine:

Hier hab ich ein feines _ über dem n übersehen und gleich einen ortografischen Vehler fermutet:

Ging die Hauptstraße nordwärts, um zuletzt noch ein anderes Kloster aufzusuchen. Nicht die Dominikanerstraße nach Westen, sondern die nächste. Basilius Streithofen, Beichtvater von Helmut Kohl, hat hier geherrscht. Die Architektur ist seltsam:

Die Kirche wirkt trutzig:

Unter zwölf Aposteln hat sie ein Glaubensbekenntnis auf den Türen, von dem Rino Fisichella sich wünscht, dass die Gläubigen es auswendig lernten. Dachte eigentlich, das gehöre bereits in die Grundausbildung eines Christen. So sinken Standards. Meinte Stimmen von drinnen zu hören und ging nicht rein, weil sie nun in der Macht eines Hotels zu sein scheint. Dementsprechend beargwöhnten mich Männer auf dem Parkplatz.

In Walberberg wiederum das Leben:

Um zehn Uhr aufgebrochen, war ich 18 Uhr daheim, macht einen Arbeitstag.

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