Sanduhr

Ein Gedicht gelesen. Darf es naturgemäß hier nicht zitieren, will es dennoch interpretieren.

Zunächst wird die Frage gestellt, welche mit Thomas von Aquin in Verbindung gebracht und mit unendlich vielen beantwortet wird. Zuletzt läuft eine gespiegelte Frage auf Markus 5,9 heraus, was auch als unendlich viele gewertet wird. Inmitten bleibt es irdisch und wird gefragt, wie viele Singvögel auf eine Marmorfliese gehen. Die Anwort ist ein anders modifiziertes Vieles, nämlich ein verneintes.

Mir erscheint das Bild einer Sanduhr. Nur der Form halber, nicht der Bewegung. Im Himmel ein Unendliches, in der Unterwelt ebenso, aber auf der Erdoberfläche bleibt alles solide im Rahmen. Wenn auch nicht genau bestimmbar die Anzahl und fluktuierend, weil welche rein- oder raushüpfen. Über das Überirdische sind unendliche Spekulationen möglich, unter eine Unterwelt lässt sich auch kein Schlussstrich ziehen, nur dazwischen ist ein Raster, mit dem man realistisch rechnen kann.

So weit so schön das Gedicht, drei Strophen auf knappstem Raum, Th. v. Aquin und Markus 5,9 als Quellen nennend. Diesen nachgehend stoße ich erstaunlicherweise auf Einschränkungen ihrer Unendlichkeit.

Zunächst die Summa theologica, Teil 1, Frage 52, Artikel 3. Auf Anhieb scheint es, dass Thomas plures Engel an einem Ort erlaubt, zumindest mehrere, weil Engel keine Körper haben, die Raum einnehmen. Zuletzt aber verbietet er das Wirken von zwei Energien auf denselben Raumpunkt und daher kann nur ein Engel an einem Ort sein. Eine Nadelspitze kommt nicht vor und ich weiß nicht, wer diese Veranschaulichung erschaffen hat. Hat eine Nadelspitze eine noch so kleine Ausdehnung, lassen sich unendlich viele Engel drauf unterbringen, da die Menge der Örter dicht ist. Nur wenn man sie ausdehnungslos denkt, hat nur ein Engel Platz. Dazwischen gibt es, denke ich, nichts.

Zuletzt steht die Legion zwar für eine große Zahl. Aber Markus fährt fort, dass die Dämonen (der Geist, der im Besessenen steckt, outet sich als viele:

) in Säue fahren, sich wie Lemminge über eine Klippe ins Meer stürzen, und zuletzt wird ihre Zahl genannt, nämlich 2000.

Das schöne Gedicht fasst es konziser zusammen, besteht aus 12+9+17=38 Wörtern in 3 Strophen. Anders als Alban Nikolai Herbsts übermächtiges, aber symmetrisches Triptychon (bei 4:10) hat es eine schräge Gestalt:

(links ANH, rechts MHA)


UPDATE 28.07.2012

Eckermann berichtet am 14.04.1824 über ein Gespräch mit Goethe, wo der sagt:

Goethe sprach darauf über seine Gegner und dass dieses Geschlecht nie aussterbe. „Ihre Zahl ist Legion,“ sagte er, „doch ist es nicht unmöglich, sie einigermaßen zu klassifizieren.“

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