Lerche oder Nachtigall?

Am 26.09.1827 erzählt Eckermann von einer Spazierfahrt mit Goethe nach dem Ettersberg:

Der Tag war überaus schön und wir fuhren zeitig zum Jakobstore hinaus. Hinter Lützendorf, wo es stark bergan geht und wir nur Schritt fahren konnten, hatten wir zu allerlei Beobachtungen Gelegenheit. Goethe bemerkte rechts in den Hecken hinter dem Kammergut eine Menge Vögel und fragte mich, ob es Lerchen wären. – Du Großer und Lieber, dachte ich, der du die ganze Natur wie wenig andere durchforscht hast, in der Ornithologie scheinst du ein Kind zu sein.

Der 35-Jährige klärt den 78-Jährigen auf:

Es ist nicht in der Natur der Lerche, sich auf Büsche zu setzen. Die Feld- oder Himmelslerche steigt die Luft aufwärts und geht wieder zur Erde hinab, zieht auch wohl im Herbst scharenweis durch die Luft hin und wirft sich wiederum auf irgendein Stoppelfeld nieder, aber sie geht nicht auf Hecken und Gebüsche. Die Baumlerche dagegen liebt sich den Gipfel hoher Bäume, von wo aus sie singend in die Luft steigt und wieder auf ihren Baumgipfel herabfällt. Dann gibt es noch eine andere Lerche, die man in einsamen Gegenden an der Mittagsseite von Waldblößen antrifft und die einen sehr weichen, flötenartigen, doch etwas melancholischen Gesang hat. Sie hält sich nicht am Ettersberge auf, der ihr zu lebhaft und zu nahe von Menschen umwohnt ist; aber auch sie geht nicht in Gebüsche.

Man unterhält sich weiter über Mauser und Vogelzug und nun kommt die Nachtigall ins Spiel:

„So ist schon unter den Grasmücken, die doch zu einem Geschlecht gehören, ein großer Unterschied. Die klappernde Grasmücke oder das Müllerchen lässt sich schon Ende März bei uns hören; vierzehn Tage später kommt die schwarzköpfige oder der Mönch; sodann etwa nach einer Woche die Nachtigall, und erst ganz zu Ende April oder anfangs Mai die graue.“

Am 08.10.1827 erscheint sie erneut:

„So wird die Nachtigall“, fuhr ich fort, „zu den Grasmücken gezählt, während sie der Energie ihres Naturells, ihren Bewegungen und ihrer Lebensweise weit mehr Ähnlichkeit mit den Drosseln hat. Aber auch zu den Drosseln möchte ich sie nicht zählen. Sie ist ein Vogel, der zwischen beiden steht, ein Vogel für sich, so wie auch der Kuckuck ein Vogel für sich ist, mit so scharf ausgesprochener Individualität wie einer.“

Goethe kehrt zur Lerche zurück:

„Ebenso die Lerche. Sie steigt singen auf über einem Halmenfeld, sie schwebt über einem Meer von Halmen, das der Wind hin und her wiegt, und wo die eine Welle aussieht wie die andere; sie fährt wieder hinab zu ihren Jungen und trifft, ohne zu fehlen, den kleinen Fleck, wo sie ihr Nest hat. Alle diese äußeren Dinge liegen klar vor uns wie der Tag, aber ihr inneres geistiges Band ist uns verschlossen.“

Man wundert sich über den Kuckuck, wie er die Nester von insektenfressenden Vögeln herauserkennt, da diese sich doch an Größe, Farbe und Stimme so sehr unterscheiden. Dass sein Nachwuchs mit Kälte (Grasmückennest), Stickigkeit (Zaunkönignest), Feuchte (Bachstelznest) gleichermaßen klar kommt, obwohl der alte Kuckuck Nässe und Kälte gar nicht ab kann. Dass er so kleine Eier legt, der Regel widersprechend, dass je größere Vögel desto größere Eier legen. Goethe hofft: „Wäre uns mehr eröffnet, so würden wir auch diese scheinbaren Abweichungen wahrscheinlich im Umfange des Gesetzes finden.“ Mein Bruder hat mich einmal darauf hingewiesen, dass es falsch sei, die Natur teleologisch zu betrachten. Was wir vorfinden, hat sich nicht mit Absicht dorthin entwickelt, sondern zufällige Mutationen seien Darwins Auslese unterworfen und so gesiebt worden. Oder, wenn man die Natur unbedingt personifizieren will, sie würfelt. Und wie Goethe bei Eckermann unter dem letztgenannten Datum sagt: „Sie hat einen großen Etat von Leben zu vergeuden, und sie tut es gelegentlich ohne sonderliches Bedenken.“

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