Annahaupt

In Köln-Kalk hängt ein Plakat, das für die Annakirmes in Düren wirbt. Aber nebenbei auch für eine „Annaoktav“, was immer das ist, vielleicht ein Zeitraum von acht Tagen? Stellte sich raus, dass es was katholisch Kirchliches ist und die Kirmes begleitet, oder aber ihr vorausgegangen ist:

Also machte ich mich gestern um halb acht auf, den Programmpunkt „Hochamt und Erhebung des Annahauptes“ zu erleben. War vor neun in Düren und steuerte den ersten verfügbaren Kirchturm an, da es schon bimmelte:

Aber kein Mensch um die Kirche und das Geläut kam auch nicht von ihrem Turm, sondern woanders her. Hatte eine evangelische angesteuert. Der Turm der rechten war aber die Straße runter schon zu sehen, und später, dass zu ihr auch Menschen strömen:

500 bis 1000 Gläubige füllten, schätze ich, die große Kirchenhalle:

Sie ist modern und erst 1954 nach Zerstörung des Vorgängerbaus von Rudolf Schwarz errichtet. Die Löcher in der Wand sollen einen „stilisierten früchtetragenden Lebensbaum“ darstellen, lese ich in der vierseitigen, hautfarbenen A5-Broschüre „An die Besucher unserer Kirche“, die neben anderem ausliegt.

Er hat sieben Äste nach jeder Seite, jeder Ast trägt drei Früchte, bis auf den obersten, der nur zwei trägt. Macht summa 2 * (6 * 3 + 2) = 2 * (18 + 2) = 2 * 20 = 40 Stück Obst, der Rundheit halber als Äpfel zu vermuten.

Mit niedrigerer Decke schließt rechts vom Bildrand die in der Broschüre so genannte „Pilgerhalle“ an, die ich als asymmetrisches Seitenschiff bezeichnet hätte. In ihr steht der Annaschrein und neben ihm die gläserne Vitrine, die gleich den Kopf aufnehmen wird. Ebenfalls von Rudolf Schwarz ist die jetzige Kalker Kapelle in Köln, deren Außenmauer ein Christophorus von Hein Minkenberg schmückt von 1957 mit einem Fuß noch im Wasser:

Die Gläubigen erhoben sich, als ein ganzer Trupp Gewände Tragender hereinschritt, fast im Gänsemarsch. Einer trug ein Kreuz vor, manche Fahnen, etliche junge Ministrantinnen brachten mit Rot etwas Farbe ins Weiß, und viele alte Herren eilten im Gleichschritt zu ihrem sakralen Dienst, nach Weihrauch stinkend. Thema der Woche ist offenbar „Gottes Revolution mit uns“. Jeden Tag wird bei ihrer Revolution etwas anderes anfokussiert. Ach, zu schwer zu erklären. Der Priester begann ganz weltlich: „Gestern wurden die Olympischen Spiele eröffnet“ usw. usf.. Das Vortragekreuz war gleich wieder weggetragen und in der Pilgerhalle vor dem gittrigen Annaschrein abgestellt worden. Hinter dem Altar verbeugten sich drei alte Herren in weißen Überwürfen mit dem Rücken zur Gemeinde, der mittlere ein Weihrauchfass schwenkend. Anschließend auch frontal zur Gemeinde hin. Ich überschlug zehn weißgewandete Personen auf der Bühne.

Das Annahaupt, weißsilbern glänzend, wird aus dem Schrein geholt und auf eine dunkelerzene Säule rechts auf der Bühne gestellt. Unter es kommt ein Untersatz, der separat mit dem Haupt herbeigetragen wird. Die Vorbeitracht fand nur fünf Stuhlreihen entfernt von mir statt. Im Auge schien mir alles silbern zu sein, aber auf Fotos wird erst deutlich, dass wohl Silber mit Gold abwechselt. Kopf- und Brusttuch silbern, Gesicht und Krone golden.

Auf jedem Platz lag ein dickes, rotes Heft „GEBETE – LIEDER – TEXTE zur Anna-Verehrung in Düren“ mit einem schönen, dem Haupt und seinem Gesichtsausdruck sehr ähnlichen Holz- oder Linolschnitt auf dem Cover. Derselbe Schnitt auf dem Programmheft und als vergröbertes Initial A auch auf einem Stiftungsgeldwerbungsfaltblatt:

Aus dem Heft wurden die Lieder 85, 48, 66, 75 und 76 gesungen und das Gebet 1 gesprochen:

85 Den Herren will ich loben, es jauchzt in Gott mein Geist.
1 Herr, du Gott unserer Väter und Mütter, du hast Joachim und Anna erwählt, der Mutter deines menschgewordenen Sohnes das Leben zu schenken. Auf die Fürbitte dieser heiligen Eltern gib uns das Heil, dass du deinem Volk versprochen hast. Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn.
48 Ros‘ o schöne Ros‘ in Sankt Anne Schoß.
66 Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt.
75 Brot, das die Hoffnung nährt, Freude, die der Trauer wehrt, Lied, das die Welt umkreist, das die Welt umkreist.
76 Wenn wir das Leben teilen wie das täglich Brot, wenn alle, die uns sehen, wissen: Hier lebt Gott.

Das Heft ist handkorrigiert, es fällt auf, dass auf den Seiten 6 und 7 gleich zweimal Bräuche versehentlich als Bäuche geschrieben wurden, was angesichts der Korpulenz der Gläubigen, fast alle älter als ich, nachvollziehbar ist. Auf Seite 9 ist beim Relativsatz beim dass ein s zuviel, die Muter dagegen verkrüppelt. Auf Seite 16 fehlt nun wiederum ein s zum richtigen dass. Beim Lied 66 kommt das seit/seid-Problem zum Tragen. Im Text unter den Noten stimmt noch alles, doch im drunter abgedruckten „Alternativtext“ hat wer an allen Stellen seit statt seid geschrieben, was handschriftlich korrigiert ist.

Jemand las etwas vor und sprach den heidnischen Gott Ba’al aus, mit Innehalten am Apostroph: „dem Ba’al opfern“. Nicht gesungen wurde Lied 63, dessen dritte Strophe ich der anderen Religionen anstößigen Dreifaltigkeit halber interessant finde: „Lob sei dem Vater und dem Sohn, / dem Heilgen Geist auf gleichem Thron, / im Wesen einem Gott und Herren, / den wir in drei Personen ehren.“

Dann wurde was aus dem Matthäusevangelium vorgelesen, Mt 13,24 bis 30, wo Satan (der „Feind“) Unkraut zwischen den Weizen sät und Jesus sagt, jätet nicht, wartet bis zur Ernte. Vor der Lesung hat der vortragende Priester das Weihrauchfass ungefähr tausend-, nein zehnmal über sein heiliges Buch geschwenkt, um es zu reinigen. Danach sprach er tagesaktuell von der arabischen Rebellion und Syrien, eine Revolution, „die am Ende deutlich werden lässt, was Unkraut ist und was Weizen.“ In der Fürbitte verlangte er, „dass wir mitwirken an dieser Revolution der Liebe“. Btw. liegt vorm Annaschrein anscheinend ein Fürbittbuch aus. Über Anna meinte er via Maria noch, „ihre Eltern Anna und Joachim hatten Vertrauen zu Gott, das macht sie zu Heiligen.“

Eine kurzhaarige, blonde Solistin sang sehr schön vor dem Chor, der später einfiel, zu Streicherbegleitung, ich meine, was Lateinisches, wenn ich auch kaum ihren Sopran verstehen konnte. Alle sitzen derweil, nur drei Frauen stehen im Kirchenraum. Als später „Hosianna in excelsis“ gesungen wird, scheint mir das I verschluckt, ich hörte „Hosanna“. Mag aber an meinen schlechten Ohren liegen. Der Priester spricht von der „heiligen Mutter Anna“. Man könnte sie auch Großmutter nennen, je nachdem, ob man den Verehrungsfokus mehr auf Christus oder seine Mutter Maria legt. Hier anscheinend Maria. Als der zelebrierende Priester die Oblate hochhält, herrscht Totenstille in der Kirche.

Als Leib und Blut verteilt wurden, wurde klar, dass die Vielzahl von Konkubierenden, Konsekrierenden, nee: Konzelebrierenden Sinn macht. So konnten Brot und Wein schneller verteilt werden. Vor der Austeilung seines Beins und Bluts drückte ich mich freilich, wie ich auch bei den Liedern nicht gern mitgesungen hatte. Dito beim „Gebt Euch ein Zeichen der Versöhnung!“. Bei anderem konnte ich mich aber beteiligen, so dem Vaterunser, das mir noch flüssig von den Lippen sprang.

Ein zweites Motto – auf dem Programmheft heißt es: „Die Welt auf den Kopf gestellt – Gottes Revolution mit uns“ – will unsere Welt auf den Kopf stellen, was der Priester begrüßt: „Ja, stelle die Welt auf den Kopf!“, fordert er seinen Gott auf. Er wünscht sich, dass seine Gerechtigkeit herrsche. Zum Abschluss bittet er, „dass diese Woche zum Segen wird, für uns, für unsere Stadt …“.

Die Messe war nun zuende und die Verehrung des Hauptes freigegeben. Wie gesagt, war es von der Bühne wieder heruntergetragen und neben dem Schrein auf eine steinerne Säule gestellt worden. Die Gläubigen reihten sich in eine Schlange und schritten einzeln vorbei. Jeder legte eine Hand auf ihr Haupt, mancher murmelte ein Gebet, anderer verharrte andächtig, manche knicksten. Auf den Reif ihrer Krone steht „SANCTA ANNA ORA PRO NOBIS“ geschrieben, natürlich ANNA vorn auf der Stirn. Die Krone trug sie hier aber nicht, denn die Gläubigen wollten ihr ihre Hände ungehindert aufs Schädelhaupt legen. Hätte erwartet, dass man das integrierte „handtellergroße“ Schädelfragment, welches ein Ritter anno 1212 von einem Kreuzzug aus Bethlehem mitgebracht, sehen könne. Sah es aber nicht. Eine gewisse Unregelmäßigkeit war auf dem höchsten Punkt des Haupts zu sehen, aber weiß nix Gnaus.

Ein junger Steinmetz hat die Reliquie in Mainz gestohlen und nach Kornelimünster bei Aachen gebracht. Günter Krieger hat eine Liebesgeschichte drum gewoben. Seine Mutter soll ihn beredet haben, das wertvolle Stück den Franziskanern in Düren auszuliefern. Die wollten es Mainz zurückgeben, doch die Dürener Bürger wehrten sich. Eine Reliquie war ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Pilger kamen, aßen und übernachteten. Es wurde ein Rechtsstreit geführt, den Papst Julius II. 1506 weniger nach Recht, als nach Effekt entschied. In Mainz nämlich wäre der Knochen kaum verehrt worden, in Düren dagegen sehr. Also sei es nur recht, dass er in Düren verbleibe. Die Bulle complet kann ich nicht finden, nur Ausschnitte:

cum caput sancte Anne […] in ecclesia sancti Stephani Maguntinensis non tamen cum talibus honore et reverentia prout conveniebat diu conservatum fuisset…

Cunque in dicti oppido [nämlich Düren] et locis circumvicinis divulgatum foret dictum caput sancte Anne in eadem ecclesia parrochiali repositum esse, populi multitudo divina inspiratione (ut pio credendum est) mota magna cum devotione ad dictam ecclesiam parrochialem dicti oppidi confluxit causa venerandi dictum caput. Et cum aliquamdiu dictum caput, cum maxima reverentia et devotione ibidem conservatum foret et quotidie maior populi concursus ad ipsam parrochialem ecclesiam fieret multisque miraculis claresceret…

…caput predictum … in dicta ecclesia sancti Stephani multis annis conservatum fuisset, tamen miraculis non claruit, quod forsan inibi minus honorifice et ea qua decuit devotione non habebatur…

Nach erfolgter Verehrung setzte der wachhabende Priester dem Haupt die Krone wieder auf und verfrachtete es in eine Vitrine:

Als ich nach Ende der Veranstaltung draußen rumstromerte, strich ein Mann in weißem Hemd und schwarzer Hose vorbei und forderte mich auf: „Frühstücken, junger Mann!“ Hallo? Bin fast 50.

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