Gezelin

Eigentlich war ich mit Religiösem vom Vortag schon genugsam bedient gewesen, aber weil Sonntag just der Todestag des Gezelin war, musste noch Schlebusch dran glauben. Mein virtueller Weg hatte vom Annahaupt über den Text Annaoktav nach Oktav (Liturgie) geführt und dort zur Gezelin-Oktav als weiterem Beispiel.

Die ausgestopften Lämmchen, die Wasserfälle von Zindel, die pappenen Rosenstöcke und die einseitigen Strohhütten erregten in ihm liebliche dichterische Bilder uralter Schäferwelt. Sogar die in der Nähe hässlich erscheinenden Tänzerinnen waren ihm nicht immer zuwider, weil sie auf einem Brette mit der Vielgeliebten standen.

(Wilhelm Meisters Lehrjahre 1,15)

Gezelin soll ein Fürstensohn gewesen sein, der seine teure Herkunft aufgab, um als Schäfer zu wirken. Als er einmal ein Gelübde in Aachen zu erfüllen hatte, soll ein Engel an seiner Statt die Herde gehütet haben. Ob er zu den Zisterziensern gehörte, ist nicht ganz klar. Der Abt hat ihm wohl eine Kutte geschenkt, aber ob er ihn formell aufnahm, ist fraglich. Gestorben wollte er unter der Kirchendachrinne begraben werden, damit das Traufwasser seine verbliebenen Sünden abwasche. Die Legende wird im Sagenbuch des Preußischen Staats erzählt.

Gezelin im Dhünntal hot
Schafes Herde gegen Brot
Von dem Kloster Altenberg,
Welches damals war kein Zwerg.

Eines Sommers darrten Weiden.
Wer es konnte, ging vermeiden
Heißer Sonne Glutenbrand.
Jede Feuchte weit verschwand.

Gezelin im Gottvertrauen
Wagt, auf hohe Hilf zu bauen,
Stößt den Stecken einmal auf,
Schon springt Wasser auf darauf.

Seine Quelle sprudelt noch,
Nimmt heut andren Weg jedoch,
Kommt auf Knopfdruck aus dem Hahn
Und versiegt zum Wassersparn,

Aus der Mauer der Kapelle,
Die nur halb noch an der Stelle
Steht wie ehmals, weil Verkehr
Sich am Alten stört nicht sehr.

Selbst entsagte Gezelin
Grabort in der Kirche drin,
Wollte lieber unter Rinnen
Ruhen als im Kirchbau drinnen,

Welche Wasser von dem Dache
Runterführen um der Sache
Wegen, dass von Sünden sein
Es ihn wüsche nachtods rein.

Also dient der Dhünntalhirte,
Dessen Ruf bis Köln hin schwirrte,
Als ein Mustermann an Demut
Und wir ziehen unsren Hut.

Etel Adnan hat gesagt: „Wenn die Dürre das Tal erreicht, ersetzen Geschichten den Fluss.“ (Tag 50 im Documenta-Journal). Erinnert mich an die Maus Frederick, die den anderen Mäusen im Sommer als nichtsnutzig gilt, aber im Winter die eingesammelten Farben wieder auferstehen lassen kann.

Fast pilgermäßig war mein Ausflug insofern, als ich von der Endhaltestelle der Straßenbahn noch ein ganzes Stück zu gehen hatte, zunächst nach St. Andreas. Das Andreaskreuz kennzeichnet den Titelhelden:

Drinnen stellt ein Glasfenster Gezelin dar:

ST. GEZELINE ORA PRO NOBIS entziffere ich im Vokativ. Das Sankt ist aber falsch, denn er war höchstens selig. Im Vorraum liegt für 3 € ein Heft aus: Gezelinus, der Selige aus dem Dhüntal (sic) von Erich Läufer.

Dann soll diese Figur ihn sicher auch darstellen:

Ob das ein Glasfenster von Georg Meistermann ist? Jedenfalls ist es von außen durch Vergitterung gegen Diebstahl geschützt:

Die Dhünn entlang, die recht kräftig Wasser aus dem Bergischen führte, hinab durch einen Auwald. Rechts Streuobstwiesen, da liegt Schloss Morsbroich, wo gerade eine Veranstaltung war. Ich war zu weit westlich geraten, die Kapelle befindet sich an der vormaligen Kreuzung Opladener Straße, Alkenrather Straße:

Auf einem Mäuerchen vor der Quelle saßen zwei Frauen und ein Mann, von denen eine, als ich die Quelle fotografierte, aggressiv fragte: „Wat is, Geocaching?“ Kaum war ich angekommen, versiegte das Wasser, ließ sich mit der silbernen Klingel aber wieder zum Laufen bringen:

Ein Radfahrer strampelte hastig herbei und füllte eine Plastikflasche auf. Ein Vater ermunterte seinen Sohn: „Wasser ist das natürlich! Denkst du Limo? Bier?“

Gezelinkapelle, / im 15. Jahrhundert als Heiligenhäuschen / über der Gezelinquelle erwähnt, / 1659 Neubau, von Deutschordenskomtur / von Reuschenberg zu Morsbroich errichtet / (Wappen am Giebel). Weihe der jetzigen Kapelle 1868. / Ehemals Wallfahrtsstätte, / Jahrmärkte bis 1851.

Die Warnung KEIN TRINKWASSER (BU SU ICILMEZ) ist vielleicht ursprünglich rot gewesen, doch wörtlich vergilbt.

Im Innern kann man kaum was erkennen:

Eigentlich habe ich ein gutes Orientierungsvermögen, aber auf dem Rückweg verlief ich mich und irrte sogar im Kreis. Einmal floss die Dhünn laut rauschend über ein Wehr, aber in die falsche Richtung. Am Ende stand ich hier und wäre beinahe ins Feld hinein gegangen, ehe ich umkehrte. Wäre ich falsch weitergegangen, hätte es mich leicht nach Altenberg hinausgetragen. Dabei war die Erlösung, die Mülheimer Straße nämlich, doch so nah gewesen vor einer halben Stunde schon.

Ich hätte besser vom Wasser aus dem Hahn getrunken, da es gut gegen Augenleiden sein soll. Aber auch gegen Kinderkrankheiten, vielleicht ist wissenschaftlich nichts dahinter. Jedenfalls war mein Blutzucker anscheinend ins Bodenlose gesunken und ich bekam Symptome wie noch nie zuvor. Neben schwerfälligem Gehen, weil die Muskeln verkrampften und die Füße sich nicht mehr nach Willen bewegen ließen und daher schleiften, was aber ein bekanntes Symptom, sah ich Farben, was mich höchst irritierte. Überall war das Gesichtsfeld wie mit bunten Briefmarken beklebt, durch die transparent ich die Dinge sah. Das konnte der Boden sein, obwohl doch gar kein Herbst war, dann waren es aber auch Gesichter, was richtig komisch aussah und mich länger als nötig hinstarren ließ. Später vor dem Kölner Bahnhof war auch die graue Asphaltfläche ganz bunt, wie von einem Gerhard-Richter-Fenster beleuchtet. Und immer wieder die irritierende Buntheit in den Gesichtern. Obwohl ich da schon einen Schokoriegel gegessen hatte, der später allmählich alles wieder normal werden ließ. Derselbe Pixeleffekt bei Schriften. Ob ich aufs Handy guckte oder Straßenschilder las, immer war es, als seien bei Digitalanzeigen massig Segmente kaputt.

Alles in allem hat sich der Ausflug nicht so gelohnt. Die Atmosphäre in Schlebusch hat mich ungut an eine öde Kindheit nicht weit entfernt erinnert. Vielen alten Frauen bin ich dort begegnet, die sämtlich helle, lange Hosen trugen, keine einen Rock. Ob die Schwestern des Altenheims St. Elisabeth ein so rigoroses Regiment führen, oder aber sozialer Druck solche Uniform erzeugt, ich tendiere mal zum Zweiten. Deprimierendes Highlight des Dorflebens ist eine Karnickelschau vor sieben Wochen gewesen:

Zuletzt wieder daheim in der Großstadt Gezelin, wie er im Maternusportal des Kölner Doms abgebildet ist:

Erst die „dritte Archivolte“ falsch von außen nach innen gezählt und Lamm und Hirtenstab zu erkennen gemeint. Nur lässt sich die Unterschrift im Entwurf von Peter Fuchs keineswegs als den gesuchten Namen lesen. Daneben die Schriftzüge lassen sich jedoch grob als Gezelinus von Schlebusch lesen. Und so ist es der daneben Betende, die Augen zum Himmel erhoben, mit Bart und jesuslangen Haaren, neben dessen Fuß ein Krug steht, die erstochene Quelle symbolisierend.

Aus der mundartlichen Bezeichnung Jesselinespötz (Pötz = Brunnen) schließ ich mal auf eine Betonung auf der dritten Silbe: Gezelínus.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: