Vergangenes


Was geschah bisher?

Der Harfner berichtet, er habe „das Kind gefunden, eben beschäftigt, das Glas, woraus es getrunken, wieder voll zu gießen.“ Darin stecken gleich zwei Projektionen in die Vergangenheit. Weder kann der Harfner das Kind trinken noch es überhaupt gießen gesehen haben, da Felix später seiner Schwiegermutter in spe beichtet, seiner Unart gemäß direkt aus der Flasche getrunken zu haben. Also kann der Harfner höchstens das volle Glas und Felix die Flasche auf dem Tisch absetzend gesehen haben, solches als Standbild oder den Film ab da einsetzend, und das Vergangene hat er sich falsch zusammengereimt bzw. „-gereiht“, wie Goethe im dritten Kapitel des achten Buchs, d.i. HA, Bd. 7, S. 522, Z. 33 formuliert.

Der Arzt stellt fest, dass im Glase noch das hochgiftige Gift enthalten. Wäre der Harfner davon ausgegangen, dass Felix es geleert hat, wäre es nach Wiederauffüllen nur noch niedrig dosiert drin. „Sie fanden ein Glas Mandelmilch auf dem Tische stehen und eine Karaffine daneben, die über die Hälfte leer war.“

Vielleicht stimmen die Größenverhältnisse der Illustration nicht. Eine Karaffine ist eine kleine Karaffe. ich ging mal davon aus, dass sie zwei Gläser enthalte. Wäre das so, dann würde „über die Hälfte leer“ bedeuten, dass aus des Harfners Sicht Felix das ganze Glas ausgetrunken und nachgefüllt haben müsste. Dann dürfte kaum noch Gift drin sein, da der Harfner sein Gift nur ins Glas, nicht in die Karaffe gab. Der Arzt ist also auch überzeugt, dass Felix wohl aus der Flasche getrunken habe.

Wilhelm erwidert jedoch emotional, nein, er hat aus dem Glas getrunken, ich habe ihn gefragt und er hat es ausdrücklich versichert. Später erzählt der Knabe Natalie, seiner zukünftigen Stiefmutter: „Mutter Aurelie schlug mich immer auf die Finger, wenn ich nach der Karaffine griff, der Vater sah so bös aus, ich dachte, er würde mich schlagen.“ Aurelie schon war Pflegemutter, seine eigentliche die verkannte Mariane. Aber Wilhelm ist sein wahrer Vater.

Am Ende passen Ausgang und Aufklärung zusammen. Felix springt zu Beginn der Wanderjahre mit Wilhelm „von Granit zu Granit“. Und er hat, wenn auch es Männern gegenüber verleugnend, aus der Karaffine statt aus dem Glas getrunken.

Als ein wenig seltsam bleibt, von Goethes Effekthascherei abgesehen, übrig, dass der Harfner nichts von Felix‘ mangelnden Manieren habe wissen sollen. Haben sie doch viel Zeit, glaube ich, miteinander verbracht. Andererseits mag es durch des Harfners inneren Aufruhr verstehbar sein, dass er nicht nüchtern Felix‘ Verhaltensweise zugrunde legte, sondern sich selbst hineinprojizierte und er selbst hätte natürlich aus dem Glase getrunken, nicht nur der Tischsitte willen, sondern sogar seinem Plane gemäß, da er sich das Glas mit dem Gift versetzt hatte. Es überspringt hier eine negativ gewollte Handlung auf einen unschuldigen Dritten und lässt seine Aktion tingiert erscheinen, die ein nüchterner Aufklärer, mit solchen Fällen täglich umgehender Arzt, besser entschärfen kann.

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