Kall, Eifel

Wie damals wegen Christian Linder nach Nideggen heuer wegen Norbert Scheuer in Kall. Auslöser war ein Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger vor neun Tagen. Martin Oehlen besuchte und befragte Scheuer da.

Im Zug Vater und halbflügger Sohn nebeneinander der Restfamilie gegenüber. Fasziniert morphte ich das Gesicht des Jungen in das des Alten. Beide trugen Brillen, wenn auch keine gleichen, beide Bürstenhaarschnitt. Augen, Blick und Nasen stimmten, nur der Vater trug allein einen Schneuzer:

Faszinierend, weil ich just den Morgen den Mann von 50 Jahren zuende gelesen hatte, wo Vater gleichwie Sohn eine gleiche Schöne anhimmeln.

Entgegen meiner großstädtischen Skepsis war der Kaller REWE nicht zu übersehen. Gleich neben dem Bahnhof zieht er Leute en masse an. Wie IKEA thront er da. Ein großer Parkplatz vor ihm nimmt den zahlreichen Individualverkehr auf. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen, An- und Abfahren, als ich um halb elf arriviere. Die Cafeteria ist gut besucht. Das Wetter ist, wie es schöner nicht sein könnte. Tische und Stühle sind herausgestellt, aber auch drinnen sind alle Plätze voller Männer. Norbert Scheuer, ohne genau zu inspizieren, nicht entdeckt. Er arbeitet vielleicht gerade bei der Deutschen Telekom oder ist in Urlaub gefahren?

Sein Wohnort Keldenich liegt auf einem Hügel östlich von Kall. Die Straße führt durch einen bewaldeten Hang hinauf, steil genug, um Ohrendruck zu erzeugen.

Auf halber Höhe rechts ein Kreuz, von den Eheleuten Olligschläger und Fuß zu Ehren ihres Gottes 1805 aufgerichtet. Im weichen Sandstein sind noch Kronen und wegweisender Stern erkennbar.

Kurz vor der Höhe führt eine adrette Allee linkswärts zu einer Lourdeskapelle.

Das kreisrunde Mosaik zeigt ein bräunliches Herz von vier Rosen gegürtet mit Blätterpaaren dazwischen. Oben lodern Flammen aus ihm. Der innere Kreis weist 12 Punkte auf, der äußere 24. Im Tympanon ein M mit dreizackiger Krone drüber.

In der Kapelle düsteres Dunkel. Kaum ist der schmale Weg zwischen vier Reihen Kirchbänken zu ertasten hin zum Anbetungsort, welcher drei Frauen aufweist: Eine Madonna in der Felsengrotte, eine knieende Bernadette und ein zweidimensionales Mariengesicht unterhalb.

Ihre Maße schätze ich auf 3 mal 5 Meter mit einem halbrunden Ende nach Osten, zum Aufgang der Sonne hin. Ihr Erbauer, Ehrendechant Jakob Wolfgarten (1850 – 1934), 1891 bis 1931 dort wirkend, dem das größte Grabmal neben der Pfarrkirche gewidmet ist sowie eine Straße, soll ein großer Marienverehrer gewesen sein. Seine Täuflinge weiblichen Geschlechts sollen allesamt den zweiten Vornamen Maria erhalten haben.

Von der menschenleeren Kapellenumgebung steige ich den Resthügel hinauf zur trutzig sich gegen den Wind behauptenden Kirche St. Dionysius. Hinter ihr schafft ein Pulk rastloser Windräder schweigend Strom. Beim Aufstieg hatte die Glocke elf geschlagen, die Kirchturmuhr geht nicht fehl. Das Kreuz, welches man neben dem Baum sieht, ehrt Wolfgarten, und der Spruch „Gedenket Eurer Vorsteher, die Euch das Wort Gottes verkündigt haben.“ (Hebr 13,7) ist als Mahnung eingemeißelt.

Mein Interesse fand am Eingang der Kirche eine Grabplatte für Pfarrer Wilhelm Bungs. Mein drittes Chronogramm dieses Jahr nach Heisterbach und Siegburg!

Zentral eine fast freimaurerische Zeichnung. Ein Kelch, über dem eine Oblate schwebt, die eine Inschrift – H Kreuz IS lese ich, eher als anderes wie IHS – trägt, ist flankiert von zwei Kerzen, deren linke abgeknickt und erloschen ist, der Tod. Die rechte steht aufrecht und flammend, entzündet von einem längeren Strahl des Strahlenkranzes, der von der Oblate ausgeht.

Im Spruch links und rechts sind die Zahlbuchstaben hervorgehoben:

Mors te prostraVIt
CanDore beaVIt

Das sind MVI 1006 plus CDVI 606 = 1612. Eigentlich nicht die Zeit, wo das Mode war. Warte, über der Oblate haben wir noch CaeLI 151. 1612 + 151 = 1763. „Der Tod hat dich gefällt, mit Himmelsglanz erhellt?“

Makaber fast, zumindest morbide die drei Totenköpfe, einmal frontal mit gekreuzten Knochen drunter wie bei der Piratenflagge, dann in den Ecken noch mal von schräglinks und schrägrechts gesehen. Nicht fehlen darf eine tief eingegrabene Sanduhr, die uns ihr memento mori leise entgegenrieselt.

Heimatgefühl à la Liliput:

Die Ausstattung im Innern prächtig:

Zum ersten Mal begegnete mir der einverleibte Pelikan, Symbol ihres Herrn, der seine Brust aufhackt, um seine dürstenden Jungen mit seinem Blut zu füttern:

Der Kirchhof um die Kirche privilegiert und nur dünn besetzt. Reichlicher ein Friedhof außerhalb, an dem ich auf dem Ahornweg vorbeikam. Der Weg lief in schönstem Sonnenschein über die Höhe, eine sanfte Senkung ins Urfttal ließ sich bemerken. Rindviecher – weil eine Straße Brigidastraße heißt – sah ich nicht, nur zwei Pferde weit hinter großen Strohtrommeln grasen. Der Blick schwiff in die Ferne und blieb an drei Türmen der Steinfelder Basilika kleben, die in den Himmel streben:

Da hat der Volksheilige Hermann Joseph (1150 – 1241) residiert, welcher jugendlich in der Kölner Kirche St. Maria im Kapitol einer Madonnenstatue Äpfel feilgeboten haben soll und, oh Wunder!, wie lebendig habe Jesus zugegriffen. Wir berichteten drüber.

Wollte mich nicht nach Sötenich tragen lassen, sondern zu Kall zurückkehren. Lieber wäre ich durch die Sonne gegangen, aber musste in den Wald hinabtauchen. So ging ich das große Z vom Zickzack, manchmal sogar wieder aufwärts gehend, ohne je einen himmlischen Blick auf Kall hinab zu erhaschen. Immer waren Kiefern oder Fichten im Weg. Ging die gutgeebneten, schottrigen Wege hinab, wusste nicht, wo ich war, steuerte nach gusto Verzweigungen an. Am Ende kam heraus, dass ich Kall südlich vermieden und ähnlich herauskam, als wenn ich direkt am Saum des Waldes noch in der Sonne hinabgestiegen wäre, das herrliche Panorama der bewaldeten Höhen im scharfen Sonnenlicht mit paar weißen Wolken vor breiten Augen.

Nun denn, ich langte nach Bäumen über Bäumen, geschätzten tausend, immer steiler unten an, hörte Verkehr schon rauschen, da hielt ein Denkmal mich auf:

Ohne ’s Kreuz hätte’s mir als Motto solcher Ausflüge dienen können: Unsern Helden, den Schriftstellern.

Wollte mich nach Kall wenden, da fiel mir viel von der Kirche von Sötenich ins Auge. Da ich nun mal vom Literarischen zum penetranter Religiösen abgelenkt war, dachte ich, warum nicht auch das noch mitnehmen? Und nahm es mit.

St. Matthias ist nach Plänen des Trierers Alfons Leitl 1951 – 53 gebaut worden. Sie ist schlicht im Innern und soll innige Religiosität verkörpern.

Rechts, das wird der namengebende dreizehnte Apostel sein. Links die Frau mit rotem Turm und dreistrahligem Dreieck kenn ich nicht.

Entlang der Wand ein Kreuzweg, wie er minimalistischer kaum geht:

Die Kreuze sind tief, schmal, ausladend und aus dunklem Holz. Im Kreuzungspunkt tragen sie ihre Nummern in lateinischen Ziffern von I bis XIV. Wegen wenig Raum zwischen den Lampen sind sie im Zickzack aufgehängt, nein, in zwei Reihen, die zweite in die Zwischenräume der ersten versetzt. Die Stationen beginnen so wie so links oben und enden rechts unten.

Als ich hinabstieg, schlich eine Katze Am Spielberg Zum Elzenberg. Am Haus der CDU Kall in Sötenich hängt ein Jesus in der Luft, sowohl die Abbildung als auch der Abgebildete:

Nun die Urft entlang hinab nach Kall. Durchaus rauscht sie über Wehre, scheint mir aber zu seicht für Äschen.

Auch Wasser für eine Mühle kann kaum abgezweigt werden. Auf keinen Fall hier in Kall für eine wie in der 88. Betrachtung im Sinne der Wanderer:

Der Bach ist dem Müller befreundet, dem er nutzt, und er stürzt gern über die Räder; was hilft es ihm, gleichgültig durchs Tal hinzuschleichen?

Vielleicht ist die Kyll in Kyllburg stärker als die Urft in Urft? Gut möglich, da sie nicht ineinander münden, sondern erst kurz vor der Nordsee zueinander finden. Die Rhein-Maas-Scheide muss bei Scheven liegen, dem Höhenschnitt der Zugtrasse zufolge. Gleichermaßen findet sich der Dechentunnel bei Kyllburg, denn der vor Kall heißt Kaller.

Nach einer Windung mit Wildwiese drückt sich der Pfad zwischen Urft und Gleis hindurch und einem Sägewerk dahinter. Da wird die Quelle des Lärms, der den waldigen Abhang überschallt hatte, klar. Zwei Männer in Greiferbaggern heben Stammstücke von ihren Fuhren und lassen sie in einen Häcksler fallen. Das Jaulen der Hydraulik und des Häckslers Knattern und Rumpeln. 150.000 / 365 = 3000 / 7 = 431 Festmeter verarbeiten sie pro Tag, 431 / 24 = 18 pro Stunde, 0,3 pro Minute, so sie 24/7 arbeiteten. Rechnen wir christliche Arbeitszeiten, das Vierfache. Ein Zug summt vorbei.

Plötzlich kam ich überraschend von hinten an den REWE ran. Der Blutzucker war im Minus und meine Orientierung und Augenwahrnehmung bzw. deren Verarbeitung durchs Gehirn eingeschränkt. Dennoch fand ich das Regal mit den Süßigkeiten und griff zu einer weißen Schokolade. Besser wäre etwas schneller Wirkendes wie Traubenzucker gewesen, aber nach dem zu suchen fühlte ich mich nicht fit genug. Jedoch gelang mir an der Kasse exakt abgezähltes Geld auszuhändigen. Draußen im Freien wurde es wieder unsicherer, da gleich der Parkplatz begann und Menschen wie Maschinen durcheinanderfuhrwerkten. Drückte mich in einen freien Parkplatz und verspeiste die Riegel, auf baldige Besserung hoffend. Die setzte – bei Schokolade ist der massige Zucker mit Fett versetzt, was seine Aufnahme verzögert – erst eine halbe bis Stunde später ein.

Ich ging wieder zum Platz, an dem ich schon nach der Ankunft meine Brote und Äpfel verzehrt hatte. Erschreckenderweise kam die Hindenburgstraße entlang eine endlose Prozession von Schülern heran und strich an mir vorbei. Lachten sie, dachte ich, über mich. Ferner donnerten Autos und Busse auf der Landstraße, jedesmal die Nerven belastend.

Ich wankte zum Zug, der leider auch das Ziel der zahllosen Schüler war. Als ich einstieg, war er für Provinzverhältnisse schon voll. Als ich einen Regionalverkehrsplan mit Köln und Bonn drauf an der Decke kleben sah, kam er mir wie eine Straßenbahn vor und ich stieg lieber wieder aus. Schaute ins Notizheft, wo ich bei Ankunft die Abfahrtszeiten notiert hatte. X.06 der langsame, X.41 der schnelle. Zwei Mädels fragten mich, ob das der Zug nach Euskirchen sei. Es war der erste Schultag nach den Sommerferien. Ich antwortete: „Keine Ahnung.“, weil ich mir wirklich nicht sicher war. Aber es war 14 Uhr und ich stieg lieber wieder ein. Ich meinte jemanden meine „Keine Ahnung“ karikieren zu hören, blickte aber nicht hin. Für Norbert Scheuer hatte ich keinen Sinn mehr.

Die Regionalbahn fuhr sitzplatzmäßig hauptsächlich mit Schülern gefüllt ab und sprengte sie in ihre Dörfer aus. Dann rannen Fahrgäste zur nächsten Mulde Euskirchen ein. Zuletzt nach Köln sickerte nicht mehr viel am Nachmittag eines Mittwochs um fünfzehn Uhr.

Hatte keine Lektüre eingesteckt gehabt und war auf der Hinfahrt leselos, ging aber. Auf der Rückfahrt schmökerte ich in zwei Heften, die ich aus den Kirchen mitgenommen hatte:

Blandine Merten (1883 – 1918) wurde 1987 seliggesprochen, weil ein Wunder anerkannt wurde: 1985 habe die Steyler Missionsschwester Irimberta Puntigam ihre Fürbitte erfleht und sei wundersam von schwarzem Hautkrebs genesen. Wie will man diesen Kausalzusammenhang widerlegen?

Wilhelm aber wird nicht Priester, sondern Arzt. Jarno: „Willst du dich ernstlich dem göttlichsten aller Geschäfte widmen, ohne Wunder zu heilen und ohne Worte Wunder zu tun, so verwende ich mich für dich.“ Zugegeben Wund-, nicht Krebsarzt.

Ein schönes, schlichtes Kindergedicht wird zitiert, das sie ihre Nichte Edelburga gelehrt haben soll: „Du, mein Gott, bist hier zugegen, alles tu ich Deinetwegen. Meine Sünden sind mir leid, steh mir bei im letzten Streit!“

Die zweite Schrift ist von Werner Maria Klinkhammer, dem Beauftragten für die Marianische Priesterbewegung im Bistum Aachen. Seine Bemühung um Rekatholisierung gipfelt in der doppelten Feindbestimmung zum Rosenkranzgebet, „durch das das Christentum in Europa verschiedentlich bewahrt blieb vor seinem Untergang, z.B., in der Seeschlacht von Lepanto gegen die islamische Flotte im Jahre 1571 und 1683 vor Wien gegen das islamische Heer und bei vielen anderen Gelegenheiten.“ (Seite 12).

Neu war mir da die Interpretation der Europaflagge als Mariens Sternenkranz in Offb. 12,1. Der Konvertit Paul Lévi soll es dem Generalsekretär des Europarats, einem italienischen Christdemokraten, vorgeschlagen haben und der war begeistert.

Ebenfalls zwölf Stühle bevölkern den Taufraum von St. Matthias unter einem Bild vom Christophorus:

Der Ausflug kostete mich sieben Stunden und schenkte mir einen dritten Eifeleindruck nach Gerolstein und Bad Münstereifel im letzten Sommer, sowie ein drittes Chronogramm.

Eine Antwort to “Kall, Eifel”

  1. Fritz (@Fritz) Says:

    Habe ich gerne gelesen. Solche Tagebuchkunst ganz ohne jeden Anflug von Eitelkeit, dafür umso mehr von Präzision und Details geprägt, ist selten. Selten geworden.

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