Missliches Musizieren

Der Komponist selbst hätte seine Freude
daran gehabt, sein Werk auf eine so
liebevolle Weise entstellt zu sehen.

Eduard spielt nicht allzu gut Flöte. In Goethes Wahlverwandtschaften ist er in zweiter Ehe wie diese auch mit der vernünftigen Charlotte verheiratet, findet aber mehr Gefallen an deren wenig selbststarker, mehr anschmiegsamer Nichte Ottilie, bei deren Hahnenschrei er schon Platanen am See gepflanzt.

Zunächst hören wir Eduard im Duett mit seiner Gattin (1. Teil, 2. Kapitel):

Sie bat um Aufschub und wußte diesen Abend bei Eduard die Lust zu einer musikalischen Unterhaltung aufzuregen. Charlotte spielte sehr gut Klavier, Eduard nicht ebenso bequem die Flöte; denn ob er sich gleich zuzeiten viel Mühe gegeben hatte, so war ihm doch nicht die Geduld, die Ausdauer verliehen, die zur Ausbildung eines solchen Talentes gehört. Er führte deshalb seine Partie sehr ungleich aus, einige Stellen gut, nur vielleicht zu geschwind; bei andern wieder hielt er an, weil sie ihm nicht geläufig waren, und so wär es für jeden andern schwer gewesen, ein Duett mit ihm durchzubringen. Aber Charlotte wußte sich darein zu finden; sie hielt an und ließ sich wieder von ihm fortreißen und versah also die doppelte Pflicht eines guten Kapellmeisters und einer klugen Hausfrau, die im ganzen immer das Maß zu erhalten wissen, wenn auch die einzelnen Passagen nicht immer im Takt bleiben sollten.

Mit Ottilie gelingt es ihm leichter, denn sie hat sich zwar die Noten ausgeborgt, um zu üben, aber sich beim Üben doch Eduards Takt oder besser Taktlosigkeit anbequemt (1. Teil, 8. Kapitel):

An einem Abende, welcher der kleinen Gesellschaft durch einen lästigen Besuch zum Teil verloren gegangen, tat Eduard den Vorschlag, noch beisammen zu bleiben. Er fühlte sich aufgelegt, seine Flöte vorzunehmen, welche lange nicht an die Tagesordnung gekommen war. Charlotte suchte nach den Sonaten, die sie zusammen gewöhnlich auszuführen pflegten, und da sie nicht zu finden waren, gestand Ottilie nach einigem Zaudern, daß sie solche mit auf ihr Zimmer genommen.

»Und Sie können, Sie wollen mich auf dem Flügel begleiten?« rief Eduard, dem die Augen vor Freude glänzten. »Ich glaube wohl,« versetzte Ottilie, »daß es gehen wird.« Sie brachte die Noten herbei und setzte sich ans Klavier. Die Zuhörenden waren aufmerksam und überrascht, wie vollkommen Ottilie das Musikstück für sich selbst eingelernt hatte, aber noch mehr überrascht, wie sie es der Spielart Eduards anzupassen wußte. ›Anzupassen wußte‹ ist nicht der rechte Ausdruck; denn wenn es von Charlottens Geschicklichkeit und freiem Willen abhing, ihrem bald zögernden, bald voreilenden Gatten zuliebe hier anzuhalten, dort mitzugehen, so schien Ottilie, welche die Sonate von jenen einigemal spielen gehört, sie nur in dem Sinne eingelernt zu haben, wie jener sie begleitete. Sie hatte seine Mängel so zu den ihrigen gemacht, daß daraus wieder eine Art von lebendigem Ganzen entsprang, das sich zwar nicht taktgemäß bewegte, aber doch höchst angenehm und gefällig lautete. Der Komponist selbst hätte seine Freude daran gehabt, sein Werk auf eine so liebevolle Weise entstellt zu sehen.

Die anderen empfinden den Vortrag indes mit Missgenuss. Als Eduard gegenüber Ottilie über den Hauptmann lästert, wagt Ottilie einzustimmen (1. Teil, 13. Kapitel):

Als Eduard sich einst gegen Ottilien über den letztern beklagte, daß er als Freund und in einem solchen Verhältnisse nicht ganz aufrichtig handle, versetzte Ottilie unbedachtsam: »Es hat mir schon früher mißfallen, daß er nicht ganz redlich gegen Sie ist. Ich hörte ihn einmal zu Charlotten sagen: ›Wenn uns nur Eduard mit seiner Flötendudelei verschonte! Es kann daraus nichts werden und ist für die Zuhörer so lästig.‹ Sie können denken, wie mich das geschmerzt hat, da ich Sie so gern akkompagniere.«

Kaum hatte sie es gesagt, als ihr schon der Geist zuflüsterte, daß sie hätte schweigen sollen; aber es war heraus. Eduards Gesichtszüge verwandelten sich. Nie hatte ihn etwas mehr verdrossen; er war in seinen liebsten Forderungen angegriffen, er war sich eines kindlichen Strebens ohne die mindeste Anmaßung bewußt. Was ihn unterhielt, was ihn erfreute, sollte doch mit Schonung von Freunden behandelt werden. Er dachte nicht, wie schrecklich es für einen Dritten sei, sich die Ohren durch ein unzulängliches Talent verletzen zu lassen.

Ob das musikalische Thema durch den misstönenden Ehebruch hindurch weitergeführt wird, vermag ich noch nicht zu sagen. Stecke aktuell im 17. Kapitel des 1. Teils.


UPDATE 07.09.2012

Keine zwei Kapitel später hängt Eduard die Kränkung noch nach. Zu Mittler, der – nomen est omen – fürs Leben gern zwischen streitenden Parteien vermittelt, spricht er:

„Man hat mir nicht gerade ins Gesicht, aber doch wohl im Rücken den Vorwurf gemacht: ich pfusche, ich stümpere nur in den meisten Dingen. Es mag sein; aber ich hatte das noch nicht gefunden, worin ich mich als Meister zeigen kann. Ich will den sehen, der mich im Talent des Liebens übertrifft.“

Dann erst ganz am Ende wieder, diesmal ohne jede Erwähnung einer Disharmonie (2. Teil, 17. Kapitel):

Der Major begleitete mit der Violine das Klavierspiel Charlottens, so wie Eduards Flöte mit Ottiliens Behandlung des Saiteninstruments wieder wie vormals zusammentraf.

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