Grassgottesdienst

In der Trinitatiskirche hat Volker Neuhaus vorhin einen „Kulturgottesdienst“ gehalten mit Texten von Günter Grass. Den Rahmen bildete die von Anselm Weyer veranstaltete, gestrige Tagung „Von Katz und Maus und mea culpa“.

Bei Neuhaus hab ich mal Vorlesungen gehört, es ist fast zwanzig Jahre her. Erinnere mich an eine über Krimis – das Fräulein von Scudery kam oft vor und der Begriff Whodunnit -, und dass wir von ihm mal in eine Galerie geführt wurden, ich meine auf der Jülicher Straße, die Radierungen von Grass ausstellte.

So begab ich mich heute in den Filzengraben, wo die preußische Kirche, zum Kontrast mit den bereits bestehenden, als Basilika errichtet worden. Neuhaus lobte sie am Ende seiner Ausführungen als seine liebste in Köln und nannte drei vergleichbare in Deutschland, die ich vergessen habe.

Die Seitenwände der Kirche pflastern Grass‘ Grafiken. Es werden wohl um die dreißig sein. Drei stellen Kreuzigungen dar: einer Soloschnecke vor einem Weinberg von 1972, einer Ratte zwischen zwei sich aufrichtenden Mitratten von 1985 und eines Menschen zwischen zwei Auchgekreuzigten, einer kopfüber, von 2010.

Die Rattenkreuzigung haben sie auch noch mal vergrößert als Bildrolle aufgehängt.

Neuhaus hatte sich einen schwarzen Priesterkittel übergeworfen mit den zwei weißen Bändchen aus dem Kragen heraus. Im Programm wird er Prädikant genannt. Er hat sich sichtlich wohl gefühlt in dieser herausgehobenen Stellung. Bei der Orgelfantasie am Schluss seiner eineinhalbstündigen Predigt stand er stramm oben auf den drei schwarzen Stufen, mit weißen Blindenkanten versehen, und blickte den Kopf in den Nacken gelegt forsch in den weiten Raum vor ihm oder zur Orgel hin. Manchmal schwellte Stolz sichtbar hebend seine Brust. Überhaupt hat er mich ein wenig an Luther erinnert. Nach dem Schlusssegen schlägt er ein großes Kreuz, ernst wie ein Kind, stupst dabei das Mikrofon an.

Stühle waren in zwei Blöcken, acht Reihen à 7 ~= 110 aufgestellt. Zwanzig Frauen und fünfzehn Männer zählte ich. Für Zwischengender war mein Blick nicht fein genug.

Im Zentrum der Rosette befindet sich eine kleine weiße Taube auf Blau und drum zwölf Strahlen.

Der komplizierte Titel des Kulturgottesdienstes – „Gewalt, wer verbog die Sicherheitsnadel, Komm, wir spielen Kain und Abel, Vater unser, der du bist im Himmel“ – wurde als aus einem Gedicht von Grass von 1956 stammend aufgeklärt. Kirchenlieder sollen mit Bezug auf Grass ausgewählt worden sein, bei „Die Herrlichkeit der Erden“ von Andreas Gryphius, der gleich zweimal, so Neuhaus, in Grass‘ Werk vorkomme, nämlich im dritten Monat des Butt und im Treffen in Telgte, war es einleuchtend, beim einzig weiteren Lied 528 „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“ von Michael Franck 1652, das einfach das nachfolgende im Gesangbuch ist, gab es keine Erklärung.

Das Treffen in Telgte hab ich gelesen, gerne, und einen kleinen Roman über einen Zahnarzt, vielleicht Örtlich betäubt. Die großen Werke nicht und nicht einmal die Blechtrommel, sondern nur von Schlöndorff mit David und Heinz Bennent verfilmt gesehen. Der kaschubische Beginn mit dem Flüchtigen unterm Rock hat mich schon schockiert. Davids glaszerschmetterndes „Singen“ nach dem Trommeln fand ich auch destruktiv. Eine Logik der Handlung – wie kann jemand beschließen, nicht mehr zu wachsen, und es geschieht? – entging mir. Zurück.

Neuhaus begann: „Wir wollen beten“, und las das Gedicht vor, dem der Titel entnommen. Dann liest er Grass‘ Gedicht „Mein Schutzengel“ vor. Es folgt „Ehre sei Gott in der Höhe“.

Die erste Schriftlesung ist der Prediger Salomon 2, 4-25 von „Ich tat große Dinge: ich baute mir Häuser, ich pflanzte mir Weinberge.“ über „ich beschaffte mir Sänger und Sängerinnen und die Wonne der Menschen, Frauen in Menge“ bis „Denn wer kann fröhlich essen und genießen ohne ihn?“. Der zweite Teil des ersten Lieds wird gesungen. Dann Neuhaus: „Unsere zweite Schriftlesung steht beim Propheten Günter Grass in Ein weites Feld.“ Sie reichte von „Bruno Matull war einer jener wenigen Gemeindehirten, der auf…“ über „Priester, wo ist deine Perspektive?“ bis „Ach, wie bin ich froh, daß nur sowas rauskam und keine frommen Sprüche.“

Nun wurden die letzten Strophen von Gryphius‘ Lied gesungen. Für die Predigt ging Neuhaus von seinem Standort hinter Notenständer und Mikrofon in der Mitte zwischen Kanzel und Holzpult hinter letzteres. Beziehungsweise hat er sich zu Beginn der Liedpassagen jeweils in die Zuhörerstuhlgruppe gesetzt und ist genau eine Strophe vor Gesangsende, wie orchestriert, wieder nach vorn getreten. Gepredigt wurde über Paulus‘ Brief an die Römer 3, 10-20. Irrtümlich sagte Neuhaus das Kapitel als 7 an, vielleicht hat er seine Handschrift verlesen?

Der Predigttext schließt mit „Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.“ Neuhaus zielt darauf ab, dass für Grass die Sünde unabwendbar existiere, wogegen alle möglichen Heilsideologien eine Verbesserung der Menschen versprachen. „Der Mensch ist von unabänderlich krummem Holz.“ Dass der Menschen im Grunde genommen gut sei, wird verworfen. Zuviel werde ihm Verantwortung abgesprochen. Als ein Sechzigjähriger mal klagte, wie schwer er’s gegen die Rigidheit seines Vaters gehabt hatte, sei Grass herausgeplatzt, wenn auch nicht mit diesen Worten, es widere ihn an… Als Hochschullehrer stellt Neuhaus fest, dass sie bereits Einführungsveranstaltungen für die Eltern der Studenten veranstalten würden – wo ist die Bibliothek… -, damit die ihren Kindern helfen könnten. Mit solchen Polemiken hatte er die Schmunzler auf seiner Seite. Aber er kritisierte auch seine Gastgeber: „Dieser Ruf nach der Verantwortung scheint mir in weiten Teilen der evangelischen Predigt zu fehlen.“

Die pessimistische Botschaft der Bibel (Erbsünde) werde von Grass in seinen Werken immer wieder eindringlich verkündet. Wenn Luther und Melanchthon zwischen dem opus alienum und dem opus proprium unterscheiden, bleibe Grass ganz bei ersterem. Die Existenz des Bösen knüpft Neuhaus an Chesterton an. Auf seine unterhaltsame Art, an die ich mich aus den Vorlesungen erinnere, äfft er eine hohe Frauenstimme nach: „What makes you believe in God?“ und antwortet tief: „The devil, Ma’m, the devil.“ Seine Neigung zu U kommt darin zum Ausdruck, dass er über Chesterton bemerkt, dass heute höchstens noch sein Pfarrer Braun mit Ottfried Fischer fortlebe.

Die katholische Kirche habe neben … zu den eindringlichsten Prägungen seiner Jugend gehört. Neuhaus steigert sich zur Aussage hinauf, Grass, der mal Messdiener war, müsste noch in der Lage sein, eine vorkonziliare lateinische Messe fehlerfrei zu zelebrieren. Obwohl er über sich selbst sage, dass ab dem vierzehnten Lebensjahr an gläubiger Substanz so gut wie nichts geblieben war. In Düsseldorf-Rath, wo er Steinmetzpraktikant war, habe im Lehrlingsheim der Franziskaner Pater Stanislaus ihn bekehren wollen. Aus den Gesprächen mit ihm habe Grass ein solides theologisches Wissen geschöpft.

Viel kommt die Rättin vor, die des Menschen Ermächtigung beklagt:

Wir wissen und haben gelernt,
den Kürbis mit der Zwiebel, die Maus
mit der Katze zu paaren.
Zwei Gene hier-, vier Gene dorthin: wir manipulieren.
Was heißt schon Natur! Zu allem geschickt,
verbessern wir Gott.

Kurz exkurriert Neuhaus über den Grass genehmen, grasstypischen, von Grass gesuchten Doppelsinn von geschickt.

Neuhaus über Grass: „Wie der Prediger Paulus verkündigt er des Menschen Hinfälligkeit.“ Bringt Zitate: „Ich springe nicht gern. Wer springt, fällt in Gnade.“ (Mein Schutzengel). „Ich bin der Rufer in der Wüste.“ (Grimms Wörter). „Zu allem geschickt, verbessern wir Gott.“ (Die Rättin). Grass nennt sich selbst Agnostiker, nicht Atheist. N. referiert über das Gedicht „Drei Vaterunser“ über die Sanftmut.

Zuletzt fürbittet Neuhaus: „Wir bitten Dich für den Mitbruder Günter Grass und seine Frau, gib ihnen Kraft und schenke ihnen ein gutes Alter.“ Zuallerletzt dankt er dem Organisten, dem Organisator Anselm Weyer, der gleich hinter mir saß, weshalb ich mich nicht umdrehen wollte und sein Gesicht nicht in die Tafel meiner Erinnerung gegraben ist. Dann wünschte er allen noch einen schönen Sonntag, vom Wetter her „beschaulich“, und den Auswärtigen gute Heimfahrt.

Ich muss zugeben, wenn im Jahr 2017 Luthers Thesenanschlag begangen wird, wird mir voraussichtlich Volker Neuhaus auf den Altarstufen der Trinitatiskirche erstehen.


Typoskript von Annemarie Böll, ausgestellt in der Zentralbibliothek.

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