Besuch auf dem stillen Ort

Das 现代汉语词典 Wörterbuch des modernen Chinesisch erläutert 厕所 cèsuŏ so: 专供人大小便的地方 Ort speziell fürs große und kleine Geschäft der Menschen. 便 biàn ist bequem, zwanglos, 大便 dàbiàn die große (大) Erleichterung, 小便 xiăobiàn die kleine (小).

Auf der Arbeit sind die „großen“ Toiletten neuerdings verschlossen. Ich kam aus dem Urlaub wieder, wollte fäkalieren und stand dumm vor einem Schild draußen an der Tür, wo drauf stand, dass die Toiletten verschlossen sind, Schlüssel beim Vorgesetzten erfragen und nachher natürlich wieder abschließen und zurückbringen. Die äußere Tür ließ sich dennoch öffnen und die Pissoirs waren frei zugänglich. Immerhin, aber nichtsdestotrotz empfinde ich es als Einschränkung und auch Demütigung, wenn ich jemanden ansprechen muss, will ich die Arbeitsräume nicht bescheißen.

..–…—…

Ich hätte besser was zum Lesen mitgenommen. Es zieht sich. Zuviel Drücken ist auch nicht, nachher reißt das Trommelfell. Ein Kollege sorgte sich ob einer Verletzung am Nagelbett, ob er besser zum Arzt gehen solle. Wickelte das Pflaster ab, wies mir den Finger vor. Ich konnte kaum eine Wunde erkennen. Hatte vorher noch von Eiter gesprochen und dass bei einer Entzündung schon. Und konnte nun ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Gleich räumte er ein, dass er leichter Hypochonder sei und das nach ein paar Tagen aber auch wieder zurückginge. Nein, nicht die Verletzung, sondern die Hypochondrie. Ich hatte schon verstanden.

Die „Toiletten“ sind wegen übermäßigen Schmutzes abgeschlossen worden, zur Strafe wohl, denn wie sollte man mit Schlüsselerfordernis Schmutzverursacher ausfindig machen. Doch wohl nur, wenn Vorgesetzte nach jedem Stuhlgang kontrollierten😀 Ist es Strafe, müsste, wenn es nun sauberer wird, der Schlüsselzwang wieder aufgehoben werden und der Zyklus begänne von vorn. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Da gabs doch mal Fotos chinesischer Mauern, wo „Pinkeln verboten“ draufgesprüht war. Wie lange her, dass ich die gesehen hab? Ein Jahr? Zwei? „Kein Wildpinkeln“, würde man hier sagen. Apro, da war was in der Printlokalpresse (kanns online nicht finden), dass eine Frau sich an der Domfassade, ich glaube klein, erleichtert habe. Die Zeitung echauffierte sich, wohl ob des sakralen Charakters der Architektur, der „Inkarnation des himmlischen Jerusalem“, wie der Geistliche bei den Exequien von Gerda Millowitsch verkündete. Ich war in Begleitung meiner damaligen, 17 Jahre älteren Freundin dort, die eine Millowitsch kennt. Ob des Prunks ist sie von evangelisch nach katholisch gewechselt. Murmelte oft daheim hingerissen „Sanctus, sanctus, sanctus“ in den Raum. Las Hildegard von Bingens Scivias, glaube, wirklich und gründlich, und übersetzte erhaben tönend: „Wisse die Wege“. Seither habe ich eine gewisse Ehrfurcht vor Hildegard gewonnen.

Vorher war ich vor allem gegen evangelische Geistliche eingenommen gewesen. Weil die ihre Predigten so niveauarm ansetzten, uns die lächerlichsten Küchenweisheiten als Stein der Weisen verkaufen wollten, einen manchmal, hatte ich den Eindruck, auch einfach nur verarschen wollten. Oder halt wirklich unterdurchschnittlich schlau waren. Doch die Fleischwerdung in der Gestalt kalten Steins gab mir auch von katholischer Seite einfach den Rest.

Wie man klar zwischen Groß und Klein beim Geschäft unterscheiden kann, drängen die Medien immerzu auf Pro oder Contra. Dazwischen soll es nicht viel geben. Positiv kann mans scharfe Positionierung nennen, negativ Schwarz-Weiß-Denken. Bei Mo Yan (莫言) schlossen sie sich Berufsdissidenten an, die schimpften. Gut, Mo Yan HAT eine Passage aus Maos Yan’an-Rede, welche den Einsatz der Kulturschaffenden für die Revolution auf seiten der Massen forderte, zu einem Zeitpunkt, als der Lange Marsch die Kommunisten gerade in ein sicheres Hinterland geführt hatte, die Machtergreifung war alles andere als sicher und stand noch aus, dem 70-jährigen Jubiläum zu Ehren handschriftlich abgeschrieben. Er HAT auf der Frankfurter Buchmesse im Jahre 2009 das Podium verlassen, als X und Y es betraten, aber seine Verteidigung, dass er nicht als Privatperson, sondern Abgesandter einer offiziellen Abordnung dort gewesen sei, hat mich überzeugt. Wenn er heute die Medien überraschend seine Hoffnung auf Freilassung Liu Xiaobos äußert, müssen die Medien sich neu positionieren. Der Sprung von nur negativ nach nur positiv, fast die einzigen Positionen, welche die Medien kennen, ist natürlich ein großer.

oOOo Oo

Die Fugen da drüben könnte man mal mit der Zahnbürste ausschrubben.


UPDATE 14.10.2012

Mark Siemons zeigt Mo Yans Abschrift von Maos Rede.

Die Passage im Bild lautet:

立场问题。我们是站在无产阶级的和人民大众的立场。对于共产党员来说,也就是要站在党的立场,站在党性和党的政策的立场。在这个问题上,我们的文艺工作者中是否还有认识不正确或者认识不明确的呢?我看是有的。许多同志常常失掉了自己的正确的立场。

Das Problem des Standpunktes. Wir stehen auf dem Standpunkt der Volksmassen und des Proletariats, und die Genossen der Kommunistischen Partei stehen überdies noch auf dem Standpunkt der Partei, des Parteicharakters und der Parteipolitik. Ist nicht das Wissen unter unseren Schriftstellern von diesen Problemen noch ein unrichtiges oder unklares? Ich finde, dass es so ist: viele Genossen verlassen oft ihren richtigen Standpunkt.

Quellen: chin. / deutsch.

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