Wolf Haas‘ chinesische Passage

Im Literaturclub des Schweizer Fernsehens vom 16.10.2012 stellt Rainer Moritz Wolf Haas‘ Verteidigung der Missionarsstellung vor:

Wir haben später eine Szene in China, in Peking, in einem Restaurant, dann haben wir zwei Seiten eine chinesische Speisekarte, so darf ich vermuten, ich hab selber das nicht überprüft, es gibt Rezensenten, die das getan haben, das überprüft haben.

Fünf Minuten später:

Heidenreich: Aber Sie [Zweifel] sind doch immer der Fan von Übersetzungen. In der Mitte sind doch vier chinesische Seiten. Was hat er da geschrieben?
Zweifel: Also ich habe mich natürlich daran erinnert, dass Guillaume Apollinaire, der französische Vorsurrealist, der ist ja immer durch Paris gegangen und hat 1911/12 so die Speisekarten der Chinesen abgeschrieben, und ich hab da natürlich auch für mich natürlich an dieser Stelle halt eine eigene Geschichte erfunden. Was wir da so lesen, diese Zeichen, sind ja sehr schön.
Heidenreich: Herr Haas sagt in einem Interview, da beschreibt er seine eigene Liebesgeschichte, aber auf Chinesisch, damit es nicht jeder lesen kann.
Moritz: Liebe Elke Heidenreich, es gab einen Kritiker, der hat es seinem chinesischen Restaurantbetreiber vorgelegt, der es ihm dann übersetzen musste, und es kam was Ähnliches wie ne Speisekarte raus.
Heidenreich: Also er hat in nem Interview gesagt, aber naja.
Moritz: Man sollte von Wolf Haas nicht alles glauben.
Heidenreich: Nein, gar nichts sollte man ihm glauben.

Das machte mich neugierig. Vor der Wiederholung der Sendung am Sonntag, den 28. Oktober auf 3sat hatte ich von dem Buch entweder nichts gehört oder im Rauschen keine Notiz genommen.

Im Interview mit Christian Schachinger:

Haas: Was soll ich beispielsweise groß über China schreiben? Das ist doch gar nicht recherchierbar. Deshalb kippt der Text dann auch kurz einmal ins Chinesische. Die Unvermittelbarkeit einer fremden Kultur vermittelt sich dadurch besser.
STANDARD: Mein Chinesisch ist etwas eingerostet. Machen diese Passagen Sinn?
Haas: Ja, ja. Das ist ein richtiger Text. Der Roman ist aber auch ohne Rückübersetzung ins Deutsche verständlich. Betrachten Sie es als eventuelles Bonus-G’schichtl. Real erlebte Geschichten fügen sich ja oft ganz schlecht in einen Roman ein, erfundene funktionieren meist besser. Die chinesische Passage ist insofern die einzige tatsächlich erlebte Geschichte im Buch.

Und im Interview mit Kristina Pfoser:

Dass es ein paar chinesische Seiten gibt, hängt damit zusammen, dass ich notwendigerweise eine Szene in China ansiedeln musste, weil dort die Vogelgrippe ausgebrochen ist. Und mir war es höchst unangenehm, mir da irgendein Chinawissen anzulesen oder zu faken, man könnte diese exotische Stimmung sozusagen nachempfinden, und ich hab einfach was gesucht, was sozusagen von mir aus ehrlich ist, wo ich nichts vorgeb, was ich nicht bin, was aber trotzdem die Exotik einer fremden Kultur ideal vermittelt, und dann hab ich gedacht, na, wenn einfach die Erzählung einmal kurz ins Chinesische kippt, dann ist das eigentlich der stärkste Effekt.

Ivynettle war auf einer Lesung von Haas und berichtet, dass er die Passage nicht selbst liest, sondern aufgezeichnet abspielt und sie dann im deutschen Original liest. So kann sie den Inhalt wie folgt wiedergeben:

Haas schreibe zunächst darüber, wie er schnell diese Seiten füllen müsse, um sie dem Übersetzer zu geben. Er mag keine Reiseliteratur und knüpft daran eine Anekdote, wie er mal für eine Lesung in China war und einen Chinesen traf, der mit ihm auf der Universität gewesen war. Ein Chinese, der in Österreich Germanistik studiert und über Humor in den Werken Thomas Bernhards gearbeitet habe.

Sie fügt ein Foto der Seiten 146 und 147 bei, anhand dessen sich die Stimmigkeit überprüfen lässt. Und es ist natürlich wahr. Nichts von einer Speisekarte, Herr Moritz! Kein einziges Gericht wird erwähnt, nur ein Café kommt mal vor, aber keine Bestellung und kein Getränk.

Interessant fand ich, dass der Name Thomas Bernhard in der chinesischen Passage – zumindest bis Seite 147, anscheinend geht es auf 148 ja noch weiter und die hab ich nicht gesehen – nicht fällt. Sondern er wird als „österreichischer Autor, bekannt für seine Geschichten über Tod und Krankheit“ umschrieben. Nun fantasiere ich, da ich auf Wikipedia die chinesische Schreibweise seines Namens nachschlagen wollte, aber keine chinesischsprachige (Klickst du unter „in anderen Sprachen“ auf 中文, meist ganz unten) Version des Bernhard-Artikels vorliegt, dass es der Übersetzerin ebenso ging und sie sich möglicherweise mit der Paraphrasierung behalf, ohne dass Haas das weiß, ha ha.

Ungefähr steht da geschrieben, aber ohne jede Gewähr, weil mein Chinesisch zu schlecht ist (sorry, es ist absatzlos gesetzt):

Den Abschnitt oben habe ich zunächst nur geschrieben, um ihn von jemandem ins Chinesische übersetzen zu lassen. Der Inhalt ist wirklich ohne Belang, wichtig ist nur der Effekt. Anders gesagt, als ich schreibend die Schmerzen der beiden nach ihrer Infektion verfolgte, war das Treffen für die Übersetzung schon verabredet und erst eine Stunde davor hämmerte ich den Manuskriptteil, den sie übersetzen sollte, in den Computer. Weil der Übersetzerin mysteriöserweise das Leistenband gerissen war, konnten wir als Treffpunkt nur eine Ubahnstation ausmachen, worauf ich vorschlug, in ein Kaffeehaus zu gehen, dessen Tische draußen nur ein paar Meter vom Ausgang der Ubahnstation entfernt sind. Ausgerechnet in dieser Stunde vor dem Treffen kündigte sich ein Gewitter an. Weil es zu spät war, das Arrangement an einen überdachten Ort zu verlagern, und sie sonst denken würde, ich würde zu spät kommen, musste ich zwangsläufig schneller schreiben. Der Inhalt des Manuskripts war ja ohne Belang. Abgesehen davon, dass die Übersetzung ins Chinesische es zwar lesen, aber nicht verstehen lässt, hatte es keinen anderen Zweck. Deshalb schrieb ich besonders flüssig, ist ja klar. Die Erinnerung an jenen Taxifahrer wurde immer deutlicher und ich fand es schade, dass das über seine Geschichte Gesagte verloren gehen sollte. Im Ergebnis blieb dieser Abschnitt dann doch auf Deutsch stehen. So musste ich mich nun konzentrieren, mich zu einer größeren Weitschweifigkeit zwingen, platter plaudern, damit ich nicht ein zweites Mal etwas zurückzunehmen hätte. Aber wieder fand ich es zu schade, das produzierte Manuskriptstück auf Chinesisch ins Buch zu bringen. Also flocht ich wieder einen neuen Abschnitt ein, der abgesehen davon, dass er in eine Sprache übersetzt wird, die mir und der überwiegenden Mehrheit meiner Leser unverständlich ist, keinen anderen Nutzen hat. So konnte ich wieder und wieder zu keinem Ende kommen und geriet in ein Buch, das niemals endet. Und das ausgerechnet mir, der ich mich scheue dicke Bücher zu lesen. Ich finde, sie bestehen überwiegend aus Füllwörtern, die sie den Leser zu lesen zwingen und sind einfach zu exzessiv. Wie schön es auch geschrieben ist, wie reich die Handlung, unweigerlich bekomme ich die Empfindung, dass es Füllwörter sind, weil der Autor sich nicht kurz fassen kann, und das macht mich wütend. Das Zweite, was mir unerträglich ist, ist eine zu große Seitenzahl eines Buchs. An der Spitze der Umständlichkeit stehen Reisebücher, die exotische Länder und ihre Sitten beschreiben. Stimmt schon, es gibt herausragende Vertreter der Reiseliteratur, aber wenn ich die Kultur eines fremden Landes verstehen möchte, dann, bitte sehr! stürze man sich nicht in einen Mix literarischer Art. Etwas hat das auch mit einer Reise von mir zu tun. Ich habe früh schon angefangen, die Arroganz jener Touristen zu verachten, die meinen, fremde Kulturen zu begreifen. Schriftzeichen, die den Menschen unverständlich sind, haben einen großen Vorteil. Du kannst ganz hemmungslos alle Dinge schreiben, die du normalerweise dir selbst nicht zu schreiben gestattest. Deshalb füge ich hier eine kleine Episode aus meiner eigenen Reiseerfahrung ein. Einmal bin ich bislang in China gewesen. Ich wollte in ein paar chinesischen Städten aus meinen Werken lesen, fing mir aber am ersten Tag auf der Großen Mauer eine schwere Erkältung ein (ihr sollt wissen, dass vielgereiste, vielwissende Menschen nicht „Chinesische Mauer“ sagen, sondern „Große Mauer“), sodass bei den Lesungen meine Stimme rabenmäßig krächzte. Die österreichische Universitätsdozentin, die mich zu den Lesungen eingeladen hatte und mich bei der Besichtigung der Großen Mauer begleitete, hatte eine österreichische Studentin mitgebracht, die zur Hälfte chinesisches Blut hatte. Obwohl wir dicke Wintermäntel trugen und Fellmützen aufgesetzt hatten, wehte ein kalter Wind, der uns bis auf die Knochen frieren ließ. Die österreichische Dozentin übersetzte mir, dass dieser Wind geradewegs ohne Hindernis direkt aus Sibirien herwehe. Ich erinnere mich, dass als die Stärke des Winds oben auf der Mauer immer wilder wurde und die Touristen immer weniger, ich Todesangst verspürte, dass mein Leben am seidenen Faden hinge. Und das chinesische Mädchen, das von all dem ganz unberührt schien? Nachdem sie, ohne dass ihre Stimme gezittert hat und sie scheinbar beinahe fröhlich eine Stunde des brutalsten, eisigsten Winds ertragen hatte, sprach sie einen Satz. Einen Satz, der in meinem Kopf noch lange herumgegangen ist: „Ich denke, ich bin noch nie dem Augenblick, wo man … so nahe gewesen.“ Sie sagte es so ruhig und friedlich, dass es einen erstaunlichen Kontrast zum Inhalt bildete. Weil ich mich auf der Großen Mauer verkühlt hatte, las ich am nächsten Tag, als wenn meine Kehle brenne. Arme chinesische Studenten! – Ich stürmte so heiser durch ihre Lesung, dass sie vielleicht bis heute denken, dass das wundervolle Deutsch, das der Autor spricht, so krächzend und stets heiser gesprochen werden müsse. Tags darauf ereignete sich der unglaublichste Zufall meines Lebens. Als ich in Salzburg studierte, hatte ich einen chinesischen Studenten gekannt. Er studierte Germanistik und das Thema seiner Magisterarbeit war Humor im Werk eines österreichischen Schriftstellers, der berühmt für Geschichten über Tod und Krankheit ist. Weil wir unbeleckten Landeier die chinesische Sitte nicht kannten, den Nachnamen zuerst zu schreiben (das Seltsame war, dass es in unserem eigenen Dialekt ja genauso ist, und die ganze Schulzeit hindurch hatte man versucht uns diese Sitte abzugewöhnen), trugen wir ihn in Tabellen unter der Spalte „Vorname“ immer als Han (韩) ein. Wir wussten nicht, dass das sein Nachname ist und dass es in China nur wenige Familiennamen gibt. Weil alle Nase lang zwei den Familiennamen Han haben, nimmt man in der Praxis den Vornamen zur Unterscheidung her. Unser Kommilitone Han nahm das scheinbar ungerührt und sprach es nicht an, geduldig ertrug er, dass wir ihn Han nannten. Diese Nennung, fürchte ich, war nicht viel besser, als wenn wir ihn „Chinese“ genannt hätten. Jahr um Jahr verging und meine Erinnerung an ihn verblasste. Nur die Magisterarbeit über den Humor blieb tief in der Erinnerung sitzen. In einer Fremdsprache ist, fürchte ich, nichts schwerer zu verstehen als Humor.

Da stimmt vieles nicht, nehmt es eher als Wort-für-Wort-Übersetzung. Falsche Verbindungen ergeben kein logisches Ganzes. Immerhin mag es einen Eindruck verschaffen von dem, was verhandelt wird, was immerhin besser ist als es als Speisekarte zu verstehen.

4 Antworten to “Wolf Haas‘ chinesische Passage”

  1. marhin Says:

    Ganz scheint ja der Text nicht übersetzt zu sein.
    Es gibt noch eine Seite 148 und 149 auf der auch zwei englische Sätze auftauchen: „Misery man! That’s not me!“ und „I may one day be eternally happy!“

  2. Florian Marks Says:

    Vielen Dank für die Übersetzung! Darf ich diese in einer Arbeit verwenden? Ich würde mich über einen kurzen Kontakt per Email freuen!

  3. holio Says:

    Sehe Ihre Emailadresse nicht. Würde Sie sonst kontaktieren.

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