Schülerinnenaufsatz

2 zeigt einen Schüleraufsatz und bemerkt dazu: „Dieses kleine Mädchen, so jung an Jahren, und schon ganz den Drive einer Literatin…“. So sehe ich es auch. Das Alter der Schüler kann man vielleicht aus diesem Foto erkennen, ich nicht. Der Aufsatz also lautet so:

Ein kleines Holzschiff

Ich und Chen Ming waren gute Freunde. Eines Tages nahm ich das in der Handwerksgruppe gefertigte kleine Holzschiff heraus und spielte mit ihm. Chen Ming ließ es unvorsichtigerweise fallen und es ging kaputt. In der Auseinandersetzung machte Chen Ming es noch weiter kaputt und ich war äußerst wütend, warf sein kleines Holzschiff auf den Boden, zerbrach es und ging empört woanders hin.

Als ich ihn am nächsten Tag im Unterricht sah, grüßte ich ihn nicht, sondern vermied seinen Blick. Er schaute mich auch kühl an und ging in sich selbst versunken woanders hin. Ich dachte an mein kaputtes kleines Holzschiff, entschuldigte mich nicht bei ihm und wir zwei wetteiferten, wer zuerst den anderen anspreche.

Daraufhin war unsere Freundschaft zerbrochen, so wie Glas nicht den Wind aushält. Jedesmal, wenn der Unterricht aus war, wusste ich nicht, warum ich so wenig empfand. In meinem Herzen schwankte Luft hin und her, und immer wenn ich die Abendsonne sah, fand ich sie nicht so schön wie sonst. Vielleicht war es eine Illusion gewesen. Ich schüttelte mit erzwungenem Lächeln den Kopf und ging in die Abendsonne hinein nachhause…

Vielleicht war es wegen ihm! Wenn ich zum Unterricht ging, wurde ich immer geistesabwesender. Blöde schaute ich zu ihm hin, aber jedesmal, wenn mein Blick seinen traf, wendeten wir beide stumm unsere Köpfe voneinander ab und lauschten weiter dem Unterricht, nur dass niemand weiß, wohin unsere Herzen flogen. Immer saß ich vor dem Fenster und dachte an unsere frühere Geschichte, immer begann ich mit den Hausaufgaben erst, als Vater und Mutter schimpften…

Die Zeit war wirklich jämmerlich, sechs Jahre Grundschule vergingen schnell. Seit wir uns getrennt hatten, waren wir kalt zueinander gewesen und hatten kein Wort miteinander gesprochen. Als die Mittelschule begann, erinnerte ich mich oft an die schöne Zeit in der Grundschule und dachte auch oft an Chen Ming.

Zuletzt eines Tages, als ich in den Himmel sah, floss ein Tropfen eiskalter Tränen herab und die vier Silben Entschuldigung bildeten sich. Wir waren hochmütig und unwillig gewesen und wollten unseren Kopf nicht vor jemandem senken. Das Leben ist so in letzter Zeit, wenn man den Schatz erst versteht, besitzt man ihn längst nicht mehr.

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