Mo Yans Schnapsstadt

Das Taschenbuch des Nobelpreisträgers am 19. November in der inhabergeführten Qualitätsbuchhandlung Klaus Bittner erworben. „Sehr gerne“, erwiderte die junge Verkäuferin hinter der Ladentheke meinen Wunsch, dieses, welches ich in der Hand hielt, zu kaufen. In der Folge hörte ich dieses moderne „Sehr gerne“ oft, noch ein paar Mal selben Tags und später auch wieder. Auch konnte ich selbst nicht widerstehen und erwiderte ihre Frage, ob ich eine Tüte möchte, mit „Ja. Gerne“.

Wie ist der Titel 酒国 zu übersetzen? Peter Weber-Schäfer machte Schnapsstadt draus, der englische Übersetzer The Republic of Wine. Im Roman kommt die Stadt durchaus als Stadt vor (酒国市), aber 国 guó Staat deutet doch an, dass ein magischer Realismus sie in unsere profane Wirklichkeit hat fallen lassen mit eigenen Gesetzen vielleicht und anderen Sitten. Auf Seite 260 kommt der Roman selbst vor, den Weber-Schäfer hier inkonsistent Schnapsland übersetzt:

你说莫言那小子正在写《酒国》?

Schreibt dieser Schurke Mo Yan an seinem Roman Schnapsland?

Mir gefällt der Roman gut, weil er eine überbordende Fantasie verkörpert, die verschiedenste Bildungsbrocken legiert. Oft kommen klassische chinesische Topoi vor, so sind verführerische Frauen Fuchsgeister, der Affenschnaps wird aus Früchten gebrannt, welche Affen in den Bergen gesammelt haben: 女言此酒系山中猿猴采集百果酿成,世间难求…… (S. 276) und ist dementsprechend höchst selten, die gebratenen Knaben erinnern an die menschenähnliche Ginsengwurzel in der Reise nach dem Westen (西游记):

果子的模样,就如三朝未满的小孩相似,四肢俱全,五官咸备。人若有缘,得那果子闻了一闻,就活三百六十岁;吃一个,就活四万七千年。

The shape of the fruit was exactly that of a newborn infant not yet three days old, complete with the four limbs and the five senses. If a man had the good fortune of even smelling the fruit, he would live for three hundred and sixty years; if he ate one, he would reach his forty-seven thousandth year. (Anthony C. Yu)

Die schöne Schaustellerin lädt den bezauberten Dorfknaben ein, sie in der Grotte der Aprikosenblüte am Berg des Westwinds (西风山杏花洞) wiederzutreffen, ein Name ganz wie aus der Westreise, wo solche Berghöhlen Monster beherbergen, welche Satiren auf Menschen sind. Ob Li Yidous Weigerung, einen hohen Funktionär in der Zentralregierung zum Ortsvorsteher eines abgelegenen Bergdorfs zu degradieren (S. 234), Lu Xuns Tagebuch eines Verrückten (狂人日记) zitiert, weiß ich nicht. Oder ob der Schankjunge (S. 262) eine Anspielung auf Lu Xuns Erzählung Kong Yiji (孔乙己) ist, wo der Schankjunge ebenfalls zwölfjährig ist:

从前,咱这驴街上有一家酒店,雇了一个又干又瘦、年约十二岁左右的小伙计。 Es war einmal vor langer Zeit, da stellte ein Kneipenbesitzer hier in der Eselsgasse einen ausgemergelten Zwölfjährigen als Lehrling ein. (Mo Yan)

我从十二岁起,便在镇口的咸亨酒店里当伙计, Die Weinschenke, in der ich im Alter von zwölf Jahren als Kellner zu arbeiten begann, (Lu Xun)

Jedenfalls ist Lu Xun einer der Helden des Destillators und Möchtegernschriftstellers Li Yidou (sein Vorname bedeutet „ein Scheffel“ = 10 Liter). Die genannten Schriftsteller mal zu untersuchen, wäre es überhaupt wert. Lis Vorbilder sind Tolstoi, Gorki, Guo Moruo und Wang Meng, zumindest darin, dass sie ihren Beruf zugunsten der Schriftstellerei aufgegeben hätten. Lu Xun folgt wenige Schriftzeichen später.

Die Schaustellerin bietet ein Kunststück dar, sie pflanzt einen Pfirsischkern, begießt ihn und im Nu ist ein Baum draus enstanden, der wiederum Früchte trägt (S. 267). Die Geschichte ist von Pu Songling (蒲松龄) abgeschrieben, der die Anpflanzung eines Birnbaums (种梨) in seinen Wundersamen Geschichten aus der Studierstube der Muße (聊斋志异) hat. Mo Yan lässt seine Figur Li Yidou diese Herkunft thematisieren. Er ist nicht sicher, ob die Geschichte, die der Zwerg Yu Yichi (余一尺), dessen Namen Weber-Schäfer schön mit Yu Fußhoch übersetzt, von Pu Songling stammt oder aus den Berichten über Geister (搜神记) von Bao Gan (干宝). Andererseits erinnert die andere Version der Geschichte, diesmal mit einem Kürbiskern, wenige Seiten später (S. 273) aus den Denkwürdigkeiten der Schnapsstadt (酒国奇事录) abgeschrieben, ans Märchen Jack and the Beanstalk.

Aus dem 您是当今文坛的著名作家 „derzeit in literarischen Kreisen berühmten Schriftsteller“ Mo Yan machte Weber-Schäfer vorausschauend gleich einen „weltberühmten“ (S. 37), da hatte er den Nobelpreis noch gar nicht gewonnen.

*

1. Dezember

Damals halb gelesen, jetzt ganz.

Die Struktur des Romans ist verschachtelt: Zum einen erzählt Mo Yan die Geschichte eines Ermittlers Ding Gou’er. Die beginnt ganz ok, aber es endet in Sex & Crime und zuletzt ertrinkt Ding in einer Latrine. Diese Erzählungen des Ermittlers Ding Gou’er (“丁钩儿侦察记”, S. 483) spielen 1941 + 48 = 1989, denn er ist 1941 geboren (S. 22) und 48-jährig (S. 8). Der Roman Schnapsstadt ist 1992 in Taiwan erschienen. Dazwischen ist ein Briefwechsel geschaltet zwischen Li Yidou, einem Nachwuchsschriftsteller in der Schnapsstadt, und Mo Yan in Peking, dem etablierten Autor, berühmt durch sein verfilmtes Buch Das rote Kornfeld. Li bittet Mo, seine Geschichten, die er ihm schickt, in der Zeitschrift „Volksliteratur“ (《国民文学》) unterzubringen. Das klappt nicht, aber wir erfahren die neun Geschichten, sie sind in den Roman aufgenommen. So geht es neun von zehn Kapiteln lang, bis im letzten Mo Yan sich nach der Schnapsstadt aufmacht und Li trifft. Er versinkt dann selbst im Suff. Li, der aufstrebende Schriftsteller, ist mittlerweile zur Enttäuschung des Lesers von der Stadt für Öffentlichkeitsarbeit angestellt worden und macht Werbung fürs Erste Internationale Affenschnaps-Festival, welches Jiuguo international bekannt machen soll und natürlich im Oktober, dem Monat des Oktoberfests stattfinden wird. Einmal schleimt er wie ein Manager:

我知道莫言老师是宁静淡泊的人。 Mo Yan scheut das Rampenlicht. Er zieht Ruhe und Frieden vor.

Oder er verkündet Propaganda, worüber die anderen lachen:

酒国不单出美酒,还出美女。西施和王昭君的娘都是酒国人。 Göttlicher Schnaps ist nicht das Einzige, wofür Jiuguo berühmt ist. Die Mütter der berühmten Kurtisanen Xi Shi und Wang Zhaojun stammten beide aus Jiuguo.

Li Yidous Geschichten sind folgende:

Kapitel Seite Titel
1.4 42 Alkohol
2.4 92 Fleischkind
3.3 142 Wunderkind
4.4 198 Eselsgasse
5.4 257 Yichi, der Held
6.3 302 Kochstunde
7.4 364 Schwalbenjagd
8.3 396 Affenschnaps
9.2 452 Die Schnapsstadt

Li sucht noch seinen Stil, seinen Weg zum Erfolg. Zur Erzählung Alkohol (酒精) habe er sich vom Film Das rote Kornfeld (红高粱) inspirieren lassen. Beim Fleischkind (肉孩) orientiere er sich am „grausamen Realismus“ (严酷现实主义). Beim Wunderkind (神童) am „dämonischen Realismus“ (妖精现实主义). Für die Eselsgasse (驴街) habe er „auf Vorlagen aus dem Gebiet der volkstümlichen Heldenliteratur (武侠小说) zurückgegriffen“ (Ü: Weber-Schäfer). Wuxia-Romane (武侠小说) sind fantastische Kung-Fu-Romane. Mo Yan erwähnt in seiner Antwort die Bestsellerautoren Jin Yong (金庸) und Gu Long (古龙). Yichi, der Held (一尺英豪) sei eine „dokumentarische Erzählung“ (纪实小说). Die Kochstunde (烹饪课) orientiere sich an der „neorealistischen Schule“ (新写实主义). Bei der Schwalbenjagd (采燕) habe er sich aller Sozialkritik (干预社会) enthalten, die seiner Vermutung nach bisher eine Veröffentlichung verhindert hätte. Sie nun spiele „fern von der Politik und fern von der Hauptstadt“ (这是一篇远离政治、远离首都的小说). Mo Yans Meinung nach ist Schwalbenjagd noch immer zu politisch, deshalb versucht Li beim Affenschnaps (猿酒), „seine Leidenschaft besser zu zügeln“. Seine letzte Erzählung Die Schnapsstadt (酒城) stehe unter einem guten Omen, da sie seine neunte (九 jiŭ neun) sei, seine Glückszahl, und gleichlautend mit dem Schnaps im Titel (酒 jiŭ alkoholische Getränke).

Ein Hinweis: Auf Seite 394 arbeitet Li gerade an einer Erzählung Unsterblicher des Weins (酒仙), nicht am Affenschnaps (猿酒), die er dem Brief ja schon beilegt.

Im Taschenbuch im Unionsverlag endet der Abschnitt 10.4 mit „Er [Mo Yan] will aufstehen, um sie [Bürgermeisterin Wang] zu begrüßen, aber bei dem Versuch fällt er ohne jeden Anflug von Grazie unter den Tisch.“ und es folgt ein Abschnitt 10.5 mit einem 7 ½ Seiten langen Bewusstseinsstrom. Darin gibt es einen Nukleus für den ganzen Roman, nämlich:

der Funktionär aus der Provinz war ein ungebildeter Alkoholiker ohne jede Kultur er hat Kreisvorsteher Song zum Trinken gezwungen er ist an seinem Tod schuld Kreisvorsteher Songs Frau war meine Grundschullehrerin das Gericht hat den Fall niedergeschlagen und erklärt er habe den Tod verdient er hätte nicht so viel trinken sollen er sei selbst schuld daran gewesen meine Lehrerin sagte Mo Yan du bist ein bekannter Schriftsteller schreib einen Artikel für die Zeitung berichte über den Fall und prangere die Ungerechtigkeit an Funktionäre schützen sich immer gegenseitig dieser Fall wird nie vor Gericht verhandelt werden außerdem ist er sowieso schon tot (S. 507)

Dieser letzte Abschnitt fehlt in der chinesischen Ausgabe, die im Netz zu finden ist, stattdessen geht dort der Abschnitt 10.4 noch ein wenig weiter:

Unter dem Tisch hörte er Vizebürgermeisterin Wang laut und deutlich sagen:

„Wie, ein großer Schriftsteller? Er will sich verstecken? Verstecken gilt nicht, zieht ihn raus, damit er trinkt. Trinkt er nicht, juckt es mich, ihm einzuflößen.“

Zwei kräftige Arme zogen ihn unter dem Tisch hervor. Er sah, dass Vizebürgermeisterin Wang Jadehände ganz wie rose Lotoswurzeln hatte, die in einer großen Schale aus grobem Porzellan endeten, gefüllt mit dickem Weinbrei. Sie hielt die Schale vor sein Gesicht und sagte kämpferisch:

„Ex!“

Mo Yan blieb nichts übrig, als seinen Mund weit zu öffnen und sich von Vizebürgermeisterin Wang, die einem taostischen Unsterblichen glich, vollschütten zu lassen. Er hörte den Klang des Weins, wie er seine Kehle hinabfloss, roch den Fleischgeruch von den Armen der Vizebürgermeisterin Wang und war plötzlich voller Dankbarkeit für sie. Unaufhaltsam strömten Tränen aus seinen Augen.

„Schriftsteller, wie?“, fragte Vizebürgermeisterin Wang, ihn zärtlich ansehend.

Die Gefühlsaufwallung unterdrückend kam aus seiner Kehle zitternd:

„Ich scheine verliebt zu sein!“

September 1989 bis Februar 1992.
Geschrieben in Peking und Gaomi.
November 1999 in Peking überarbeitet.

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