Ist Kultur übersetzbar?

Die Stadt steht im Sternbild des Weihnachtseinkäufers:

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Das Event wird im Sancta-Clara-Keller stattfinden. Musste Kollegen nach der heiligen Klara fragen. Zwei identifizierten sie als Schwester des heiligen Franziskus, Stifterin des Klarissenordens. Und Abraham a Sancta Clara spukte mir im Kopf, obwohl ich nie was von ihm gelesen hab.

Der Keller soll bis zur Säkularisation zum Klarissenkloster drüber gehört haben, daher der prätentiöse Name. Er ist zweischiffig mit geziegelten Tonnengewölben. Zwischen ihnen ruht die Last auf vier viereckigen Säulen. Die Wände sind anders als die Gewölbe aus Bruchsteinen in sandigem Mörtel gebildet, unverputzt.

Wir saßen auf Plexiglasstühlen auf bloßem Boden, doch der schwere Tisch stand auf einem Teppich und hinter ihm drei Lehnstühle. Drei leere Gläser luden die Redner ein. Den Büchertisch am Eingang hatte die Lengfeld’sche Buchhandlung aufgebaut.

Prognose

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Lewitscharoff wird pro Weltliteratur sprechen, dass Kultur allgemein menschlich und verständlich sei. Die beiden Übersetzer werden dann von einzelnen Übersetzungsproblemen berichten. Ob Lewitscharoffs Werk einen Absprungpunkt aufweist, tagesaktuell das Nikolausfest als Aufhänger zu nehmen?

Wirklichkeit

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Lewitscharoff kam und setzte sich auf einen Zuschauerstuhl, um den Raum auf sich wirken zu lassen. Nach einer Denkpause ließen sich ihre Übersetzer ebenfalls nieder, respektvoll eine Reihe dahinter. Nach wenigen Minuten stand Lewitscharoff wieder auf und die drei setzten sich hinter den schweren Eichentisch. Die Einladerin, deren Namen ich nicht verstand, da sie zu schnell sprach, stellte am Pult ihre Organisation Morphomata vor, deren Namen ich weder je gehört hab noch mir merken kann. Es scheint eine Art Studentenaustauschprojekt international zu sein. Sie bedankte sich, und das klang ehrlich, für fruchtbare Gespräche mit Lewitscharoff in den vergangenen Tagen. Natürlich erwähnte sie den Löwen vor Blumenbergs Schreibtisch. Die Zuhörerschaft hielt sich in Grenzen, es waren vielleicht 30, die meisten davon jüngere Semester und ein paar ältere Paare.

Isa Baricco ist Übersetzerin ins argentinische Spanisch. Sie ist in Buenos Aires geboren und lebt in Berlin. Sie hat Jelinek übersetzt und Lukas Bärfuß. Außerdem sei sie „Filmphilologin“, so Lewitscharoff. Einmal sprach sie über Übersetzungsrechte, das hab ich nicht ganz verstanden, zumal sie schnell sprach. Ob sie forderte, dass auch argentinische Verlage die umfassenden spanischen Rechte erwerben können sollten? Jedenfalls machte sie sich für die lateinamerikanische Variante der Sprache gegenüber spanischen Puristen stark. Lewitscharoff hat einige Zeit in Buenos Aires gelebt und „die ganz großen Kaventsmänner“ (lateinamerikanische magische Realisten, Borges) damals im Original gelesen. So sei Bariccos Übersetzung nun die einzige, die sie lesen und verstehen könne. Woher sie jede Misshelligkeit merken würde. Baricco lachte nervös. Sie sagte, die Figuren von Apostoloff könnten auch von García Márquez sein. Im Spanischen ergebe sich der magische Realismus fast von selbst. Die Sprache sei nicht so logisch wie Deutsch und Englisch.

Ljubomir Iliev hat Faust, sämtliche Dramen Schillers, Kleist, Hermann Broch und Musil ins Bulgarische übersetzt. Bis 1944 gab es viele Bulgaren in Leipzig und Heidelberg. Die SU habe die Blüte der Intelligenz ausgerottet. Er habe gegenüber Übersetzern aus dem Französischen und Englischen Glück gehabt, da die DDR eine Brücke gebildet habe. Iliev erzählt viele Anekdoten vom Übersetzen, so beginnt er gleich damit, dass er in seiner Bibliothek eine Übersetzung aus dem Französischen habe, als Beweis, „das Buch verlässt meine Bibliothek nicht.“, wo die Übersetzerin das Französische zuhause gelernt habe und die Realien nicht kannte. So kannte sie Veuve-Clicquot nicht und übersetzte: „Er öffnete die Witwe Clicquot und fand sie halbtrocken.“ Das Publikum, Frauen wie Männer, bekicherte sich. Einen bulgarischen Nobelpreisträger gebe es leider nicht, aber immerhin sei Elias Canetti in Russe geboren.

Lewitscharoff redet mit einem Akzent wie Denis Scheck. Sie beklagt, dass die Italiener nicht mehr so gut seien wie in den 50er Jahren. Die Franzosen hätten auch stark nachgelassen. Aber die Deutschen befänden sich im Aufwind. Baricco pflichtet ihr bei, in Lateinamerika werde deutsche Gegenwartsliteratur seit ein paar Jahren stark konsumiert.

Nach einer halben Stunde brachte Lewitscharoff, die das Gespräch dominierte und ein bisschen herrisch wirkte, das Gespräch auf „Freude und Schwierigkeiten bei der Übersetzung“. Iliev brachte die Gedanken auf die „Messeinheit“. Das Wort eigne sich nicht, dann wäre man bei wörtlicher Übersetzung. Der Satz auch nicht. Eine Alliteration könne er manchmal erst im nächsten Satz unterbringen. Nein, man müsse den ganzen Text als Messeinheit nehmen. Wenn man den Autor gut kennt, kann man seine Eigenheiten irgendwo in der Übersetzung auch unterbringen. Mit einem „Entschuldigung, Frau Lewitscharoff“ erwähnt er Günter Grass‘ Grimms Wörter. Da sei irgendwas mit dem Alphabet drinnen, das sich im Bulgarischen nicht nachbilden lasse. Man müsste das Buch neu schreiben, „aber ich bin kein Autor. Und kein Verlag würde mich als Autor bezahlen.“

Nun sprechen Baricco und Iliev über verschiedene Schwierigkeiten bei der Übersetzung des Apostoloffs (den Iliev einmal Apostolus nennt). Drin sei die Schwarzmeerküste mit drei Adjektiven beschrieben, welche alle mit dem Präfix ver- beginnen: „verbaut, verpatzt, verschmutzt“. Mit des- ließ sich das im Spanischen nicht nachbilden, aber Baricco fand drei reimende Adjektive, von denen immerhin eines mit des- beginnt. So hat sie Lewitscharoffs Einschränkung der Freiheit (Begriff von mir) etwas nachempfunden. Genauso Iliev, als er „Gemach, Gemächt, gemacht“ übersetzen wollte. Auch er wich auf einen Reim aus, nachdem er sich erst einmal bei Lewitscharoff versichern musste, dass das Gemach, am Satzanfang groß geschrieben, kein Zimmer ist, sondern sachte. Er sah die Gläser beide halbvoll: „Lebende Autoren kann man befragen, gestorbene können nicht meckern.“

Baricco behauptet (was ich nicht glaube), dass die Sprache, die Literatur eines Landes von der Geografie total bestimmt sei. Damit wollte sie Argentinien von z.B. Kolumbien unterscheiden. Oft kam auch Mexiko in ihren Ausführungen vor. Ihre Übersetzung von Blumenberg geriet ihr zu katholisch. Lewitscharoff wirft ein, er sei ja auch ursprünglich katholisch gewesen. Aber Baricco insistiert, dass das Buch in Gefahr lief, der in Spanien prominent vertretenen katholischen Seite zu sehr zuzuneigen. Sie sprach sich gegen sklavische Wortlautübersetzung aus und meinte: „Wenn ich mit dem Text als Ganzes arbeite, kann ich es verschieben.“ Sie sagte: „Man muss in jedem Werk ein Prinzip finden. Was ist das Prinzip?“ und drehte die geschlossenen Fingerkuppen ihrer rechten und linken Hand gegeneinander, als würde sie ein bewegliches Gelenk darstellen.

Sie unterhielten sich darüber, wie Sky du Mont zu übertragen war. Lewitscharoff habe ihm erzählt, wie sein Haar gegelt sei, und so habe er Rudolph Valentino aus ihm gemacht. Bei Baricco habe es geklickt, als sie erzählte, dass er in Kubricks Film mit Nicole Kidman tanzte.

Lewitscharoff betonte die Ehre, die es für einen Autor bedeute, wenn jemand befinde, dass sein Werk es wert sei, in eine ganz andere Kultur übertragen zu werden und da auf Interesse zu stoßen. Bei der Ehre wurde sie entgegen ihrer sonstigen Ironie ganz energisch pathetisch. Doch: „Der Übersetzer ist dafür verantwortlich, ob das Werk in einer anderen Welt mit anderen Gedanken und einer anderen Tradition funktioniert.“ Iliev bedankte sich für die Freundlichkeit der Lewitscharoff beim Übersetzungsprozess. Zum ersten Mal kam der Begriff Weltliteratur (nach vielleicht einer ¾ Std.) vor, als Iliev José Saramago zitierte: „Der Autor schafft mit seiner Sprache nationale Literatur, die Weltliteratur wird von Übersetzern gemacht.“

Lewitscharoff schimpfte auf die von MRR hochgelobte Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier. Der Titel „Schuld und Sühne“ sei um Klassen besser als „Verbrechen und Strafe“. Die Übersetzung habe sie zur Weißglut getrieben: „Ich nahm das Buch und warf es in die Papiertonne.“ (Fühle mich an Denis Scheck erinnert.) „Das kann man ja nicht mal verschenken!“ Sie schätzt Rosemarie Tietze. Lewitscharoff plädiert immer für Freiheit bis hin zu einer dezenten Verfälschung bei der Übersetzung. Sie preist Schlegel/Tieck. Die Übersetzung sei zwar demodé, aber sie rutsche so runter. Wollschläger dagegen kritisiert sie. Damit habe das Übel begonnen.

Iliev hat noch eine Anekdote. Lewitscharoff habe in Apostoloff einen Autokorso beschrieben, der falsch rechts abbiege. Er kenne die Gegend und den Weg, richtig wäre links gewesen. Lewitscharoff habe ihm am Telefon gesagt: „Machen Sie links draus, ich verwechsle rechts und links immer.“ Baricco hat aus den Falkland-Inseln die Malvinen gemacht, mit Skrupeln zwar, aber wenn es keinen bestimmten Grund gibt für Falkland-Inseln, dann besser Malvinen, sonst verstehen es argentinische Leser nicht. Sie erzählt, dass ein Übersetzer von Jelinek kurzerhand die ganze Intertextualität weggelassen habe, weil zu kompliziert. Iliev hat noch ein Bonmot: „Übersetzungstheorie ist für uns ungefähr so interessant wie die Ornithologie für die Vögel.“ Und noch eins: „Manche, die es können, schreiben. Die, die es nicht können, übersetzen. Und die, die nicht übersetzen können, schreiben übers Übersetzen.“

Iliev hat die Verlorene Ehre der Katharina Blum einem Verlag angeboten, aber es konnte nicht publiziert werden, da Heinrich Böll Lew Kopelew und Alexander Solschenizyn beherbergte. Erst nach der Wende konnte das Buch erscheinen. Er hat Musils MoE übersetzt, das konnte zu kommunistischen Zeiten auch nicht erscheinen. „Zu bürgerlich?“, fragte Lewitscharoff. „Nein, dekadent“, sagte Iliev. Baricco, die 1983 ihr Studium begonnen hat, als die Militärdiktatur gerade zu Ende gegangen war, erzählte, wie sie von den zurückkehrenden Professoren profitiert habe. Die Bibliotheken seien von der Diktatur aber nicht völlig ausgedünnt worden. Gut, Cortázar war verschwunden, Borges auch, aber Lacan und Foucault gab es. Lewitscharoff betonte Argentinien als Einwanderungsland. Baricco flog hinzu und erwähnte, was mir neu war, Toulouse als Geburtsort Carlos Gardels, des Tangosängers.

„Gibt es irgendwas, das war unübersetzbar?“ Ich weiß nicht mehr, ob die Frage vom Tisch oder aus dem Publikum gestellt wurde. Iliev: „Also bei Lewitscharoff nicht.“ Lewitscharoff: „Das ist das Bulgarische daran.“ Baricco erzählt von den lateinamerikanischen Rezensionen. Eine konservative Zeitung – La Nación – habe gelobt, dass Lewitscharoff sehr gut beschreibe, wie schlimm es in der SU gewesen sei. Aber die anderen hätten besser verstanden und die Liebesgeschichte gelobt. Iliev erzählt von einer thailändischen Übersetzerin, die an Faust gescheitert sei, weil es im Thailändischen keinen Teufel und auch nur gute Geister gebe.

Eine Frau im Doktorandenalter mit asiatischen Gesichtszügen sprach über Franz Kuhns Übersetzung vom Traum der Roten Kammer. Er habe sich entschieden, sämtliche Gedichte auszulassen, da sie im Deutschen nicht verständlich seien. So werde eine schöne Frau gepriesen, sie habe Zähne wie Granatapfelkerne. Das funktioniere im Deutschen nicht. Können Zähne etwa duften? Haare können duften, aber Zähne? Sie erzählte, dass Daphne du Mauriers Rebecca auf Chinesisch, naja ungefähr lautlich Rebekka wäre. Jeder Chinese würde sich fragen, was soll das sein? Bis man auf die Idee gekommen sei, den Roman „Schmetterlingstraum“ zu benennen und er habe sich blendend verkauft.

Ilievs Verlag ist spezialisiert auf deutschsprachige Literatur. Er sagt: „Die Internationalisten können nicht lesen, aber dafür sind sie sehr umtriebig und laut.“

Ein Frager aus dem Publikum fragt, wie sich denn der Lehrer in Stuttgart, welcher Velvet Underground hört, übertragen lasse. Ich hatte den Eindruck, er wolle Argentiniern absprechen, Velvet Underground zu kennen, aber Baricco ging dann auch nur darauf ein, dass Schwaben allein in Argentinien nicht resoniere, man müsse halt die Eigenschaften, Sauberkeit etc., rausarbeiten.

Nach 1 ½ Std. war die Veranstaltung zu Ende. Lewitscharoff: „Ja, ich denke, jetzt gehen wir erst mal was essen?“ Dann musste sie aber noch 2, 3 Bücher signieren. Das Programm, das die drei abspulten, wirkte routiniert. Entweder haben sie sich per Email abgesprochen oder sie haben in dieser Besetzung schon öftere Termine bestritten.

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UPDATE 12.12.2012

Morphomata hat einen Audiomitschnitt online gestellt. Bestimmt sind Differenzen zu meinen Aufzeichnungen zu finden😦

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