Liao Yiwus offener Brief

Liao Yiwus offener Brief ist vorgestern in Dagens Nyheter erschienen. Yaxue Cao sagt, dass er es aus dem Chinesischen ins Englische übersetzt habe. Die Zeitung gibt die Übersetzung vom Englischen ins Schwedische als von Lars Linder stammend an. Weil ich leider, vielleicht rechtehalber, die englische Übersetzung nicht finden kann, will ich es selbst versuchen:

Sehr geehrte Damen und Herren des schwedischen Literaturnobelpreiskomitees, als vor kurzem ins Exil getriebener chinesischer Autor will ich klarstellen, dass meine Wunde keine Norm für den Literaturnobelpreis darstellen kann. Aber dennoch möchte ich Mensch und Werk des Literaturnobelpreisempfängers 2012 Mo Yan in Frage stellen.

Sie sind hochgelehrte Herren, aber ich fürchte, Sie kennen Diktatur nicht, die zahlreichen Verbrechen, welche die kommunistische Partei begangen hat, und haben sie nicht am eigenen Leib erlebt. Deshalb haben Sie den im System verankerten Vizepräsidenten des Schriftstellerverbands Mo Yan zum diesjährigen Literaturnobelpreisempfänger gekürt. Vermutlich wissen Sie nicht, dass er komplett eins mit dem kommunistischen Imperium ist. Bitte hören Sie, was Li Changchun, Mitglied des Politbüros, über ihn sagt: Mo Yans Nobelpreisgewinn „ist die Verkörperung des Fortschritts in der chinesischen Literatur, und auch die unaufhörliche Verkörperung unseres Fortschritts und internationalen Einflusses“.

Die kommunistische Partei hat die Chinesen über 1949, 1952, 1955, 1957, 1958 (das Jahr, in dem ich geboren bin) und von 1959 bis 1962, 1966 und 1989 getäuscht! In einem Diskussionsbeitrag hieß es, dass Mao Zedongs Rede auf der Konferenz in Yan’an 1942 gut gewesen sei und nur später von anderen ausgebeutet wurde. In jenem Jahrzehnt ist die Blut-und-Boden-Literatur von Zhao Shuli (赵树理) und Sun Li (孙犁) zur Welt gekommen – ist das Literatur? Es war nur nominell für die Massen gesprochen und in ein Theorem für Literaten verwandelt. Ist Zhao Shulis „Xiao Erhei’s Marriage“ (小二黑结婚) Literatur? Maos Yan’an-Rede war für gewissenhafte Literaten ein ständiger Schmerz. Als Mo Yan die Rede abschrieb, war es seine eigene Entscheidung. Über zwanzig haben das Abschreiben verweigert, darunter auch die Vizepräsidentin des Schriftstellerverbands Wang Anyi (王安忆).

Da Mo Yan es abgeschrieben hat, ist er ein Zyniker (犬儒). Es geht das Gerücht, dass er sogar für den menschenmordenden, dämonischen König Bo Xilai (薄熙来) ein Preisgedicht geschrieben habe. Darüberhinaus beklagt die neue Generation von Schriftstellern, dass Mo Yan, der 20 Jahre nach dem „4.6.“ [Tiananmen-Massaker] eine so hohe Position und Autorität des Wortes gewonnen habe, noch nie auf öffentlicher Bühne oder in literarischen Kreisen die chinesische Realität eines Wortes wert befunden habe.

Zum literarischen Rang Mo Yans möchte ich meine Ansicht nicht verbergen. 1989 heiß in den Straßen unterwegs, hat er wie Zhang Yimou (张艺谋) nach dem Massaker schnell Kompromisse geschlossen. Sie umkreisten das Jahr 1989, wie sowjetische Autoren Stalin umkreisten oder jüdische Autoren die Konzentrationslager. Nicht im Mindesten beschämt antworteten sie auf den Aufruf Deng Xiaopings nach „Marktwirtschaft chinesicher Prägung“. Ähnlich, wie sich die tschechische Gesellschaft nach dem von Havel beschriebenen „Prager Frühling“ verwandelt hat. Die kommunistische Partei, die den größten Nutzen für sich anstrebt, befindet sich nicht nur mit dem Kapitalismus, sondern auch mit den zahlreichen Autoren innerhalb des Systems in einem „stillschweigenden Einverständnis“. Mo Yan ist daher für die neue Generation ein „Hund, der nach dem Fressen schnappt“ (犬儒通吃).

Mo Yan enthüllt durchaus das Dunkel des Regimes. Aber nur sein Dunkel auf den unteren Ebenen, nicht das Dunkel im Zentrum des Imperiums. Was Geburtenplanung angeht, bringen sogar offizielle chinesische Zeitungen mittlerweile Kritiken an der Praxis in den Regionen. Die offizielle chinesische Geburtenplanung ist schon vor Jahren was lockerer geworden und die Leute wollen unter dem Druck, ein Kind großzuziehen, gar kein weiteres mehr gebären. Wie es im Lied „郑钱花“ des Pekinger Sängers Chuanzi (川子) heißt: „Wie schwer, ein Kind zu großzuziehen. Ist die Einkindpolitik noch notwendig?“.

Ich möchte über die Sprache sprechen. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts die neue Literatur aufgekommen ist, hat sie nicht wenige gute Schriftsteller hervorgebracht wie Shen Congwen (沈从文), Qian Zhongshu (钱钟书) und Eileen Chang (张爱玲). Die Sprache ihrer Roman ist 一望而知 und entstammt der reichen klassischen Literatur. Es folgten ihnen Ai Wu (艾芜), Li Jieren (李劼人) und Lao She (老舍). Mit Feng Menglong (冯梦龙) und Cao Xueqin (曹雪芹, Autor des Traums der Roten Kammer) hatte sich die klassische Literatur allmählich mit marktgängiger Umgangssprache und regionalen Eigenheiten durchmischt, sodass jeder Chinese, der nur ein einziges Buch gelesen hat, weiß, wann und wo diese Autoren geboren sind. In der Reform- und Öffnungspolitik nach 1979 kam westliche Literatur in Übersetzungen nach China und erzeugte einen Boom an Imitationen. Darauf erschien eine Generation an Avantgardeautoren, deren Werke alle nach Übersetzung riechen, Wurzelsuche à la Lateinamerika, Erzählung im Bewusstseinsstrom, hyperbolische Deformation und ewig gleiche Menschlichkeit. Eine Zeitlang war das populär und Mo Yans Sprache wurzelt in Übersetzungen und er hat mit seinem Auffassungsvermögen die Übersetzungen und reale Charakteristiken gewisser Gegenden in China zu einem nichtsdestotrotz beeindruckenden Propf herangezüchtet. Daher macht es keine Schwierigkeiten Mo Yan zu übersetzen, es ist kein „Man kann es nicht übersetzen, da die Kulturen zu verschieden sind“ (不同族类文学的不可翻译性). Simpel gesagt spricht er in aus dem Westen übersetzter Sprache über chinesische Landgeschichten gewandelten Geschmacks (变味儿, ?). Das China, das in diesen Geschichten gezeigt wird, ist finster, es ist das durch hässliche Transformation gehende ländliche China. Aber die Geschichten überschreiten nicht das Niveau von lokalen Zeitungsreportern. Der kranke Nationalismus des „Roten Kornfelds“ wurde von den offiziellen Medien aufgebauscht. Die vulgäre Erotik der „Großen Brüste und breiten Hüften“ zielte in die subkutane Degeneration des chinesischen Buchmarkts. Die blutige Provokation der „Sandelholzstrafe“ pervertierte Menschlichkeit und überlieferten Common Sense. Deshalb akzeptierten ihn die Offiziellen zuletzt und umschwärmten ihn nach dem Nobelpreisgewinn. Denn das lokale Dunkel wird auch irgendwann mal vom Zentralkommittee kritisiert. Durch die Jahrhunderte wurde lokales Dunkel von Zeit zu Zeit mal vom weisen Hof in Ordnung gebracht. Mo Yan enthüllt das Dunkel der Mao-Ära, da er sein Können in der Ära Hu Jintao entwickelt hat. Satire über und Kritik an Mao und Deng Xiaoping sind inner- und außerhalb der kommunistischen Partei bereits zum Tischgespräch geworden, so wie in der „Küchenpolitik“ der Breschnew-Zeit die Stalin-Ära satirisiert und kritisiert wurde. Es ist sicher und sich selbst betrügende Aufrichtigkeit.

Sehr geehrte Herren, bestimmt kennen Sie „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“. Das entspricht genau dem gegenwärtigen China. Nach dem Tian’anmen-Massaker 1989 ist ein Schreiben, das die Zeugenschaft verleugnet, beschämend. Mehr noch scheuen Mo Yans Taten und Werke nicht nur ihre Zeugenschaft, sondern er hat 1999 auf der Frankfurter Buchmesse ein extrem öliges Statement verfasst, das für alle zu lesen ist. Deshalb unterstütze ich Herta Müllers Aussage: Dass der diesjährige Literaturnobelpreis an den kommunistischen Funktionär und ehemaligen Volksbefreiungsarmeeoffizier Mo Yan geht, ist eine Katastrophe.

Ihre Vorgänger haben einst diesen Preis an den sowjetischen kommunistischen Parteifunktionär und Unterstützer einer strengen Kulturpolitik Scholochow verliehen. Das stellte eine große Katastrophe dar und bescherte der Seele des Stifters dieses Preises, Herrn Nobel, viel Unruhe. Dass Sie nun diesen Preis dem kommunistischen Funktionär des diktatorischen China und Unterstützer der Meinungszensur Mo Yan verleihen, ist eine noch größere Katastrophe. Es lässt Nobels Geist im Grabe weinen.

Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2012 und exilierter chinesischer Autor Liao Yiwu.

Berlin, 25.11.2012.

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