Literaturbeilage

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Der Kölner Stadt-Anzeiger hatte gestern eine 28-seitige Literaturbeilage. Weil es vielleicht symptomatisch ist, was gerade so angesagt ist, was die Zeitung denkt, was die Leser interessiere, oder was die Leser interessiert, denke ich, dass sich eine Aufstellung lohnen könnte.

Seite 2

Im Editorial schreibt Martin Oehlen: „Ja, selbst Bücher helfen nicht gegen Zerrüttung und Zerstörung. Aber sie halten die Leser zumindest wach und munter und machen bewusst, was alles möglich ist. Nicht nur ‚1913‘ von Illies gelingt dies, sondern vielen Titeln mehr in diesem Heft.“ Mich wundert, dass der linke Stadt-Anzeiger nicht politisch-korrekt von Leserinnen und Lesern spricht, zumal heutzutage ja anscheinend die Mehrheit der Leser Leserinnen sind.

Kulturmanagerin Silke Hartmann, 44 Jahre alt, liest gerade „Johann Holtrop“: „Ich bin etwa bei der Hälfte und finde das Buch sehr gut.“

Seite 3

Vicky Baums „Menschen im Hotel“ ist als Hörbuch erschienen. Olga Grjasnowa auch, gelesen von Julia Nachtmann. Zum Ausdruck komme „die Stimme einer neuen Generation: rational und getrieben zugleich.“ Der Poetenladen wird vorgestellt. Und Simon Garfields „Just My Type“ („Die Typen dieser Zeilen heißen übrigens ‚Absara sans'“), Ludwig Leichhardts „Erste Durchquerung Australiens“ sowie Helge Hesses „Bilder erzählen Weltgeschichte“ werden kurz beworben unter den Titeln „typographisch“, „abenteuerlich“ und „malerisch“. Das Lindner Hotel Dom Residence bewirbt seinen Gänse-Express, i.e. Gans & Co. werden nachhause geliefert.

Seiten 4 und 5

Florian Illies‘ „1913“ ist das Buch des Monats der Literaturbeilage. Michael Braun nennt als seine Lieblingsstelle den Eintrag: „Käthe Kollwitz, ermüdet vom Leben mit ihrem Mann und unschlüssig, in welche Richtung ihre Kunst gehen soll, bilanziert in der Silvesternacht: ‚Jedenfalls 1913 ist ziemlich harmlos verlaufen, nicht tot und schläfrig, ziemlich viel inneres Leben.'“ Sein Resümee: „Florian Illies‘ Buch ist mehr als eine ‚Geschichtsschreibung aus dem Geist der Tageszeitung‘, wie es ein Kritiker gesagt hat. Es ist ein wundervolles Wimmelerzählbuch, der Anekdotenalmanach eines Schlüsseljahrs des 20. Jahrhunderts.“

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Tivity fordert uns auf Action zu verschenken.

Seite 6

Marianne Kolarik bespricht Carol Birchs „Atem der Welt“. Das Bild am Kopf der Seite zeigt einen gemalten Tigerkopf.

Seite 7

Thorsten Keller bespricht Carmen Stephans „Mal Aria“. Wir erfahren, dass bei der gleichnamigen Protagonistin falsch „das in Brasilien relativ weit verbreitete“ Dengue-Fieber diagnostiziert worden sei. Was Moskitos abschreckt, sei Zitrusduft. Ich erfahre, dass Moskito männlich ist.

Marktex wirbt für einen Sekretär.

Seite 8

Galerist Christian Nagel liest wenig und findet das meiste, was er in den Buchhandelsketten auf den Bestseller-Tischen findet, fade. Versucht hat er sein Glück aber doch immer mal wieder, so mit Charlotte Roches „Feuchtgebieten“, Vea Kaisers „Blasmusikpop“ und Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“. So richtig umgehauen habe ihn davon nichts. Gut gefallen haben ihm dagegen die „Brüder“ (兄弟) von Yu Hua (余华): „Spannend, absurd und schnell zu lesen“. Nagel kenne Rainald Goetz und Thomas Meinecke schon ewig, er ist Jahrgang 1961 und hat in München Kunstgeschichte studiert. Doch ist Lesen nur seine zweite Wahl: „Ich bin eben zuallererst ein visueller Mensch“. An Überschneidungen werden genannt Kippenberger und Kafka, Lion Feuchtwangers „Erfolg“ und zuletzt Walter Benjamins „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, das sie im 2. Semester hätten lesen müssen. Die vom Philosophen beschriebenen Mechanismen würden die Mediengesellschaft im 21. Jahrhundert noch immer betreffen, das findet Nagel „phänomenal“.

Seite 9

Markus Schwering bespricht Muschgs „Löwenstern“. Da Löwensterns Sehnsuchtziel Japan ist, ist der Artikel bebildert mit einer farbigen japanischen Tuschzeichnung, die ein Holzboot in wilden Wellen, die gischten, zeigt. Drei Männer enthält das Boot, sie blicken auf eine Stelle im Wasser, wo eine Art Sanskritspruch zu erscheinen scheint. Im von der konkaven Welle freigelassenen Hintergrund ist festes Land mit Bergen zu sehen. Am Himmel dunkle Wolken, aus denen es zu schneien scheint. Als Bildquelle ist Max Grönert, Thinkstock genannt.

Seite 10

Elke Biesel bespricht Radek Knapps „Reise nach Kalino“. Den Artikel ziert ein Porträt der Autorin, hatte ich gedacht, bis ich Radek Knapp googelte, mit magnetischen grünen Augen, in Form gebrachten Brauen und einer männlichen Mundpartie.

Seite 11

Michael Braun bespricht Hanns-Josef Ortheils „Das Kind, das nicht fragte“. Er schließt mit Camus: „Man muss sich den fragenden Erzähler Ortheil als einen glücklichen Menschen vorstellen“. Das den Artikel begleitende Stockfoto zeigt Gräser vor einer sich sanft wellenden Anhöhe, die bewirtschaftet ist – es sind Treckerspuren zu sehen – und der Himmel darüber und dahinter blassblau mit paar weißen Cumuli.

Seite 12

Der Buchhändler Michael Ross – Buchhandlung „Baskerville“ am Hermeskeiler Platz – empfehle „Mr Moonbloom“ von Edward Lewis Wallant, meldet Kerstin Meier. Wir ergattern einen Blick in „die wohl kleinste Buchhandlung Kölns“. Ross verlege auch Bücher, über Sherlock Holmes. Er und seine Frau Katrin sind eigentlich Filmwissenschaftler.

Seite 13

Im Bestseller-Check schreibt Kerstin Meier sehr unterhaltsam gegen Jauds „Überman“ und Nele Neuhaus‘ „Bösen Wolf“. Positives gewinnt sie Carlos Ruiz ab, dessen „Gefangenen des Himmels“ sie einen „schönen, altmodischen Schmöker“ nennt: „Die Sprache mag verschnörkelt sein und manches Bild angestaubt. Aber das stört keinen großen Geist.“ Sie empfiehlt, gleich den Dreier-Pack zu kaufen (wieder männlich, wo ich sächlich gedacht hätte), denn zwischen den Mahlzeiten fänden sich sicherlich ein paar Stunden zum Schmökern. Etwas Appetit macht sie am Ende doch auf Jaud, wenn sie verspricht, dass wir bei ihm erfahren, wie wir nach nur 2 Stunden Schlaf trotzdem hellwach sein können.

In Kürze werden Friedrich Anis „Süden und das heimliche Leben“ und Joyces „Dubliner“ in neuer Übersetzung von Harald Raykowski besprochen. Die gebrachten Gegenüberstellungen überzeugen mich nicht: „Haupt“ (Dieter E. Zimmer) – „Kopf“ (Raykowski), „Langweiliger alter rotnasiger Kretin!“ (Zimmer) – „Unausstehlicher rotnasiger alter Trottel!“ (Raykowski).

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Seite 14

Anne Burgmer verreißt ebenfalls Tommy Jaud. Weil der Protagonist sich mit dem Maya-Weltuntergang – Achtung: keine 14 Tage mehr! – sanieren will, ziert den Artikel ein Foto der letzten Seite des Dresdner Kodexes. Das ist natürlich ein Kontrast.

Emmanuel van Stein bespricht Kai Meyers „Asche und Phönix“.

Seite 15

Als Gedicht des Monats ist Adam Zagajewskis „Gewöhnliches Leben“ abgedruckt. Gezeichnet hat den Autor Elisabeth Moog. Mein Problem mit Gedichten ist, dass ich schon finde, dass sie sich reimen sollten.

Seite 16

Peter Henning bespricht Édouard Levés „Selbstmord“: „Doch er tut es mit einer Unerschrockenheit, die zeigt, dass in den Sätzen eines ‚Dahergelaufenen‘ mitunter mehr Seele steckt als in sämtlichen Studien über die Seele“. Das Cover des Buchs hat Autor- und Verlagsnamen normal, aber Selbst 90 ° nach links und Mord 90 ° nach rechts gekippt. Das begleitende Foto zeigt Paris mit dem Eiffelturm und zwei auslaufenden Boulevards im Weitwinkel.

Seite 17

Markus Schwering bespricht Liaty Pisanis „Rote Agenda. Der Spion und der Pate“: „Es ist ähnlich wie bei einer österreichischen Barockkirche: Das Detail darf man sich nicht anschauen, aber der Gesamteindruck ist großartig.“ Das SW-Foto zeigt eine junge Frau oder einen jungen Mann, ich kann das nicht entscheiden, mit einem Golfschläger waagerecht hinterm Nacken, also eine Art Jesuspose. Was würde @pontifex zu Schwerings Aussage über Kirchen in A sagen?

Seiten 18 und 19

Christine Badke bespricht Miriam Gebhardts „anregende und polemische Studie zum Feminismus“ „Alice im Niemandsland“. Alice Schwarzer hab ich mal auf dem Ubahnsteig gesehen. Meine damalige, 17 Jahre ältere Freundin machte mich auf sie aufmerksam, als wir im Zug saßen. Desweiteren erinnere ich mich an ein Interview mit Simone de Beauvoir, das sie führte, als sie jung und in Highheels und Minirock war, sodass Beauvoir sie als gefährlich für Sartre einschätzte.

Thomas Geisen bespricht die „Affäre Wulff“ von Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch. Politik interessiert mich zuwenig, als dass ich die Besprechung gelesen hätte. Nur den letzten Satz aufgeschnappt: „Somit ein Plädoyer für einen wachen Blick und das gedruckte Wort als Korrektiv!“

Seite 20

An Sachbüchern werden „Ninety Nine Years Leica“ und „The James Bond Archives“ besprochen.

Seite 21

Unter Kinder & Jugend ein „Entspannungsratgeber“ „Benimm dich – bloß nicht!“, Roxy Sauerteig und „Zipfelmus jagt den Vogeldieb“.

Seiten 22 und 23

bringen Veranstaltungen und das Tageshoroskop. Jan Reimer verspricht mir, dass „der Korb meiner Liebe gut gefüllt bleibt, dafür sorgt der Zärtlichkeitsplanet Venus.“ usw. usf..

Seite 24

bringt das Kinoprogramm vom Freitag.

Seiten 25 bis 28

das Fernsehprogramm und ein Sudoku, das der Kollege, welcher mir die Beilage netterweise, da er weiß, dass ich mich für Bücher interessiere, übereignet hat, bereits ausgefüllt hat.

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