Verwoben

Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtete am 11. Dezember in der Serie „Mein Veedel“ über Carmen Thomas in Braunsfeld:

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Die Karte hat falsch „Marcel-Proust-Allee“, aber im Text heißt es richtig „Promenade“. Der Satz mit Fritz Gruber, dem Fotosammler, fehlt im Print.

Einen Webfaden gibt es zu Mo Yan, der tags zuvor den Literaturnobelpreis ausgehändigt bekommen hat. Carmen Thomas war prominente Befürworterin der Eigenurintherapie. Auf Seite 445, am Ende des achten Kapitels, heißt es in Mo Yans Roman „Schnapsstadt“:

日本盛行饮尿疗法,每天清晨喝一杯自己的尿,可以防治百病。

In Japan ist die Behandlung diverser Krankheiten durch Urintrinken beliebt. Man behauptet, eine große Zahl von Krankheiten ließe sich abwenden, wenn man jeden Morgen ein Glas eigenen Urin trinke. (Übersetzung von Peter Weber-Schäfer)

Das Motto ihrer Bank in der Nähe des Tennisklubs Lese Grün-Weiß heiße: „Keine-r ist so klug wie alle.“ So richtig gern unterschreiben tue ich den Satz nicht. Sie war berühmt für ihren respektlosen Umgang mit verdienten Männern. Ich fand das nicht gut, sie schielte dem Volk aufs Maul, aber meine Mutter, die selbst nicht sehr intelligent ist und vielleicht Minderwertigkeitskomplexe gegenüber Intellektuellen hat, fand sie toll. Das muss man akzeptieren, ich habe sie nicht gemocht, mehrere in meiner Herkunftsfamilie schon.

Erinnere mich, glaube ich, sie mal auf dem Roncalliplatz ins Mikrophon sprechen gehört zu haben, mit ihrer unnachahmlich verschnupften Stimme. Sie hat die Leute, die da auf der Bühne saßen, mit ihrer respektlosen Kessheit auseinander genommen, zusammengefaltet, und das Publikum war natürlich begeistert. So wie Comedy heute.

Sie habe sich ein Grab auf Melaten gesichert, heißt es in dem Artikel, in dem bislang eine Anna Katharina Glasmacher liege. Eine Anke selbigen Nachnamens kannte ich, glaube ich, mal. Thomas pflege es und zur Belohnung könne sie nach ihrem Tod selbst die Grabstätte übernehmen. Das Besondere am ihr von der Friedhofsamtlerin empfohlene Grab sei der Schmetterling, der den Stein ziere, ebenso wie ihre Bücher über die Eigenurintherapie.

Was ein Schmetterling auf einem Grabstein bedeutet, weiß ich nicht. Vielleicht die aufflatternde unsterbliche Seele? Doch kommt er nie so hoch und über die irdische Atmosphäre hinaus wie Beatrice, die Dante emporführt in die Himmel. Im Zhuangzi (庄子) aus dem 4. Jahrhundert vor Christus gibt es den Schmetterlingstraum:

昔者庄周梦为蝴蝶,栩栩然蝴蝶也,自喻适志与,不知周也。俄然觉,则戚戚然周也。不知周之梦为蝴蝶与,蝴蝶之梦为周与?

Once upon a time, I, Chuang Tzu, dreamt that I was a butterfly, flitting around and enjoying myself. I had no idea I was Chuang Tzu. Then suddenly I woke up and was Chuang Tzu again. But I could not tell, had I been Chuang Tzu dreaming I was a butterfly, or a butterfly dreaming I was now Chuang Tzu? (Übersetzung von Martin Palmer)

Die verschiedene Namenstranskription liegt am heutigen Pinyin und dem alten akademischen Wade-Giles.

Als Schmetterling löst sich auch das Bewusstsein Betrunkener in Mo Yans Schnapsstadt vom Körper, übersetzt von Peter Weber-Schäfer:

被意识抛异的躯壳,恰如被蝴蝶扬弃的茧壳一样,轻飘飘失去了重量。

Der Schmetterling seines Bewusstseins verließ seinen Schädel, und der leere Schädel wurde zu einem Kokon so schwerelos wie eine Feder. (S. 70)

他的头盖骨上开了天窗,意识化成妖蝴蝶,如团扇般大,在灯光下旋舞,

In seinem Schädel öffnete sich ein Fenster, und sein Bewusstsein verwandelte sich in einen Schmetterlingsdämon so groß wie ein Vollmondfächer, der im Lampenlicht tanzt.

灯光变幻,蝴蝶翻飞。只有那抽动的腮肉看得真切。

Das Lampenlicht flackerte, der Schmetterling taumelte durch die Luft. Nur der zuckende Backenmuskel blieb, wie er war.

那只彩色蝴蝶似乎疲倦了,它的翅膀越来越沉重,仿佛被露水打湿了。终于,它落在吊灯的金属支架上,悲伤地抖动着触须,看着它的躯壳沉重地跌在地板上。

Der bunte Schmetterling sah erschöpft aus, seine Flügel wurden schwerer und schwerer, als werde ihnen der Morgentau zu schwer. Schließlich ließ er sich mit zitternden Fühlern auf einem Arm des Kronleuchters nieder und sah zu, wie sein Skelett schwer zu Boden fiel.

(S. 251)

脱离躯体良久的意识之蝶钻进脑壳,他感到头脑冰凉。沉醉良久的特别侦察员睁开眼睛,

Der Schmetterling seines Bewusstseins kehrte in in den Körper zurück, von dem er so lang getrennt gewesen war, und kühlte den erhitzten Geist. Der Sonderermittler, der die ganze Zeit betrunken gewesen war, öffnete die Augen. (S. 279)

Pan, der „kleine Hirtengott“ auf dem Pauliplatz, dessen Hals eine Narbe aufweist, weil er nach dem Krieg fünfzehn Jahre lang kopflos gewesen sei, bis man ihn im Keller einer Anwohnerin entdeckte, ist bei Vergil nicht so putzig:

Pan deus Arcadiae venit, quem vidimus ipsi
sanguineis ebuli bacis minioque rubentem:

Pan auch, der Gott Arkadiens, kam, so wie selbst ich ihn schaute,
blutrot gefärbt mit Mennig und Saft aus den Beeren des Attichs. (Übersetzung von Harry C. Schnur)

Die Panstunde, Siesta, und die Panik. Meinerseits Verwechslung mit Priapus in Horaz‘ Satire 1.8:

Olim truncus eram ficulnus, inutile lignum,
Cum faber, incertus scamnum faceretne Priapum,
Maluit esse Deum. Deus inde ego, furum, aviumque
Maxima formido. Nam fures dextra coercet
Obscoenoque ruber porrectus ab inguine palus:
Ast inportunas volucres in vertice harundo
Terret fixa, vetatque novis considere in hortis.

Stamm eines Feigenbaums war ich dereinst, nur ein wertloses Holzstück.
„Mach eine Bank oder einen Priap ich draus?“ schwankte der Schreiner,
und er entschied für den Gott sich. Ein Gott bin ich seither, der größte
Schrecken für Diebe und Vögel; die Diebe schreckt nämlich die Rechte
und dieser rötliche Pfahl, der aus unkeuschem Bauche emporragt,
während das Schilf auf dem Scheitel die frechen Vögel verscheucht und
ihnen den Anflug verwehrt auf die neu erst gegründeten Gärten. (Übersetzt von Manfred Simon)


UPDATE 15.12.2012

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Pans Narbe finde ich nicht. Er spielt seine Flöte und hat ein Stummelschwänzchen:

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Auf dem Fritz-Gruber-Platz vor Kolumba ist Man Rays „Alles kann durch das Licht verändert, deformiert oder eliminiert werden. Es ist genauso geschmeidig wie der Pinsel.“ eingelassen. Seinen Zauber wird er aber erst abends entfalten, wenn die kugelrunde Leuchte Licht speit.

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Das Grab der Schankwirtin Anna Katharina Glasmacher nicht gefunden. Zwei Glasmachers hier, aber das sind andere, hab die Fluren 64 und R1 gecheckt. Ein Schmetterling aber auch bei der Familie Boisserée z.B.:

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2 Antworten to “Verwoben”

  1. Fritz (@Fritz) Says:

    Sehr gerne gelesen. Was für eine Gedankenkette. Das Seltsame an dem Schmetterling auf dem Grabstein ist, dass so etwas Dünnes und Verletztliches in Stein gehauen wird, quasi eine contradictio in objecto.
    Der Schmtterling ist einer der kitschigsten Topoi von Lyrik bis Alltagsmetaphern, so dass er mE für „tiefere Bedeutung“ eigentlich unrettbar verloren ist. Dabei enthält er viel Schwingungen: Leichtigkeit, Schönheit, Farbenpracht, Un-Bedrohlichkeit (kein Stachel, kein Gift, kein reißendes Maul), Schutzlosigkeit, „Flatterhaftigkeit“ (da liegt ein Bezug zu Verantwortunglosigkeit und Eigensinnigkeit drin, und der Bildbegriff kommt ja wohl vom Schmetterling). DER Schmtterling ist zudem ein Tier mit weiblichem Charakter. Wo ein Schmetterling auf dem Grabstein zu sehen ist, kann nur eine Frau oder ein Kind liegen😉 Vielleicht enthält der Schmtterling ganz natürlich, was sonst immer der Taube zugeschrieben wird: Frieden. Insofern ein Bezug zu „Ruhe in Frieden“.

  2. holio Says:

    Fritz, hab Fotos ergänzt. Der Schmetterling steht offenbar für den christlichen Auferstehungsglauben. Die Familie Boisserée hat auch einen, wenn auch nicht Sulpiz, der liegt in Bonn.

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