Altenberger Dom

Von Quirinus Kuhlmann sagt Heinz Ludwig Arnold im Nachwort der Reclam-Ausgabe: „Ein Sprachfehler schließt ihn von anderen ab; der psychologische Druck erzeugt ein ungeheures Geltungsbedürfnis, das sich in zahllosen Lektüren und frühzeitigen Produktionen und schließlich in öffentlichen Äußerungen der Hochachtung vor der eigenen Leistung austobt.“

In seinem Kühlpsalter ab 1677 lässt er die Strophen mancher Gedichte barock mit ABC beginnen. Zeitgemäß fallen I und J sowie U und V in eins, was 24 Buchstaben macht, womit er den 75. Kühlpsalm in 4 Teile à 6 Strophen gliedern kann. In diesem fehlen die Buchstaben J und U, im 89. ebenso.

Im 73. Kühlpsalm fehlen I und U. Er hat das Metrum (gezählt die Anzahl der Hebungen /):

-/-/-/-/-/-/ 6
-/-/-/-/-/ 5
-/-/-/-/-/-/ 6
-/-/-/-/-/ 5
-/-/-/ 3
-/-/-/ 3
-/-/-/-/-/ 5
-/-/-/ 3
-/-/-/-/-/- 5
-/-/-/-/-/- 5

was nach Ergänzung ruft:

In Altenberg steht simultan ein alter Dom,
Wo Friedrich Wilhelm Vier der Gläub’gen Strom
Nach Zeiten unterteilt und nicht nach Sammelort,
So dass die Kirche ganz bleib‘ immerfort.
Der Grund für dies Edikt
War Protestantenschreck,
Dass ihre Messe an die Seit‘ gedrückt
Vom Chor, das war sein Zweck.
Im Langhaus nicht allein soll unser Raum sein,
Zu Zeiten soll die ganze Kirche uns sein.

Ursprünglich stand des Berg’schen Landes Keim hier fahl
In Öde einsam über Odenthal,
Da hier’s Geschlecht von Berg den Stammsitz einst gehabt,
Bevor es sich nach Wupperburg begab.
Zisterzienser kam,
Die Burg flugs übernahm,
Baut‘ Altenberger Dom als Kirche groß,
Darum der Türme bloß.
Heut weht die Fahn‘ der Ökumene drüber
Und guckt nach Rom zum Papst noch trotzig ’nüber.

*

Um 7 Uhr bei 10 °C aus dem Haus. Einziger in der Stadtbahn. Stadtauswärts stiegen paar zu. Morgengrauen in Deutz. Reisende auf dem Bahnsteig und Nachtschwärmer. Der Busfahrer nach Schnaps gerochen. Kurz drauf Frau zugestiegen, sich in den Vierer gegenüber auf gleicher Höhe gesetzt. Beklommen gefühlt.

An Gezelinkapelle vorbeigekommen, die ich hinter Geäst erspähte, als der Bus vor roter Ampel am Karl-Carstens-Ring hielt. Frau in Schlebusch-Post ausgestiegen und hatte den Bus wieder für mich allein für den Rest der Fahrt. Fast hell im Malerviertel. Eine Straße dort nach Wolf Vostell benannt. Sehr feucht alles. Dauerregen. Lachen auf Feldern. Gewässer sprudelt in Gewässer.

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In Altenberg erst mal die Kirche umrundet. Seitentür geöffnet, da war eine tiefe Stimme am Predigen. Eigentlich drang sie sogar durch die Kirchenmauern hindurch nach draußen. Wollte nicht stören und schloss die Türe sachte wieder. Maria Zanders wird gedacht:

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Nass, nasser, nass:

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Der ehemalige Stammsitz derer von Berg ist auf Karten als Burg Berge angegeben. Von Menschengemachten keine Spur mehr. Nur drei Zinnen von Fels unter Laub:

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Wieder an der Kirche strömen die einen raus, die andern rein. Pech gehabt, um neun war evangelischer Gottesdienst gewesen, um halb elf wird die katholische Messe beginnen. Da wollte ich davor nicht stören als Tourist. Nur am Schriftenstand ein paar Blätter gegriffen und wieder raus. War ein Glücksgriff dabei, denn die 8-seitige A5-Broschüre „Herzlich Willkommen im Altenberger Dom! – Kleine Geschichte und Rundgang -“ bezeichnet mit (22) das Gozelinus-Grab. Dafür war ich u.a. hergekommen.

Also warten, bis die Messe endet und … vielleicht zum Märchenwald. Riesiger Parkplatz, auf dem einzig ein Wohnmobil. Kindheitserinnerung, dass da ein Esel Dukaten schiss. Kind betätigte seinen Schwanz wie einen Pumpenschwengel und fielen in geprägte Goldfolie gehüllte Schokoladetaler raus, so meine Erinnerung. Aber ich hatte meinen Opa, den Schelm, verdächtigt, dass es ein Trick von ihm war. Jedoch meine Arbeitskollegen versicherten, dass die Schokomünzen für jeden gegen Geldeinwurf rausfallen.

Sie haben Recht, 20 Cents für 1 Taler und 50 für 3. Ein Schwanz mag überm Afterloch existiert haben, ein Ansatzloch weist darauf hin, aber beweglich wird er keineswegs gewesen sein:

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Vor der Kirche kauert ein Bettler. Er krümmt sich und sein rundes helles Gesicht scheint aus dem Parka hervor. Erinnert mich, ohne so hässlich zu sein, an den multilingualen Salvatore im gestern gesehenen Namen der Rose, gespielt von Ron Perlman. Als die katholische Messe sich dem Ende zuneigt, macht er’s anders. Hatte seitlich abgewartet, aufgerichtet, und ließ sich nun genau mittig vor dem Portal auf die Knie nieder. Nun sollen sie heraustreten.

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Die Gozelin-Grabplatte im Winter- und Weihrauchdämmer kaum auszumachen. Eine fugenlose Platte im Boden, nicht erhoben, nicht versenkt. Kein Bildwerk, nur der Name.

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Hatte die Gläubigen mit dem Blitz nicht stören wollen, die nach der Messe in der Marienkapelle Kerzen entzündeten. Deshalb warten, warten, warten… Der Bus war gerade weg, weshalb ich, statt auf den nächsten stündlichen zu warten, ihm ein paar Stationen vorausging. Die Serpentinen nach Blecher hoch und den Kamm lang nach Glöbusch Schöne Aussicht. Der Fahrer war derselbe, er sprach mich mit türkischem Akzent an und mit dem Schnaps hatte ich mich geirrt.

Auf der Rückfahrt gegen halb zwei schönste Sonne an sattblauem Himmel. Der Rhein führt fast Hochwasser:

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