Big Breasts, Kapitel 2

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Kapitel 2

Hier fängt der Ärger an. Der erste Abschnitt ist auf eine halbe Seite zusammengeschrumpft, während er im Original 3711 Zeichen hat, was sechs Seiten ausmachen dürfte. Das Kapitel, welches im Original am Ende steht, berichtet Shangguan Lus Lebensweg. Ihre Eltern sind beim Boxeraufstand ums Leben gekommen. Goldblatt hat, dass ihr Vater, gewandt im Kickboxen, Anführer einer Geheimgesellschaft „Red Spears“ war, bis ihr Dorf im südwestlichsten Zipfel der Gemeinde Nordost-Gaomi am (nach dem Mondkalender) 7.8.1900 von den Deutschen unter dem Kommando des chinesischen Kreisvorstehers angegriffen wurde. Goldblatt setzt wieder ein mit: „When the day’s battle was over, nearly four hundred Sandy Nest residents lay dead.“ Im Original werden dazwischen die Kampfhandlungen sehr detailliert beschrieben.

Zunächst erblickt ihr Vater, als er Wasser aus dem Dorfbrunnen schöpfen will, der, wie man sagt, eine unterirdische Verbindung zum Ostmeer habe und deshalb sein Wasser immer so frisch sei und er bei noch so großer Dürre niemals austrockne, eine weiße Lotosblüte sich entfalten, tellergroß und wie aus Achat geschnitzt. Um das wundersame Bild nicht zu zerstören, verzichtet er aufs Schöpfen.

Sein Kamerad wird als kaiserlich geprüfter Krieger geschildert, großgewachsen mit weißem Gesicht und wehendem – entweder amerikanischen oder schönen (美) – Backenbart, ein Meister im Schattenboxen.

Als erstes wird einer am Brunnen erschossen und ihr Vater bemerkt deutsche Soldaten mit Pickelhelmen, langen Gesichtern und langen, dünnen Beinen, die über die Zugbrücke ins Dorf kommen. Angeführt werden sie von einem Chinesen mit kleinem Zopf und einer Pistole in der Hand. „德国鬼子! Die deutschen Teufel!“, ruft der Erzähler aus und klärt auf, dass sie mit dem Bau der Schantung-Bahn das Fengshui der Gemeinde Nordost-Gaomi zerstört hätten. Deswegen hätten Shangguan Dou und Sima Daya mit ihnen das Kot- und Uringefecht ausgetragen. Wie sich herausstellen wird, ist diese Geschichte ganz aus dem Roman herausgeschnitten worden. Man denke daran, dass das 2. Kapitel im Original am Ende steht, sodass der Leser weiß, was das 屎尿战 meint. Der Kampf hatte mit der Niederlage der Nordostgaominer geendet und sie erkannten, dass entgegen ihrer Vorstellung die Knie der Deutschen doch biegsam sind und ein Beschmutzen mit Kot und Urin bei den reinlichen Teufeln auch nicht zum Kotzen bis zum Tode führt. Die Leute in Sandnest hassten die Deutschen. Ein Eisenbahningenieur hatte auf einer Versammlung die Brust einer Dorfbewohnerin berührt und war von der wütenden Menge getötet worden. Sie wussten, dass die Deutschen nicht aufgeben würden. Während des Kot- und Urinkampfs hatte sie der Red-Spear-Geheimbund unterstützt. Ihr Vater war im Bund ein Truppführer, sein Kamerad ein Schwadronführer. Sie schleiften die Männer, gossen aus den Speeren eine Kanone, umringten das Dorf mit Wall und Graben und erwarteten den Angriff. Nachdem ein paar Monate lang nichts passiert war, waren sie langsam nachlässig geworden. – Das hat Goldblatt: „As a leader of the Red Spears, he was active in training and arming troops and in building bunkers and moats to ward off attacks by foreign troops. But after several months of uneventful waiting, the local forces‘ vigilance had slackened, and on the foggy seventh morning of the eighth lunar month, German forces under the leadership of County Magistrate Ji Guifen surrounded Sandy Nest Village in Northeast Gaomi Township.“ – Aber jetzt warteten sie nervös und fürchteten der Dinge, die da kommen würden. Die Deutschen erklommen den Wall, öffneten das große Tor, ließen die Zugbrücke herunter und drängten herein. Der Absatz schließt damit, dass Du Li, der nicht an den weißen Lotos im Brunnen glauben wollte, das erste Todesopfer des Tages war und ihm noch 394 folgen sollten.

Ihr Vater sieht die deutschen Soldaten wie eine Formation von großen Kranichen vorrücken. Ihre Waffen (后膛快枪 Schnellgewehre?) spucken Flämmchen mit dem Klang von „pīpīpāpā“ (噼噼啪啪), die Kugeln fliegen mit dem Klang von „sōusōu“ (嗖嗖). Ihr Vater ruft laut, um die Dorfbewohner zu warnen. Der Schwadronführer der Red Spears hat keine Zeit, seine Leute zu sammeln, nur ein paar Familienangehörige und Landarbeiter kriegt er zusammen, ehe er sein Tor verrammelt. Ihre Mutter war die Schönste in Sandnest. Ihre Füße spitz wie Bambusschößlinge und keine drei Zoll – 7,5 cm – lang. Weil sie damit schlecht gehen konnte, blieb sie den ganzen Tag zuhause und sah keine Sonne, ihr Gesicht so weiß wie ein Kloß. Ihr Vater verbirgt sich hinterm Tor, während der Schwadronführer auf dem Scheunendach mit einem Geschütz (土炮) Stellung bezieht und die Straße übersehen kann, wo eine Schwadron deutscher Soldaten aufgereiht kniend auf die Dorfbewohner feuert. Der Morgennebel hat sich verzogen und auf dem Erdwall, der das Dorf umgibt, kann er zwischen den großgewachsenen deutschen Soldaten vereinzelte mandschurische Bannersoldaten erkennen mit weißen Tüchern auf Brust und Rücken genäht, die das Schriftzeichen 勇 yŏng Mut tragen. Maulesel ziehen den Deutschen über die Zugbrücke zwei große Kanonen ins Dorf.

Die Landarbeiter, die das Geschütz hinaufgeschafft haben, laufen wieder hinunter, um den Zunder zu holen. Die deutschen Soldaten feuern wieder eine Salve und erschießen eine Frau auf den Steinstufen vor dem Tor zum Hof, die ihr Baby im Arm hält. Im Hof bellen die Hunde unaufhörlich. „Ladet die Kanone!“ befiehlt der Schwadronführer. Sie füllen Kraut ein, stopfen es mit einem Mörserstößel und geben ein paar erdnussgroße Eisenkugeln hinein. Sie fragen: „Wieviel Teile Kraut?“ (“老爷,装几分药?”). Er antwortet: „Neun Teile!“ (“九分!”). ?

Der Schwadronführer richtet das Geschütz aus, nimmt aus der Hand seiner Frau ein Weihrauchstäbchen entgegen, bläst es an und entzündet die aus Kraut gezwirnte Lunte hinten am Geschütz. Weißer Rauch schießt aus dem Luntenloch heraus. Die Kanone aus Roheisen schweigt und schweigt, wie ein kraftvolles, wildes Tier, dann gibt es einen gewaltigen Schlag, eine dunkelrote Flamme schießt aus dem Rohr in die Feindesschar hinein und fegt wie ein eiserner Besen die Reihen deutscher Soldaten um. „Ladet die Kanone!“ befiehlt er wieder. Die Deutschen beschießen chaotisch den Hutong. Ein paar liegen tot und verletzt auf der Straße. Die Landarbeiter laden schnell wieder. Die aufgeschreckten Deutschen feuern auf die Scheune. Eine Kugel streift das Ohr des Schwadronführers. Einer der Landarbeiter erhält einen Bauchschuss. „Ladet die Kanone!“ Die Schar Eisenkugeln schlägt in die Lehmwand jenseits der Straße ein und durchsiebt sie wie ein Bienennest. Der Schwadronführer richtet sich auf und ruft: „皇上,万寿无疆!万寿无疆! Lang lebe der Kaiser!“ Der Kaiser meint wohl Guanxu, nach dessen Zählung zum Anfang des Kapitels das Jahr genannt ist: 大清朝光绪二十六年, bevor es auf die moderne westliche Zählung gebrochen wird: 是公元一九00年。 Cixi, die den schwachen Guanxu bevormundete, erscheint nicht. Eine Salve holt ihn vom Scheunendach herunter.

Nun beschießen die beiden großen Kanonen der Deutschen das hohe Ziegelgebäude des Hofs. Sie benutzen Kupferhülsengeschosse, die ein scharfes Geräusch machen. Die Geschosse landen auf dem Dach und explodieren dort. Die Deutschen haben das Tor aufgerammt. Zuerst stecken sie ein paar Gewehrläufe hinein. Ihr Vater verbirgt sich ja noch hinterm Tor und wartet still ab. Ein deutscher Soldat kommt hinter seinem Bajonett herein, es wie ein Hahn den Kopf nach allen Richtungen wendend. Seine Hosenbeine sind sehr eng und die Knie springen hervor. An der Uniformjacke blitzen zwei Reihen Messingknöpfe. Ihr Vater macht keinen Mucks. Der Deutsche wendet sich zum Tor um und winkt seinen Kameraden. Er hat blaue Augen, eine rote Nase und unterm Helm quillt weißes Haar hervor, ihr Vater kann es ganz deutlich sehen. Der Deutsche erblickt ihn, wie er da hinterm Tor wie ein schwarzer Eisenturm steht, und will gerade schießen, aber zu spät. Er schießt hervor und ersticht den Deutschen mit seinem rotbebänderten Speer. Zwei weitere eindringende Deutsche erschießen ihn. Ihre Mutter finden die Soldaten erhängt an einem Balken. Sie staunen über ihre Lotosfüße, die nur einen Zehennagel besitzen: 那两只只有一只指甲盖的尖脚,让德国兵惊愕不止。

Goldblatt setzt wieder ein mit: „When the day’s battle was over, nearly four hundred Sandy Nest residents lay dead.“ Er berichtet kurz den Tod von Vater und Mutter und dass die sechsmonatige Shangguan Lu nur überlebte, weil sie in einem Trog Mehl versteckt wurde. Sie wird von Tante und Onkel aufgezogen. Mit fünf Jahren beginnt die Tante, ihr die Füße zu binden, damit sie eines Tages eine gute Partie finde. Mit sechzehn besitzt sie perfekte Lotusfüße. Leider ist die Qing-Dynastie mittlerweile gestürzt worden und es herrscht Republik. 1917 kommt ein neuer Kreisvorsitzender nach Gaomi und macht Propaganda für die befreite Frau. Die Rede 《放足示文》, die der Kreisvorsitzende hält und die die strenge Form von 16 Doppelzeilen à 6 Zeichen hat, übergeht Goldblatt leider mit „During his oration…“, ich hätte sie gerne verstanden:

照得女人放足,业经三令五申。
政府屡颁命令,大宪又有明文。
克期三月放尽,法律何其认真。
访闻城乡民众,以及顽固劣绅。
犹复徘徊观望,视为无足重轻。
兹再申明禁令,解放且勿因循。
年龄五十为限,以下定要凛遵。
六月三十截止,陆续派员梭巡。
每月清查一次,违者定议罚金。
初次罚钱二百,以后按月加增。
妇人罪及夫主,女人罪及父兄。
此次重颁告示,愚民恐误传闻。
庵坛寺观张贴,更督讲演详明。
闾邻按户宣示,三日传锣一巡。
务期人人解放,变为强壮国民。
倘敢似前藐视,处罚决不容情。

Mo Yan fasst es in ein anachronistisches Bild: Ein Trupp junger Mädchen performt wie Cheerleader in blauen Pullis, kurzen weißen Röckchen, weißen Söckchen und Turnschuhen die Gesundheit ungebundener Füße. Sie schmeißen die Beine in die Luft und intonieren, was Goldblatt schön verreimt:

我们是天足,我们是天足,身体发肤,受之父母
We have natural feet, no abnormal fads,
our bodies are precious, they came from moms and dads.

能跑能跳行动自如,不受那小脚残废苦
We can run and jump and play in the rain,
not like crippled feet that bring so much pain.

封建主义戕害妇女视我们如玩物,我们放足,放足,撕毁裹脚布妇女解放得幸福。
The feudal system ist bad for a woman, who is only a toy,
but we have natural feet, so take off your wrappings, girls, and share in our joy. (p. 51)

Anschließend erklärt ein Orthopäde am vergrößerten Modell, wie das Binden die Knochen verformt. Shangguan Lu soll als abschreckendes Beispiel vorgeführt werden. Als sie die Bühne betreten muss, fesselt es die Männerblicke, denn die schwachen Füße lassen sie beim Gehen schwanken wie eine Weide im Wind (璇儿一步三摇,犹如弱柳扶风), Merkmal wahrer Schönheit bei den traditionsverbundenen Männer von Gaomi. Der Kreisvorsteher muss den Rückzug antreten, weil er von ihnen wörtlich mit Dreck beworfen wird, aber er droht: „放足是国家明令,胆敢违抗者,必将严惩不贷! But unbinding women’s feet is national policy, and anyone who defies that policy can expect to be severely punished.“ (p. 52)

Warum am nächsten Tag Shangguan Lü eine Heiratsvermittlerin beauftragt, muss man vielleicht psychologisch oder geschäftstüchtig interpretieren. Sie will ihren Sohn, einen Schmied, mit Shangguan Lu verheiraten. Vielleicht wegen des Prestiges, das sich trotz Politik gestern gezeigt hat, vielleicht, weil sie wegen der Politik gerade billig zu haben war… Die Tante will Shangguan Lu nicht so billig hergeben, sie ist entrüstet, sie einem Handwerker geben zu sollen. Shangguan Lü aber weist auf die veränderten Rahmenbedingungen hin: „您这内侄女,是落时的凤凰不如鸡了。 I’m afraid your niece is a fallen phoenix, which is worse than a common chicken.“ (p. 53) Nach einigem materiellen Hin und Her sind sich die beiden Familienmütter einig und schlagen ein.

Drei Jahre nach der Hochzeit mit Shangguan Shouxi ist Shangguan Lu noch immer kinderlos. Die Schwiegermutter macht Druck. Bei einem Besuch zuhause schickt die Tante sie zum Frauenarzt. Mit ihr stimmt alles, es muss an Shangguan Shouxi liegen. Die Tante macht Shangguan Lu betrunken und lässt den Onkel sich zu ihr legen. Sie bekommt ihre erste Tochter. Die Tante ist Guanyin dankbar und meint: „The seam has finally split. Now I ask the Bodhisattva to look over us and deliver a grandson next year.“ (p. 59) 腚 dìng seam steht als Regionalausdruck für 屁股 pìgu Hintern im Wörterbuch. Die Schwiegermutter bestimmt den Namen der Tochter, Laidi, „Bruder folgt“.

Der nächste Akt lässt nicht lange auf sich warten, denn Shangguan Lu erkennt: „要想在家庭中取得地位,必须生儿子。 The only road to status in a family was to produce sons.“ (p. 59) Diesmal geht der erneute Versuch mit dem Onkel von ihr aus. Die dritte Tochter bekommt sie von einem reisenden Entenhändler, denn der Onkel, schließt sie nach den beiden Fehlversuchen, „could give her only daughters“ (p. 60). „就在她最绝望的时候,上帝派来了救星。他就是那个赊小鸭子的人。 As she was about to give up hope altogether, her God sent a savior in the person of the duck-peddler.“ (p. 62) Ja, 上帝 shàngdì ist der christliche Gott, „ihr“ steht da nicht. Bisher war von ihrer Religion nicht die Rede. Die vierte bekommt sie von einem Quacksalber. Die Schwiegermutter schimpft: „女人是贱命 Women are worthless creatures.“ (p. 69). Die fünfte bekommt sie von einem Hundemetzger, die sechste von einem Mönch in einer 30 km entfernten Gemeinde. Acht Jahre später, 1935, bekommt sie nach Vergewaltigung durch Soldaten ihre siebente Tochter und wird von ihrer Schwiegerfamilie übelst misshandelt.

Plötzlich bemerkt sie die Kirchenglocken in der Nachbarschaft, warum hatte sie sie nie zuvor gehört? Es ist Sonntag und sie humpelt in die Kirche. Dort predigt Pastor Malory gerade einem Dutzend alter Frauen Matthäus 1,18-21, beginnend mit „Als Maria, seine Mutter…“. Vom „Und sie wird einen Sohn gebären“, der nicht von Josef ist, fühlt sie sich persönlich angesprochen: „仰望着悬挂在铁十字架上的干裂的枣木耶稣那木呆呆的脸,泣不成声地说:“主啊,我来晚了…… Looking up into the face of the cracked jujube Jesus on the iron cross, she sobbed, ‚Lord, I’ve come to You late…'“ (p. 75). Das Mo Yan unzensiert die Bibel zitieren kann, wundert mich. Malorys blaue Augen verschmelzen mit dem blauen Himmel, seine Komplimente scheinen nicht von ihrer Welt zu sein, und sie schwebt wie eine Feder empor, als sie im Grünen verschmelzen.

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