Ortsbegehung

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Gestern alarmierten Schlagzeilen der beiden Boulevardblätter in den roten Automaten. Die erste freigegebene Station Rathaus hatte ich vor Weihnachten schon mal besichtigt. Aber gefahren war ich noch nicht mit der verlängerten Linie. Jetzt sprachen sie im Kollegenkreis drüber, dass man es im Dom spüren könne, wenn die U-Bahn drunter her fährt. Man fühlte sich an den Einsturz des Stadtarchivs erinnert, der vorher natürlich aber nicht zu spüren war. Jedenfalls hat eine Rentnerin, die ich kenne, vormittags drin gearbeitet und ich glaube, mittags draußen was gegessen, als es unversehens einstürzte. Den Laptop und vor allem ihr Buch in Arbeit auf einem USB-Stick hatte sie schon abgeschrieben, doch es wurde in den Trümmern gefunden und ihr zurückerstattet. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man es im Dom schwanken spürt.

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Da tat eine Ortsbegehung not. Zum Glück sah ich im TV, wie Dompropst Norbert Feldhoff die Sache genauer lokalisierte. Er erzählte, dass er es in der Sakristei und der Sakramentskapelle des Sakralbaus gemerkt hätte. Und die Scheiben des Aufzugs in die Domschatzkammer hätten gezittert, aber nachdem die KVB die Geschwindigkeit der U-Bahn in diesem Abschnitt von 30 auf 20 Stundenkilometer gesenkt hat als Reaktion auf den „Skandal“, nicht mehr. Es war ein bisschen schwierig, die Sakramentskapelle auszumachen daheim am Internet.

Heute früh die nächste Hiobsbotschaft. Die mitteilungsfreudigste Kollegin brachte, dass die Vibrationen gar nicht von der U-Bahn, sondern von Umbauten in der Domschatzkammer kämen. Das konnte man ja nun gar nicht glauben, weil regelmäßige taktvolle Erzitterungen mit Baulärm schwer zu velwechsern sein sollten. Als ich im Stadtanzeiger nachlas, kam ich zum Schluss, dass sie da wohl etwas verwechselt hatte. Denn da stand, dass die neue Domschatzkammer in den Fundamenten vielleicht etwas schalltragend verbunden hätte, was nicht so gedacht war. Die Tunnelröhre unter dem Dom ist nämlich schon alt, aber bisher nicht genutzt, und nun studiere man die Pläne.

Auf meine Information, dass die Erdbebenstation Bensberg die Erschütterungen messe, kam ein überraschtes: Daa kann man das noch merken? Nein, die hat fünf Messgeräte im Dom aufgestellt, korrigierten mein mathematischer Kollege und ich zugleich. Ich hatte gemeint, wenn Seismografen was merken, heißt das noch nicht, dass Menschenbeine was merken.

Man könnte einen Karnevalswagen damit bauen. Den Wagen als U-Bahn verkleiden, darüber eine große Platte, welche den Erdboden darstellt und drauf den Dom aus Gummi, dann wackeln die Türme schon beim Anfahren und Bremsen.

Aber das war alles vor der Ortsbegehung heute nachmittag. Ich fuhr also mit der Verursacherlinie 5 vom Rathaus zum Dom. Der Fahrer trat aufs Gaspedal und ging wieder runter, trat wieder drauf und ging wieder runter. So hielt er die nun vorgeschriebenen 20 Stundenkilometer. Die Strecke ist ja nur sehr kurz, fünfhundert Meter. Erst führt sie durch eine neue runde Tunnelröhre, dann wird es zu einer eckigen. Mal hängt ein Schild „Friesenplatz“ mit Pfeil in Fahrtrichtung drunter an der Tunnelwand. Und ganz schnell waren wir hinter der Kurve im Dom/Hauptbahnhof. Auf die Uhr geschaut, um zu wissen, wann in zehn Minuten der nächste kritische Augenblick naht.

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Die Sakramentskapelle (rotes Licht) hatte ich mir am Gerokreuz gemerkt. Das ließ sich leicht finden, denn es ist wirklich groß. Drüber steht „SACRO SANCTAE ET INDIVIDVAE TRINITATI“. Drunter „CRVCIFIXI / DNI:NRI:IESV / CHR:HVMANITATI“. Drunter noch was Kleineres, von dem ich nur „LEO PAPA“ am Ende aufgeschnappt hab, und seitlich auch was. Die Tür unmittelbar links daneben beherbergt offenbar die Sakristei. Denn da traten öfter Rotgewandete ein, indem sie aufschlossen. Einer kam auch wieder raus, den Türflügel noch halb offen, und schaute auf die Armbanduhr.

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Die Sakramentskapelle befindet sich davor. Die Schwungtür war geschlossen und ein Schild verbot das Betreten für Touristen, nur fürs Gebet war sie gestattet. Hier war es wirklich still. Ich ließ mich auf die Kirchenbank nieder und tat so, als wäre ich in Gebet oder Gedanken versunken. Ich musste aber aufs Handy schauen, um die Uhrzeit zu wissen. In diesem Raum hört man vieles. Ich hörte Züge, die ich erst für U-Bahnen gehalten hatte. Ich hörte den Gong vor den Ansagen im Hauptbahnhof. Ich hörte Quietschen, was ich jetzt nicht weiß, ob es die scharfen Kehren der U-Bahn sind oder die Kurve zur Hohenzollernbrücke der Eisenbahn. Ich bilde mir ein, die problematische Linie 5 als dumpfes Grollen vernommen zu haben. Zweimal im Abstand von zehn Minuten. Sie scheint eine Eigenfrequenz zu treffen. Aber es mag Einbildung sein. Zumal ich keinen Vergleich zu vorher habe. Die Bewohner des Doms sind natürlich tausendmal mehr qualifiziert, so etwas zu beurteilen. Eigentlich war ich ganz für nichts hingegangen.

Man musste aber aufmerksam lauschen. Im Dom selbst ist zuviel Geräusch, hallt es zu sehr. In dieser abgeschiedenen Kapelle geht es, solang es absolut ruhig ist. Hinter mir klackte eine mit ihrem Rosenkranz. Das nervte etwas, störte aber nicht wirklich. Störender war eine Korpulente, die unterdrückt hustete und wenn sie sich bewegte, die Kirchenbank zum Knarren brachte. Da war das Grollen dann ganz schnell weg. Ich dachte, dass der Propst vielleicht nach Ladenschluss hier gesessen und den ungewohnten Ton vernommen hat.

Nahebei bei der unterirdischen Philharmonie gab’s vor Jahren oder -zehnten auch so ein Schelmenstück. Da stellte man, als alles fertig gebaut war, fest, dass die Schritte von Passanten, die über das Pflaster über den Köpfen der Philharmoniker gehen, ihre Musik stören. Seitdem ist oben ein Sicherheitsdienst postiert mit zwei Mann und hält die zahllosen Touristen davon ab, über das Pflaster zu gehen. Zumindest zu Zeiten, wenn unten keine Störung erwünscht ist.

Dombaumeister Michael Hauck meinte heute im Stadtanzeiger, dass die Glocken noch nicht von selbst läuten würden, also so schlimm sei es noch nicht, augenzwinkernd. Für ihn ist es die erste öffentliche Bewährungsprobe, nachdem Barbara Schock-Werner ihr Amt im August zwecks Rente niedergelegt hat.

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