Ye Fu in Köln

Am Mittwoch veranstaltete die jüngst geschlüpfte Akademie der Künste der Welt ihren Salon No. 6 von halb acht bis zehn.

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Ye Fu (野夫) ist 1962 geboren und soll von der Akademie vielleicht als ein zweiter Liao Yiwu in D positioniert werden, welcher ebenfalls ihr Mitglied ist. Zugleich mit der Vorstellung von Ye Fu als Stipendiat der Akademie wurde Tienchi Martin-Liao, Präsidentin des Unabhängigen Chinesischen PEN, den sie selbst eine „kleine, klitzelige“ Organisation nannte, als neues Mitglied der Akademie begrüßt. Martin-Liao dolmetschte zwischen dem Publikum und Ye Fu.

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Die Veranstaltung bestand aus drei Teilen: Einer Befragung Ye Fus durch Martin-Liao, seiner Powerpoint-Präsentation mit Fotos und einer Lesung von Auszügen aus der Schule der Grausamkeit (残忍的教育) aus seiner Essaysammlung 《江上的母亲》, Taipei 2009.

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50, vielleicht 100 Leute im Publikum, darunter 15 junge Chinesinnen und Chinesen. Ye Fu bedankte sich, dass so viele junge chinesische Landsleute gekommen sind. Sein Anliegen ist, den heute Jungen die Geschichte von damals, als er selbst jung war, mitzuteilen, weil die herrschende Partei es nicht tut. Meint die Zeit der Kulturrevolution 1966 – 1976.

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Ye Fu ist vor vier Wochen aus Peking nach Köln gekommen. Eine spätere Frage, ob er Probleme hatte auszureisen und die Fellowship anzutreten, verneint er strikt.

Tienchi Martin-Liao befragte Ye Fu mittels vorbereiteter Fragen.

1. Frage zielte auf die Tujia-Minderheit, der Ye Fu angehört. Martin-Liao informiert uns, dass u.a. Kulturschaffenden der Blogger Ran Yunfei Tujia sei.

2. Wie hat er gelernt während er Kulturrevolution?

Mutter war Rechtsabweichlerin und musste mit dem „hohen Hut auf“, so Martin-Liao, durch die Straßen (Lies dazu Mo Yan, Big Breasts and Wide Hips, Kap. 6.8). Vater war Capitalist Roader. Ye Fu hat von 68 bis 78 die Grundschule besucht, oft unterbrochen. Lehrer wurden angeprangert, geschlagen, erniedrigt. Viele haben sich getötet. (Meine Lehrerin hat erzählt, dass zu ihrer Schulzeit die Fensterscheiben zerschlagen waren, und die Lehrerin hat sie alle viertel oder halbe Stunde aufstehen lassen und auf der Stelle springen, um sich zu erwärmen. Sie war ihr sehr dankbar.) Vor dem Eintritt in die Höheren Schulen, also hier auch Mittelschule, stand eine politische Prüfung. Der Eintritt wurde ihm verweigert, bis nach endlosen Bemühungen seiner Mutter dann doch.

3. Wie ist er angesichts seiner sporadischen staatlichen Bildung zu seiner schönen Sprache (gebildet, Stil) gekommen?

Kommt von Oma mütterlicherseits. Ihr Vater hat in Japan studiert und ist zurück in China Richter gewesen. Bildungsbürgertum. Ye Fus Eltern wurden unterdrückt, also hat er viel Zeit mit seiner Oma verbracht. Aber alles heimlich, da damals Bildung = Verbrechen. Ye Fu erzählt, dass sein Vater mal Bücher, die Ye Fu aus der Bücherei entliehen hatte, ins Feuer geworfen hätte, sodass er, Ye Fu, seiner Verpflichtung, sie zurückzugeben, nicht nachkommen konnte. Bei späteren Streits habe er nur das seinem Vater vorhalten müssen, dann sei Ruhe gewesen.

4. Welches Genre liebt er am meisten. Warum Essays?

In den 80er Jahren hat er Gedichte und Novellen geschrieben. Dann Unterbrechung durch 1989 (mit der Demokratiebewegung auf dem Tian’anmenplatz). Er will die Erinnerung daran auffrischen, was die Autorität auslöschen will. Schreibt Schicksal von Leuten von unten und von seiner eigenen Familie auf (Grassroots). Für die nächste Generation. Wir selbst wissen nicht, was in der Generation unserer Eltern/Großeltern war, weil vieles Tabu. Er will seins der nächsten Generation überliefern. Er lebt vom Drehbuchschreiben.

5. Zensur in China vom Standpunkt des Autors und des Verlegers.

Mit ISBNs wird gehandelt. Verleger kaufen sie unter der Hand. Verleger muss den Zensor bezahlen, der wie ein Lektor das Werk vor der Veröffentlichung prüft. Es gibt eine schwarze Liste, auf der z.B. Liao Yiwu, Liu Xiaobo und Chang Ping (长平) von der Southern Weekend stehen, den Martin-Liao an dieser Stelle im Publikum begrüßt. (Will mich nicht für die Identität verbürgen, wurde von mir so verstanden. Aber er wirkte soigniert und von Entourage umgeben, nickte wohlabgemesssen und verteilte später Visitenkarten.)

6. Seine Erfahrung als Polizist.

Kurze Karriere. 1988 Polizist geworden. 89 Tian’anmen. Hat Studenten bei der Flucht unterstützt. Dann Job quittiert. Darauf verhaftet worden.

7. Erdbeben in Sichuan 2008. Seine Social Work.

War gerade in Luojiang (罗江), 1/2 Stunde vom Epizentrum entfernt. Beteiligt an Rettungsaktion, Spendenaktion, die 2 Mio. RMB eingebracht hat. 7 Tage später Art Aufstand der Unzufriedenen. Versuch eine Art Basisdemokratie aufzubauen, zusammen mit Lokalregierung. Bauern ermutigt, ihre Geschichten aufzuschreiben und aufzuführen in Theaterform. Relativ erfolgreich. Vor kurzem erst war er erneut in Luojiang.

Ye Fu zeigte nun eine Powerpoint-Präsentation, die aus Fotos mit kurzen, prägnanten Bildunterschriften besteht. Er spricht dazu, was Martin-Liao übersetzt.

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Das 1. Bild zeigt ein idyllisches Foto seiner Heimat Lichuan. Die Folge der anderen Bilder hab ich nicht so festgehalten, also nur manche.

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Seine Eltern, dazwischen seine Tochter (我的父母和女儿). Vater ist an Krebs gestorben, als Ye Fu im Gefängnis war. Sein Sarg war unter einer Parteiflagge. Mutter hat sich ertränkt. Ihre Leiche nie gefunden.

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Ye Fu in seiner Zeit als Polizist.

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Er zeigt Fotos von Lin Zhao (林昭) und Zhang Zhixin (张志新), Lin Christin, Zhang Kommunistin.

Viele Bilder zeigten die Quälereien und öffentlichen Bloßstellungen der angeblichen Klassenfeinde. Das waren Schwarzweißbilder aus der Zeit der Kulturrevolution.

Ein farbiges dann zeigte drei Kinder neben einem Schulhaus. Zwei mit Ranzen bogen gerade ein, eins in zerlumpter Kleidung hinter ihnen würde nicht einbiegen, denn es führte eine Kuh. Ye Fu hat es unterschrieben: 上学和失学, ungefähr „Lernen angehen und Lernen verpassen“. Auf etwas vielleicht Gemurmeltes hin wurde Martin-Liao laut: Nein, das ist heute.

Ye Fu zeigte Bilder von Körperstrafen in Schulen, wie ein Junge von der lachenden Lehrerin an den Ohren hochgezogen wird, dass seine Füße den Boden verlassen, oder wie eine Klasse kollektiv ihre Stühle über die Köpfe heben muss. Er bebilderte Grausamkeit unter Mädchen und unter Jungen. Er zeigte Bilder von der Einschwörung der Jugendlichen auf die Parteilinie und den Nationalismus. Als er den Schwurtext auf die Wand warf und vorlas, mussten die jungen Chinesinnen und Chinesen im Publikum kichern. Ye Fu nannte die staatliche Erziehung faschistisch.

Das letzte Foto zeigte einen Park vor Hochhäusern. Das vorher wären Schulen auf dem Land gewesen, in den Städten sähe es anders aus, so wie hier.

Mangels Zeit fand die Lesung nur noch auf Deutsch statt. Ich denke, sonst hätte Ye Fu die Passagen zuerst auf Chinesisch gelesen und dann Sabine Peschel von der Deutschen Welle auf Deutsch. So nur Peschel. Sie bat darum, das Knipsen, das oft mit Blitzlicht geschah, während ihrer Lesung einzustellen. Sie las aus diesem Essay, übersetzt von Burkhard Risse, ehemals Bochum. Der Essay ist in 9 Abschnitte gegliedert. Peschel las mit manchmal brechender Stimme aus den Abschnitten 1, 2, 3, 4 und 9. Er beginnt mit: „Grausamkeit, ist sie der tierischen Natur des Menschen geschuldet oder wird sie genetisch vererbt?“ Im dritten Satz zitiert Ye Fu Tolstoi, alles Gute sei im Grunde gleich, aber das Böse jeweils verschieden (所有的善良都基本相似,而残忍却各自不同。).

Vor vielen Jahren, als ich in Haft war, kam ein Brief von meiner Mutter. Meine Tochter (damals noch keine 6 Jahre alt und hatte ihren Vater noch nie gesehen) hatte Grausamkeit entwickelt. Zum Beispiel kippte sie kochendes Wasser langsam in ein Aquarium und beobachtete, wie die Fische verzweifelt nach einem Ausweg suchten und verbrühten. Meine Mutter machte sich Sorgen, die Alten sahen in diesem unschuldigen kindlichen Spiel eine Grausamkeit. Mich machte das unvermittelt zittern. Ich fragte mich, ob nicht in aller menschlichen Grausamkeit ein spielerischer Kern steckt und ob nicht in jedem Spiel eine grausame Substanz schlummert.

Damals konnte ich das meiner Tochter nicht nicht verzeihen. Sie war zu jung und ihr Vater hatte versäumt, ihr eine religiöse Achtung vor jeglichem Leben beizubringen. Sie wiederholte nur die Barbarei der Menschen auf früheren Entwicklungsstufen. Zum anderen erinnerte ich mich meiner eigenen Kindheit und Erziehung zur Grausamkeit (想起了我在这个国家所经受的全部残忍教育).

Vierjährig bin ich in diese berühmten zehn Jahre geraten. Als erstes Spiel in dieser unzivilisierten Zeit hat er Folgendes gelernt. Die Kinder fingen auf den Feldern Kröten, buddelten ein kleines Loch, setzten die Kröte auf ungelöschten Kalk darein und verbuddelten sie. Dann gossen sie Wasser drauf, der Kalk reagierte mit dem Wasser und wurde siedend heiß. Als sie die Kröte wieder ausbuddelten, war die hässliche Krötenhaut komplett abgeschält und wie ein neugeborenes Baby lag die Kröte da, in ihrem Tod ganz wunderschön. Woher kommt solche Grausamkeit?

Im 2. Abschnitt hat Risse den Schattenwurf der Stromleitung auf Ye Fus Hals als „Projektion“ übersetzt (而电网的投影恰好横过我的颈项). Sechsjährig kam Ye Fu in die Schule, wobei das in unserer Rechnung fünfjährig bedeuten könnte. Es war Frühherbst 1968. Ein junger, energischer Lehrer zerbrach einen Bambusbesen, gab jedem Kind einen Zweig, ließ sie sich aufstellen und abmarschieren, einen Dieb zu verprügeln. Als die Kinder durch die kleinen Dorfstraßen zogen, wurde ihnen von der Dorfbevölkerung applaudiert. Der Dieb musste auf einem Betonrohr stehen, die Hosenbeine hochgekrempelt. Ye Fu erinnert sich daran, dass er kaum an seine Knie reichte. Die Kinder peitschten auf seine Unterschenkel ein, bis die Haut von rot über lila zu einem „glasigen Rettich“ (透明的萝卜) geworden war. (Mo Yans erster Erzählband heißt Der kristallene Rettich (透明的红萝卜), aber ich habe ihn nicht gelesen.) Die Erwachsenen feuerten die Kinder an: „Schlagt, schlagt!“

Im 3. Abschnitt wurde Ye Fu zehnjährig von seiner Mutter zu seinem Vater geschickt, der in einem Bergwerk arbeitete, weil sie seinen Selbstmord fürchtete. Eine Plage waren Ratten. Die Arbeiter hatten Tricks, die Ratten möglichst effektiv zu töten, und taten es zu ihrer Unterhaltung. Zwei schildert Ye Fu. Von der Grausamkeit gegen Tiere schweift Ye Fu zur Grausamkeit von Menschen untereinander:

纳粹对于犹太人的厌恶以及导演的屠杀,与此无异自不用举例。

Der Hass der Nazis auf die Juden und die inszenierten Massaker genügen als Beleg.

Aus seinem Erfahrungsschatz führt Ye Fu noch an, wie ein Großgrundbesitzer in einem Käfig geröstet wurde.

Im 4. Abschnitt schildert Ye Fu, wie er und seine Mitschüler im Winter 1976, das die Historiker später als Jahr der Wende eingestuft haben, zu einer öffentlichen Hinrichtung eines Konterrevolutionärs befohlen wurden. Er hatte die Ergreifung der Viererbande als Staatsstreich hingestellt und plakatierte seine Ansicht überall, verteidigte Mao, warnte vor der Zentralregierung und den an die Macht gekommenen Kapitalisten. Viele Männer und Frauen, alle sahen zu. „Menschen zu töten war wirklich ein Festbankett für diese gelangweilte Menschheit“ (杀人实在是像这个无聊社会的一场喜宴).

Der 9. Abschnitt beginnt: Unsere Erziehung baut auf Hass auf. Unsere Lehrer stellen uns eine (erfundene) alte Gesellschaft der „10.000 Übel“ (万恶) vor, lassen uns Tag für Tag anklagende Lieder gegen diese alte Gesellschaft singen. Und heute versprühen junge Nationalisten ihren Hass. Ye Fu sorgt sich, woher dieser Hass kommt, wo sie doch nicht die Kulturrevolution erlebt, nicht mal was von 1989 gehört und nicht die Schule der Grausamkeit durchlaufen haben wie er. „Aus der Wurzel der Menschlichkeit sprießt als Ableger eine garstige Blume.“ (人性在根上衍生出恶的花朵。)

Die Moderatorin bot angesichts der fortgeschrittenen Zeit an, auf Publikumsfragen zu verzichten, doch das Publikum bestand darauf. Die erste Frage kam von einem jungen Chinesen, der neben seinem Freund nicht weit von mir saß. Der Freund ermunterte ihn während seiner Wortmeldung mit heftigem Nicken und beklatschte ihn nachher. Der junge Chinese leitete seine Wortmeldung damit ein, dass er seine Frage zuerst auf Deutsch, dann auf Chinesisch stellen werde. Im Vergleich mit späteren Wortmeldungen aus dem Publikum – von weißen, privilegierten, saturierten Männern, die kein Ende fanden und mehr ihre eigene Meinung propagieren zu wollen schienen als eine Frage zu stellen – fand ich das zivilisierter. Er fragte, wie Ye Fu die sozialen Medien sehe. Ye Fu hob zwei Vorteile von Microblogs, Weibo und so hervor. Zum einen könne man an einem beliebigen Ort schnell Gleichgesinnte finden, zum anderen ließen sich lokale Missstände anprangern. Am Ende ließen sich die beiden Autogramme von Ye Fu geben.

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Der Wortergreifer erinnerte mich optisch und dynamisch an den Blogger Han Han (韩寒). Als die Veranstaltung aufgelöst war, waren sie erst am Tisch der Vortragenden gewesen, dann stand sein Freund neben mir an der Ausgangstür. Als der Wortergreifer endlich kam, deutete er aufgeregt auf seine Armbanduhr, es war ihm zu spät geworden. Vor dem Beginn waren mir beide schon draußen aufgefallen, wo wir vor der noch verschlossenen Saaltür warten mussten. Beide gutaussehend, im Gespräch mit anderen, der Freund trug einen stylischen Hut.

Ein Deutscher stellte die unangenehme Frage, ob Ye Fu mit Stasiüberwachung, also auch hier auf dieser Veranstaltung, rechne. Ich blickte mich um, konnte aus den Gesichtern der anderen aber nichts lesen.

Eine Antwort to “Ye Fu in Köln”

  1. Burkhard Risse Says:

    谢谢你的详细评论!有空,请来电!Burkhard Risse (翻譯)

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