Aléas Ich-Lektüre

Du: „Dein Derrida, Deleuze, Dekonstruktionsverständnis darbt.“
Ich: „Ich insistiere: ‚Ich.‘.“
Es: „Es existiert.“

Die Arbeitswoche stand ganz im Torikstern. Montag war das Buch da, Freitagabend ausgelesen. Ich las beim Pendeln, auf der Arbeit, wenn nichts zu tun war, und im Bett. Schutzumschlag und Banderole hatte ich abgemacht, weil sie unter dem Transport leiden würden.

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Auf der Arbeit stellte ich es, wenn was zu tun war, aufrecht auf die Fensterbank, auf die Gefahr hin, dass Kollegen neugierige Fragen stellen.

Eine versuchte den Titel zu entziffern. Der geringe Wortabstand machte ihr Schwierigkeiten. Sie las mit Kölner Zungenschlag: „Aleásisch. Was ist das denn?“ Ich zögerte, hätte sie nicht auf den Verfassernamen gucken können? Kurz nur, und sie wandte sich anderem zu.

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Dienstag rutschte es mir gleich nach diesem Foto aus dem Arm. Es wäre in eine große, schmutzige Pfütze gefallen, hätte meine rechte Hand es nicht blitzschnell im Fall ergreifen können. Dank sei der Haptik des schönen Buchs gesagt, ein stumpfer weißer Einband, ganz fein geriffelt waagerecht und in großen Abständen auch senkrecht. Das Kapitalband ist mehr magenta, während die Schrift mehr karmin wirkt. Wer kennt solche Nuancen heute noch? Das Signet des Osburg Verlags ein geschwungenes V in kreisrundem O.

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Freitag schaffte ich es nicht es im Bus auszulesen. Ein synchrones Ende des Buchs mit dem der Arbeitswoche wäre zu schön gewesen. Ein paar Seiten blieben daheim zu lesen.

Donnerstag fuhr ich morgens in der Bahn, als ich einen Kollegen bemerkte. Schnell senkte ich den Blick ins Buch, aber nicht genug, es drohte, dass ich seinen Blick in des Gesichtsfelds unscharfer Peripherie bemerken würde. Deshalb blickte ich lieber zumindest eine Weile lang aus dem Fenster. Die ebenerdige Bahn fuhr gerade in den Heumarkt ein, an einer Baustelle für die neue U-Bahn vorbei. Da sah ich, schon fast passiert, einen Bauarbeiter in eine Grube voller Stahlbewehrung stürzen. Er war gestolpert und sein Fuß ins Leere getreten. Als er aus dem Fenster verschwunden war, war sein Oberkörper noch nicht im Loch verschwunden. Ich erschrak, blickte schnell zurück, konnte aber nichts mehr sehen. Zwei Kollegen, auch sie in orangenen Westen, waren bei ihm gewesen, die würden sich kümmern. Ich dachte, nun wird sich der Kollege lange genug umgesehen haben, und blickte wieder ins Buch.

Normalerweise nützt mir in solchen Fällen die Brille. Ich neige den Kopf so, dass der dicke Brillenrand die Pupillen verdeckt, deren Blick ich nicht spüren möchte. Kurzsichtig, muss ich sie zum Lesen jedoch absetzen.

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Anders als bei Aléas Erstling DGDW, den ich wochenends zuhause las, wo ich Stellen mit Bleistift anstrich, bin ich unterwegs bleistiftlos, nur mit in die Hosentasche geklemmtem Kuli bewaffnet. Mit Kuli wollte ich aber nicht ins reine Buch reinschreiben, sondern notierte Stellen auf Papier:

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Mit möglichst mikroskopischer Schrift, damit die Arbeitskollegen mich nicht ausschnüffeln.

*

Weiter wie im Referat.

Vergleichen wir Anfang und Ende, finden wir uns am selben Ort wieder mit einer zeitlichen Differenz von einem Jahr und einem halben Tag. Dazwischen geschah nicht das Schreiben, sondern das Überarbeiten des Romans. Nicht ist die Textmenge gewachsen, aber sie hat sich verändert. Es ist nicht die x-te, sondern die erste Überarbeitung. Aléa ist anfangs ganz und vollkommen allein, am Ende ohne Intensitätspartikel. Darüber hinaus sind am Ende 1200 Arbeitsplätze entstanden.

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Ich dachte, ob sich der Roman wie Matroschkas auseinandernehmen lasse. Aber bei Überarbeitungen kommt mir mehr das Bild einer Wendeltreppe. Eine Runde ist geschafft, man befindet sich an derselben Stelle, nur etwas höher. Die Tangenten der Gehrichtungen vom Anfang zum Ende und vom Ende zum Anfang sind aber genau entgegengesetzt und führen maximal auseinander. Insofern lässt es sich vielleicht nicht entschachteln.

Genau betrachtet, herrscht zunächst die größtmögliche tageszeitliche Differenz, dann ist das Jahr um 1 weitergeschaltet, und der nächste Unterschied besteht in einer kleinstmöglichen grammatischen Differenz: Aus einem Komma ist ein Punkt geworden. Mathematisch schön ist das zwar, aber vermutlich einfach übertrieben, so was wahrzunehmen.

*

Zuletzt muss ich meine Aussage revidieren, dass Aléas Schönheit in Blog und Buch gar nicht vorkomme und sie lediglich behaupte, sie gelte als attraktiv. Das war oberflächlich gelesen. In Wirklichkeit hat sie feine Lachfalten über den Augenbraunen, die von zwei auf die Nasenwurzel zulaufenden Denkwülsten unterwölkt werden.

Sehr gut gefallen hat mir die Wolkenpassage auf Seite 341. Zumal ich wenige Tage zuvor in Bouvard und Pécuchet, übersetzt von Georg Goyert, gelesen hatte:

Um sich auf das Wetter zu verstehen, studierten sie die Wolken nach der Einteilung von Luke-Howard. Sie beobachteten Wolken, die sich wie Mähnen hinziehen, andere, die wie Inseln aussahen, wieder andere, die an Schneeberge erinnerten, und versuchten, die Nimbus- von den Cirruswolken, die Stratus- von den Cumuluswolken zu unterscheiden. Aber bevor sie die richtigen Namen fanden, hatten die Wolken ihre Form schon wieder geändert.

Und Goethe natürlich.

Eine Antwort to “Aléas Ich-Lektüre”

  1. Gregor Keuschnig Says:

    Interessanter Text, der überhaupt keine sprachliche und literarische Einordnung des Buches vornimmt, sondern stattdessen Umstände und Orte der Lektüre nebst Autorinnenbild (gibt es das Wort?) thematisiert. Man könnte es dahingehend einen dezenten Verriss nennen.

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