Karfreitagsblues

Zwei Stunden umsonst unterwegs gewesen. Das Areal V auf Melaten zweimal durchstreift ohne Riphahns Grab zu finden. Schnee rieselte leise, auf den Wegen war er schon getaut. Auf Büschen und Blättern lag er noch.

Bei der Bushaltestelle fragte einzig Wartender: Hast du eine Zigarette? Verneine. Oder Tabak? Einziger Lichtblick war Don Quixote.

Von Sancho will er haarklein wissen, wie der den Brief an Dulcinea zugestellt. War sie gerade am Sticken oder Perlenauffädeln? Sie war gerade beim Sieben. Hat sie den Brief an ihre Stirn gedrückt oder beidhändig entgegengenommen? Sie hat gesagt, ich soll ihn dahin legen. Aber nach dem Sieben hat sie ihn gelesen? Gar nicht, sie kann gar nicht schreiben und lesen. Sie hat ihn in kleine Fetzchen zerrissen, denn die im Dorf bräuchten ihre Geheimnisse nicht zu wissen. Hat sie dir ein Kleinod überreicht? Denn in den Ritterromanen werden Knechte, Mägde und Zwerge, welche Botschaften hin- und hertragen, immer mit einem Juwel entlohnt. Ein Juwel nicht, aber wenigstens Brot und Käse hab ich bekommen. So wird sie gerade kein Kleinod da gehabt haben, denn sie ist definitiv das freigebigste aller hohen Frolleins. Hoch allerdings, sie ist wohl eine Handbreit größer als ich. Wie, du hast dich mit ihr gemessen? Gemessen nicht, aber als wir so zusammen den Sack Mehl auf den Esel gehievt haben, konnte ich das merken. Da du ihr so nah standest, hast du sicherlich ihren ambrosischen Wohlgeruch wahrgenommen. Genau genommen nicht, sie roch eher wie ein Mann, von Kopf bis Fuß schweißüberströmt, wie sie war.

Eine Schwester mit einem Mann im Wagen vorgefahren. Die andere schoss aus der Haustür. Wir wären zusammengestoßen, hätte ich nicht innegehalten. Sie mit Pferdezähnen: Aha, rechts hat Vorfahrt. Ihre Schwester mit ebensolchen Pferdezähnen auf sie zu, während der greise Mann an der Autotür tüttelte. Großes Hallo. Wich auf die andere Straßenseite aus.

Im Wäldchen zwei auf dem Rad entgegengekommen. Versuchte ihre Gesichter nicht zu sehen. Die Sprecherin ob ihrer Stimme als weiblich zu verstehn. Die andere, als der dicke Brillenrahmen ihre Gestalt nicht mehr ganz abzudecken vermochte, mag auch weiblich gewesen sein.

Erleichtert wieder daheim. Wo ich finde, dass neben der abgesuchten quadratischen Parzelle auch ganz woanders ein Weg mit V bezeichnet ist. Es juckt nochmal hinzufahrn, aber wird’s mir nicht gehn wie mit dem Grab der Glasmacher mit dem Schmetterling, für das Carmen Thomas die Patenschaft innehat, das ich in mehreren Versuchen einfach nicht hab finden können auf Melaten? Mann sollte sich ein Limit setzen, x Stunden Suche, aber keine Sekunde darüber hinaus. Wenn das Gesuchte nach x Stunden nicht gefunden ist, den Plan radikal begraben. Anders könnte einen die Schimäre Hoffnung endlos hinhalten. Das wäre unvernünftig. Natürlich könnte das Gesuchte just nach x Stunden und einer Minute aufgefunden werden. Das wäre ärgerlich. Aber die Hoffnung darauf ist der Wahrscheinlichkeit nicht angemessen. Ebensogut könnte ein Auffinden nach 2*x Stunden noch nicht geschehen sein. Krampfhaftes Vermeiden des Ärgerns wegen knapp zu frühen Aufgebens sperrte einen in ein Hamsterrad, oder besser hielte dem Esel die Möhre immerfort vors Maul, und sollte bei der Entscheidung über die Größe von x außer Acht gelassen werden. Auf die Größe von x sollte allein der Gewinn durch den Fund oder besser sein persönlicher Wert Einfluss nehmen. Die Demütigung sich hinziehenden Scheiterns ist zu vermeiden.

Eine Antwort to “Karfreitagsblues”

  1. Fritz (@Fritz) Says:

    Das Grab sieht ja wie das Modell eines Gebäudes aus: http://www.kupke-bm.de/vvrtours/2002/02.01_melaten/graeber/48_riphahn.jpg

    Einer Suche ist jede Zeit würdig, wenn etwas Unbekanntes zu finden wäre. So kannst du dich damit trösten, dass dich die Suche nach dem Riphahn-Grab an so vielen anderen Lagerstätten der Erinnerung vorbeigeführt hat, die zu sehen vielleicht bewegend war und die 2 Stunden Aufwand mehr als aufwog.

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